„Wir brauchen auch das Drumherum!“

Der Verpackungsexperte Tom Ohlendorf beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Produkte sinnvoll verhüllt werden. Im Interview verrät er, warum er manchmal stundenlang im Supermarkt festhängt, was Industrie und Politik auf ihre To-do-Liste schreiben müssen und wie jeder Einzelne schon jetzt anfangen kann, möglichst wenig Verpackungsmüll zu produzieren.

Herr Ohlendorf, wann waren Sie zuletzt einkaufen?
Gestern. In einem kleinen Supermarkt hier in Kreuzberg bei mir um die Ecke. Eigentlich wollte ich mir da nur schnell eine Packung Espresso holen.

Aber?
Na ja, das hat dann doch wieder anderthalb Stunden gedauert.

Anderthalb Stunden, um ein Päckchen Kaffee zu holen?
Ich kann einfach nicht normal einkaufen. Manchmal wünschte ich, ich könnte bloß ruckzuck meinen Einkaufszettel abarbeiten. Aber das funktioniert bei mir nicht. Ich achte nicht nur darauf, was genau ich da kaufe, sondern genauer als üblich darauf, wie es verpackt ist.

Aber den Kaffee haben Sie doch da sicher nicht zum ersten Mal gekauft?
Natürlich nicht. Ins Geschäft rein, Kaffee aus dem Regal nehmen, ab an die Kasse. Das ginge. Aber auf dem Weg durch den Laden zum Kaffee fällt mir meistens in einem anderen Regal ein Produkt auf, das ich noch nicht kenne, oder ich stoße auf eine neue Verpackung.

Und dann?
Dann schaue ich mir an: Wie ist die Verpackung gestaltet? Ist sie gemessen am Inhalt überdimensioniert? Was hat sie für ein Verschlusssystem? Ich frage mich, ob man den Inhalt möglichst vollständig rauskriegt. Aus welchem Material besteht die Verpackung und woher stammt das? Enthält die Verpackung recyceltes Material? Kann sie gut sortiert werden? Lässt sie sich recyceln? Und wenn ja, wie gut? So was halt. Spätestens wenn ich dann Fotos mache und darüber nachdenke, wie man das Produkt hätte besser verpacken können, steht der Marktleiter neben mir und fragt, was ich da kontrolliere, wer mich schickt. Ich erkläre dann geduldig, warum mich das interessiert – und schwups! sind auch bei einem Mini-Einkauf ein, zwei Stunden rum. Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt, mit mir einen Wochenendeinkauf zu machen? Das muss der Horror sein.

Versuchen Sie, möglichst wenig Verpackung zu kaufen?
Wenn möglich, verzichte ich sogar ganz auf Verpackungen. Ich kaufe viel auf dem Markt ein und wenn ich im Supermarkt bin, nehme ich möglichst unverpackte Sachen. Nicht immer läuft das am Ende so, wie ich mir das vorstelle. Und oft ist das Drumrum ja auch nötig. Das vergessen wir inzwischen manchmal: dass Verpackungen eine Funktion haben. Sie schützt die Ware oder hält sie länger frisch. Hätten wir sie nicht, müssten wir viel mehr wegschmeißen. Wenn alles ausgepackt ist, achte ich natürlich darauf, die Verpackungen und ihre Bestandteile zu trennen. Mein 6-jähriger Sohn macht das auch.

Viele Menschen scheitern bei der Mülltrennung.
Verstehen Sie das?
Ein bisschen. Mir geht es manchmal auch so. Wo soll ich zum Beispiel die Verpackung von gefrostetem Brokkoli reinwerfen – in den Altpapiercontainer oder in die Wertstofftonne? Ich reiße den Karton dann immer ein bisschen ein und schaue, ob er innen mit Kunststoff beschichtet ist. Wenn ja, ab damit in die Wertstofftonne.

220 Kilogramm Verpackungsmüll produziert jeder Deutsche pro Jahr. Und es wird immer mehr. Andererseits sind wir Deutschen stolz auf unser Image als Recycling-Weltmeister.
Machen wir uns was vor?
Ja. Denn das ganze Trennen, Sortieren und Recyceln ändert nichts daran, dass wir immer mehr Verpackungsmüll produzieren, weil wir immer mehr Verpackungen gebrauchen. Wenn wir etwas wegwerfen, ist es nicht weg. Wir tun so, als ob – das ist die wahre Krise.

Können wir das ändern?
Wir müssen. Wir brauchen weniger und bessere Verpackungen. Und wir müssen vor allem auch da ansetzen, wo sich der Deckel der Tonne noch nicht geschlossen hat. Es reicht nicht, wenn hinterher alles schön recycelt wird. Wir müssen grundsätzlich etwas tun. Unternehmer müssen anders und andere Verpackungen produzieren. Käufer müssen anders konsumieren. Politiker müssen an den nötigen Stellschrauben drehen, damit der Ressourcenverbrauch insgesamt abnimmt, Ressourcen sinnvoller genutzt werden und die Müllmenge sinkt.

VERPACKUNGEN, DIE NICHT ZU VERMEIDEN SIND, MÜSSEN WIEDERVERWENDBAR ODER RECYCELBAR SEIN

Wie genau soll das gehen?
Wir brauchen konkrete Ziele. Das klingt jetzt etwas sperrig, aber ich sage das mal im Politikersprech: Wir brauchen verbindliche Abfallvermeidungsziele mit konkreten Reduktionsvorgaben. Und wir müssen genauer definieren, welche Materialien mit welchen Komponenten verwendet werden. Oftmals sind es nicht die Grundmaterialien, die das Recycling stören und zu Problemen führen können, sondern vielmehr die verwendeten Hilfs- und Zusatzstoffe. Da muss auch die Industrie umdenken.

Inwiefern?
Verpackungen zu vermeiden, muss sich die Industrie künftig ganz oben auf die To-do-Liste schreiben. Das Nächste: Verpackungen, die nicht zu vermeiden sind, müssen wiederverwendbar oder recycelbar sein. Die Auswahl von Materialien und das Design von Produkten und deren Verpackungen müssen schon in der Gestaltungsphase so ausgelegt sein, dass das Ressourcenmanagement den Begriff „effektiv“ verdient. Vor allem bei Plastikverpackungen sind wir davon weit entfernt. Schauen Sie sich nur die Käseverpackungen an.

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Haben wir gemacht.
Das Material muss reiner werden. Bei Papier oder Glas funktioniert das Recycling deswegen vergleichsweise gut. In Käsepacks sind jedoch unterschiedliche Kunststoffe miteinander verbunden. Diese so genannten Verbundverpackungen sind hochkomplexe Produkte. Sie sollen den Käse schützen, leicht zu öffnen sein und sich möglichst wieder verschließen lassen. Aber wie soll das am Ende sortiert und wie soll das recycelt werden? Wenn überhaupt, geht das nur mit enormem Aufwand. Also werden Käseverpackungen meistens verbrannt. Da gehen Ressourcen unwiederbringlich verloren. Warum wird nicht schon vorher daran gedacht, was hinterher mit der Verpackung passiert? Würde man die zum Beispiel aus einem einzigen Material herstellen, also aus Monomaterial, täte sich auch beim Recycling einiges, weil das Ergebnis nicht mehr so minderwertig wäre.

Warum konzentrieren sich Unternehmen noch immer auf fabrikneues Plastik, statt aufbereitete Altware zu nutzen?
Primärkunststoff hat, verglichen zu Kunststoffrezyklaten, oftmals einen deutlichen Preisvorteil. Zudem bestehen nach wie vor Vorbehalte hinsichtlich Gesundheitsrisiken und Materialqualität.

Wie lässt sich die Nachfrage nach recyceltem Plastik erhöhen?
Indem wir zum Beispiel gesetzlich festgelegte Mindestquoten einführen, die vorschreiben, wie viel Rezyklate in Verpackungen verwendet werden müssen. Stattdessen wird in vielen Bereichen versucht, das Bestehende nur in kleinen Schritten zu optimieren. Was zum Teil zu absurden Lösungen führt.

Zum Beispiel?
Die EU hat Einweggeschirr, Strohhalme und andere Wegwerfprodukte aus Kunststoff ab 2021 verboten. Und was machen die Hersteller künftig, wenn sie ihre Produktion nicht einstellen wollen? Sie setzen auf Teller aus Palmblättern oder Trinkhalme aus Papier.

Klingt erst mal gut.
Ja, aber Blätterteller oder Papierhalme sind nicht zwangsläufig besser. Das Rohmaterial eines Papierhalms ist Holz, die Herstellung verschlingt Wasser und Energie. Zudem ist er meist beschichtet, damit er in Getränken nicht aufweicht. Er endet schließlich in der Verbrennung. Dabei wird Strom oder Wärme aus ihm, die eingesetzten Ressourcen aber gehen unwiederbringlich verloren. Nachhaltig ist das nicht.

Was wäre denn eine Alternative?
Statt ein überflüssiges Produkt aus Kunststoff durch ein anderes überflüssiges Produkt aus einem anderen Material abzulösen, müssen wir die Wegwerfmentalität loswerden und Einweg­produkte infrage stellen. Für die meisten Einwegprodukte gibt es sinnvolle Mehrweglösungen. Ich zum Beispiel habe Trinkhalme aus Edelstahl.

Was ist mit den Papiertüten, die Plastiktüten an den Supermarktkassen ersetzt haben? Sind wenigstens die ein Fortschritt?
Sie sind nur ein anderes Beispiel für das gleiche Problem. Wenn der Verbrauch von Einwegkunststofftüten sinkt, stattdessen der Verbrauch von Einwegpapiertüten steigt, ist aus ökologischer Sicht nichts gewonnen. Es muss darum gehen, die Gesamtmenge des Tragetaschenverbrauchs zu reduzieren, unabhängig vom Material. Nutze ich eine Tüte aus Kunststoff wieder und wieder, kann das umweltschonender sein als eine Tragetasche aus Papier, die ich nur einmal verwende und danach ins Altpapier stopfe.

Deshalb wird heutzutage ja an Materialien gearbeitet, die sich auflösen, an Verpackungen, die besser recycelbar sind, auch an besseren Recyclingverfahren.
Super. Da wird viel vorangetrieben. Wichtig ist dabei immer, die tatsächliche Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Zudem wird es noch dauern, bis manche Ideen in unserem Alltag ankommen. Wir können nicht warten, bis es so weit ist.

STATT ÜBER DEN PLASTIKWAHNSINN IN DER KÄSEKÜHLUNG ZU JAMMERN UND ZU HOFFEN, DASS IRGENDJEMAND IRGENDWANN EINE NOBELPREISVERDÄCHTIGE VERPACKUNG ERFINDET, KÖNNEN WIR SCHON JETZT DINGE ANDERS MACHEN.

Was tun?
Schauen Sie, Probleme sollte man fast immer erst mal bei sich selbst angehen. Statt über den Kunststoffwahnsinn in der Käsekühlung zu jammern und zu hoffen, dass irgendjemand irgendwann eine nobelpreisverdächtige Verpackung erfindet, können wir schon jetzt Dinge anders machen: Käse auf dem Markt kaufen. Oder ihn in Läden holen, die eine Frischetheke haben. Und dort lassen wir uns den Gouda dann nicht eingezwängt in Folie rüberreichen, sondern in eine mehrfach verwendbare Dose legen, die wir mitgebracht haben und immer wieder nutzen. Das Kunststoffproblem ist damit natürlich nicht aus der Welt, aber wir würden es eindämmen. Dafür müssen wir als Konsumenten raus aus unseren Routinen.

Aber lässt sich mit Verzichts- und Sparparolen das Plastikproblem lösen?
Nicht nur – aber auch. Wir müssen lernen, mit den Möglichkeiten umzugehen. Und überlegen, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte. Erst denken, dann machen – vielleicht war das nie so wichtig wie heute. Käufer, die nicht nur ein gutes Gewissen anstreben, sondern durch ihr Konsumverhalten wirklich etwas verändern wollen, haben heute viele Möglichkeiten. Neulich im Supermarkt hat mein Sohn in der Gemüseabteilung eine Frau angesprochen. Die hatte gerade drei Paprika in der Hand, so ein rot-gelb-grüner Mix in Knisterfolie. „Das brauchen Sie nicht“, hat er gesagt und hat an der Folie geknistert. Da habe ich innerlich gefeiert.

Wie hat die Frau reagiert?
Toll. Natürlich hat sie kurz gestutzt, aber dann hat sie tatsächlich drei einzelne Paprika genommen, eine rote, eine gelbe und eine grüne. Die lagen gleich daneben. Unverpackt. 

 

Tom Ohlendorf, 41,
ist Experte für Verpackungen bei der Naturschutz­organisation World Wide Fund For Nature (WWF) in Deutschland. Der studierte Ingenieur für Verpackungstechnik hat zuvor für den Cradle-to-Cradle-Pionier Michael Braungart am Umweltforschungsinstitut EPEA in Hamburg gearbeitet. Der Gedanke des zirkulären Wirtschaftens ist, jedes Produkt bereits bei seiner Entstehung so zu konzipieren, dass alle Wertstoffe im Kreislauf bleiben. Ohlendorfs damaliger Job: Entwicklung von Konzepten für weniger und bessere Verpackungen.

 

Hier geht es zur Titelgeschichte

INTERVIEW Max Gehry  |  FOTOS Silke Weinsheimer

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