Warum meine Bluse mal eine Party ohne mich verließ

Natürlich habe ich die Hoffnung nie ganz aufgegeben. Es würde schon noch der Anlass kommen, an dem ich die goldene Seidenbluse trage. Aber die traurige Wahrheit war, dass sie Tag für Tag, Monat für Monat, ja sogar Jahr für Jahr unberührt im Schrank blieb. Ich hätte es nicht fertiggebracht, sie wegzuschmeißen oder im anonymen Kleidercontainer zu entsorgen. Sie sollte wenigstens einmal mit mir auf einer coolen Party gewesen sein.

Die Einladung zu einer Klamottentausch-Party in Leipzig über Internetforen und Mundpropaganda kam da gerade recht. In einem Abrisshaus wummerten elektro­nische Bässe durch die unverputzten Räume. Von einer massiven Säule zur nächsten waren Seile gespannt, auf denen Bügel hingen. Mäntel ganz rechts, dann Röcke, Oberteile, Hosen. Auf einem riesigen Tisch in der Mitte lagen Mützen, Schmuck, Strümpfe, Hemdchen, Tücher, Schuhe. Überwältigt stand ich in der Tür mit meinem Textilschatz. „Wo kann ich die abgeben?“, fragte ich eine junge Frau, die zwischen den Seilen hin- und herwirbelte. „Häng deine Sachen einfach dazu“, antwortete sie. „Und wie viele darf ich dafür wieder nehmen?“ „So viele du magst.“ Ich war begeistert. Das war ja wie Kommunismus – in hip. Ich ordnete meine Mitbringsel ein und ließ mich treiben. Wühlte, befühlte, probierte. Bei vielem verstand ich, warum es aus dem Kleiderschrank geflogen war. Aber bei einigen Stücken raste mein Puls. Zwischen den Kabinengängen blieb ich am Tresen hängen und beobachtete, wie meine goldene Bluse zum Star am Ständer wurde. Eine ganze Gruppe junger Mädchen versammelte sich darum und diskutierte, wem sie am besten stünde. Ich war glücklich. Nicht nur, dass ich selbst in meiner Tasche ein neues Sommerkleid hatte – mein alter Schrank­hüter hatte eine neue, eine bessere Zukunft vor sich. Und wenn nicht, würde ich sie mir bei der nächsten Party einfach wieder zurückholen.

Klamottentausch-Partys gibt es auch in Berlin.
Aktuelle Termine auf www.klamottentausch.net.

Illustration: Sandra Beer

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