Vom Ende Einer Beziehung

Harald Welzer ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei. Er hat zahlreiche Bestseller verfasst, vor wenigen Tagen erschien sein neuestes Buch „Transformationsdesign: Wege in eine zukunftsfähige Moderne“.

Herr Professor Welzer, was können wir am Müll über unsere Gesellschaft ablesen?

Vor allem, dass wir keine Beziehung mehr zu den Dingen haben, die wir erwerben. Das bezieht sich nicht nur auf die Verpackungen, sondern es schließt auch die Konsumgüter selbst ein. Das zeigt schon die Menge an Müll, die produziert wird. Das Verhältnis von der Produktion zu den Produkten ist im Kopf der Verbraucher völlig entkoppelt. Niemand weiß, wo sein T-Shirt herkommt oder welcher Aufwand nötig ist, um ein Smartphone herzustellen. Das liegt auch daran, dass es alles in Massen und zu Dumpingpreisen gibt, da verliert der Konsument das Gefühl für den Wert. Vor 40 Jahren musste man für einen Fernseher noch einen Monat arbeiten, heute reicht dafür gerade einmal ein Tag.

Das charakteristische Problem einer Überflussgesellschaft?

Der Begriff Überflussgesellschaft ist sogar eher noch eine Beschwichtigung, wir leben eher in einer Überkonsum- und Zerstörungsgesellschaft. Die Produkte werden mit aller Macht in die Zirkulation gepresst. Dass ein solches Forcieren überhaupt nötig ist, zeigt, dass viele Dinge nicht mehr produziert werden, weil sie wirklich gebraucht werden, sondern vor allem, um den Kreislauf des Kaufens und Wegwerfens in Gang zu halten. 

Aber bei der Müllentsorgung ist das Problembewusstsein beiden Menschen in den letzten Jahren merklich größer geworden.

Klar, es gibt Mülltrennung, an der sich inzwischen erfreulicherweise die meisten beteiligen, und man packt hier zu Lande auch nicht mehr bei jedem Einkauf alles in neue Plastiktüten ein. Aber von einem ausgeprägten Problembewusstsein kann man bei der großen Masse der Menschen nicht sprechen. In den letzten Jahren gab es leider auch Entwicklungen, die in die andere Richtung weisen, die Unsitte mit dem Coffee to go zum Beispiel, bei dem jedes Mal ein Pappbecher und Plastikdeckel weggeworfen wird. Rein damit in den Mülleimer und das Problem ist erledigt. Das ist das eigentliche Problem unserer Gesellschaft: Woher ein Produkt kommt, wie und wo es produziert wurde und wohin es geht – das interessiert die Menschen nicht und das wird auch systematisch unsichtbar gemacht.

Lässt sich diese Fehlentwicklung denn irgendwie wieder korrigieren?

Es muss wieder eine Relation hergestellt werden zwischen den Ausgangsstoffen, den Gütern und uns selbst. Verantwortung fängt nicht etwa bei Bio oder Öko an, sondern bei der Frage, ob man ein Produkt wirklich noch haben will, wenn man seine Geschichte kennt.

Wie lässt sich das Interesse für die Geschichte wecken?

Schauen Sie sich das Beispiel Fairphone an: Die Hersteller verwenden nur Elemente, von denen sie wissen, wo sie herkommen und wie sie gewonnen worden sind. Außerdem lässt sich das Gerät zerlegen, also reparieren. Damit ist es gleich doppelt anders als beispielsweise ein I-Phone: Ich weiß als Besitzer, dass für die Herstellung niemand geschädigt worden ist, und ich kann selbst entscheiden, wie oft ich es reparieren lasse, wie lange ich es also benutzen kann.

Aber wie entscheidend ist ein einzelnes Projekt, wenn es um die großen Probleme geht, den Klimawandel, die wachsenden Müllinseln im Ozean?

Bei der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzbewegung ist es immer wieder fünf vor zwölf, immer geht es gleich um die ganze Welt und die ganze Menschheit und die sofortige, zu allem entschlossene Rettung des Planeten. Dieser Anspruch auf Weltrettung kann nie eingelöst werden. Weder gibt es eine Weltgemeinschaft, die sich für die Rettung der Erde zuständig fühlt, noch wird es sie auf absehbare Zeit geben. Wer in den Megacitys der Dritten Welt ums Überleben kämpft, kann an der Weltrettung nicht interessiert sein. Ihm würde schon die Rettung seines Kindes vorm Verhungern genügen. Abgesehen von alldem sind die großen Ziele wie Weltrettung auch völlig ungeeignet, Menschen zu motivieren und aktiv zu werden.

Müsste eine Gefahr von einer solchen Größenordnung die Menschen nicht gerade motivieren?

Wenn von vornherein klar ist, dass etwas nicht in der eigenen Macht steht, dann gibt es psychologisch auch kein drängendes Motiv, es überhaupt erst zu versuchen. Veränderung benötigt ein positives Ziel, das auch mit den eigenen Wünschen in Verbindung gebracht werden kann. Also etwas ganz Konkretes, Greifbares, Erreichbares.

Zum Beispiel?

Ein Bäckereibesitzer könnte sich vornehmen, keine Backwaren mehr wegzuwerfen – und anfangen, die Backwaren vom Vortag und Vorvortag billiger zu verkaufen. Andere verarbeiten
Gemüse, das nicht in den Handel kommt. Es gibt Möbel­designer, die nur mit gebrauchten Sachen arbeiten. All das stellt wieder eine Relation zwischen Produkt, Produktion und Entsorgung her.

Das sind sicher lobenswerte Beispiele, aber es sind auch Einzelfälle – wie sollen sie die Einstellung einer ganzen Gesellschaft verändern?

Was sonst sollte diese Einstellungen verändern? Was hier entsteht, ist vorbildlich. Es sind Geschichten des Gelingens. Sie müssen nur auch erzählt werden.

Sie haben die Stiftung FUTURZWEI gegründet, die sich genau darauf spezialisiert hat.

Als wir damit angefangen und uns umgesehen haben, merkte ich erst, wie viele Initiativen und Einzelpersonen es gibt, die versuchen, intelligenter, also nachhaltig zu wirtschaften. Wir versuchen, diese Beispiele in der Gesellschaft zu verbreiten, um zu zeigen, wie groß die Handlungsspielräume sind und wie leicht man so etwas nachmachen kann.

Und Sie sagen dazu: „Das ist richtig, macht auch so etwas!“?

Wir erzählen nicht mit der Überschrift „Wenn du das nicht tust, dann zerstörst du die Welt“. Wir sagen durch unsere Geschichten eher: Es ist unheimlich interessant, welche Möglichkeiten ein selbstbestimmtes, intelligentes und qualitätsvolles Leben haben kann – und wie weit man damit kommen kann. Nehmen Sie zum Beispiel den Tüftler Thomas Adamec, der in Fürth eine „Verbundstoff-Elektronikschrott-Recycling-Anlage“ gebaut hat. Sie kann aus Videospielkonsolen, Fritteusen, Heißgetränkeautomaten oder Klimaanlagen wieder Aluminium, Kupfer, Kunststoff und Eisen machen.

Wie ist es möglich, dass ein Einzelner so etwas auf die Beine stellt?

Er hat 15 Jahre gebraucht. Aber es ging ihm nicht um die Mehrung des Gewinns, sondern um das Ausleben seiner Fähigkeiten. Das ist eine weitere Fehlentwicklung, die korrigiert werden muss: Nicht die Mehrung des Gewinns, sondern die Mehrung des Allgemeinwohls sollte im Vordergrund stehen. Wer den allgemeinen Nutzen vor Augen hat, der denkt auch automatisch wieder daran, was passiert, nachdem man etwas in den Abfalleimer geworfen hat.

INTERVIEW Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann

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