Schusters Junge

 

Unser Autor Christian Gesellmann hat seine löchrigsten Lieblings-Latschen aus dem Schuhschrank geholt. Er wollte sie nur reparieren – jetzt haben sie noch mehr: 1 neues Life.

Hagen ist Schuster. Klingt so altbacken wie das Wort altbacken. So altertümlich wie Schmied, Schlosser oder Scherenschleifer. So vorzeitlich wie ein verstorbener SPD-Politiker oder jemand, der die letzte Inflation miterlebt hat. Schuster, auch Schuhmacher genannt, ist tatsächlich ein aussterbender Beruf. Die Ausbildung ist hart und schlecht bezahlt. Die meisten Schuhmacher sind heute Ü50 und machen entweder orthopädische Schuhe oder stehen als mies gelaunte Mister Minit in kleinen Nischen großer Einkaufszentren wie das lebendig gewordene schlechte Gewissen der Globalisierung. Schuster sind out, weil die Leute ihre Schuhe nicht mehr reparieren lassen, sondern wegschmeißen, wenn sie kaputt sind. Oder in den Kleidercontainer packen, damit sich jemand anderes über die alten Latschen freuen kann. Mit „die Leute“ meine ich natürlich mich selbst.

Ich hab nicht viele Schuhe. Nur das Nötigste. Dachte ich jeden-falls, aber als ich doch mal nachgezählt habe, musste ich fest-stellen: In Wahrheit sind es doch, na ja, sagen wir ein gutes Dutzend Paar. Laufschuhe, Fußballschuhe, Halbschuhe, Chucks, Sneaker, Stiefeletten, Gummistiefel (aus irgendeinem Grund mit Gold besprüht)… Ich bin natürlich nicht eitel. Ich habe lediglich ein diversifiziertes Schuh-Portfolio, das flexibel auf sich verändernde Großwetterlagen und subkulturelle Schwankungen reagieren kann. Oder ich bin halt genauso ein Verschwender wie wahrscheinlich jeder, der das hier liest. No offense. Wenn deine Schuhe alle in Deutschland gefertigt sind zum Mindestlohn und aus nichts anderem als Leder, Holz und Hanf bestehen: herzlichen Glückwunsch. Der Rest von uns hat Blut unter den Fußsohlen. Du weißt schon, warum: Die meisten Schuhe werden von Frauen und Kindern in Sweatshops in Südostasien genäht, für ein paar Cent Lohn pro Stück.

DIE MEISTEN TRAGEN IHRE SCHUHE EIN BIS DREI JAHRE. DANN WERDEN NEUE GEKAUFT.

Greenpeace hat mal erfragt, wie viele Schuhe die Menschen in Deutschland durchschnittlich so haben. Die Generation 50+ hat drei Paar. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich niemanden kenne, der nur drei Paar Schuhe hat. Aber statistisch gesehen ist das wohl so, dass diese Generation nur je ein Paar für Sommer, Winter, Geburtstag/Hochzeit/Beerdigung hat. Meine Altersgruppe, die 31- bis 50-Jährigen, hat im Durchschnitt sechs Paar Schuhe. Die 20- bis 30-Jährigen zehn Paar. Die 11- bis 20-Jährigen 27 (!) Paar. Die meisten von uns tragen ihre Schuhe laut Greenpeace ein bis drei Jahre. Dann werden neue gekauft. Und was passiert mit den alten? Etwa die Hälfte landet in Müllverbrennungsanlagen im Inland. Die haben theoretisch top funktionierende Filteranlagen, damit die ganzen Giftstoffe, die dabei entstehen, nicht in der Atmosphäre landen.

Warum werden die überhaupt verbrannt? Weil die meisten Schuhe aus einem Haufen Kunststoff bestehen, der nicht recycelbar ist. Polyurethane mit unaussprechlichen Additiven, die ich der Einfachheit halber hier mal nur Stabilisatoren, Weichmacher, Flammschutz nenne, hergestellt aus giftigen Vorprodukten oder gar Kampfstoffen mit Weltkriegserfahrung. Und was passiert mit den Schuhen, die nicht bei uns verbrannt werden? Die werden irgendwo anders verbrannt, wo es keine tollen Filteranlagen gibt, oder landen als Plastikmüll im Meer oder in der Arktis oder so. Rund 3.500 krebserregende, hormonell wirksame oder sonst wie giftige Chemikalien setzt die Textilindustrie ein, um Rohmaterialien zu bunt bedruckter Kleidung oder Schuhen zu verarbeiten. Viele dieser Chemikalien findet man dann nicht nur im Umfeld der Fabriken, sondern rund um den Globus wieder – in der Küstenluft von Südafrika zum Beispiel, in der Leber von Eisbären und sogar in der Muttermilch. Das Beste, was jeder Einzelne von uns da-gegen unternehmen kann, ist: weniger Schuhe kaufen. Und die Schuhe, die wir haben, länger tragen. Und hier kommt Hagen ins Spiel. Denn Hagen repariert Schuhe, bei denen vorher gar niemand auf die Idee kam, sie zu reparieren: Sneaker. Denn die meisten Schuhmacher der alten Schule, und das kann man ihnen auch gar nicht so wirklich übel nehmen, halten es für Unfug, Schuhe, die einen Materialwert von kaum zehn Euro haben, für ein Vielfaches zu reparieren. Lohnt sich doch gar nicht, oder? Hagen sieht das anders.

Hagen ist 23, heißt mit Nachnamen Matuszak, kommt aus Berlin und liebt Sneaker. Er ist Schuhmacher geworden, weil sein Vater Schuhmacher ist. Hagen hatte aber keine Lust, irgendwo als schlecht gelaunter Mister Minit sein Dasein in Einkaufszentren zu fristen oder die orthopädischen Geburtstagsschuhe von Senioren zu reparieren. Schuster, bleib bei deinem Leisten? „Pfft“, sagt dazu Hagen, als ich ihn in seiner Werkstatt in Neukölln-Britz besuche, die er Labor nennt. „Ich hatte mehr Bock, was in meiner Altersklasse zu machen.“ Deswegen repariert Hagen auch keine Schuhe. Er rescued Sneaker. Er stopft keine Löcher, er macht Patchs und stitched Meshes. Er klebt keine Sohlen, sondern switched Soles. Ordentliches Cleaning. Vielleicht noch ein Paint-Job und ein neues Lining. You get the drill. Am Ende hängt ein Schild an den Babys, auf dem steht REVIVED.

Laut der Greenpeace-Umfrage waren 58 Prozent der 18- bis 29- Jährigen noch nie bei einem Schuster. Hagen rennen sie die Bude, sorry: das Labor, ein. Im Moment kriegt er um die 250 Paar Schuhe pro Woche zugeschickt. Seine Freundin hilft bei den Anfragen. Die Schwester macht den Insta-Channel. Zwei ehemalige Kollegen aus seinem Ausbildungsbetrieb haben inzwischen bei ihm angeheuert.

Deshalb wollte ich dort auch mal hin, zu Sneaker Rescue, und meine Lieblingssneaker wiederbeleben lassen. Weil die haben’s auch echt nötig. Und auch echt verdient. Die sind schon fast wie ein Familienmitglied, ich habe sie mittlerweile seit unglaublichen 16,5 Jahren. Gottogott. Extrem abgerockt, die Schuhe. Gelber Schaumstoff hängt wie Erbrochenes aus dem Innenfutter. Durch die Löcher auf Höhe der kleinen Zehen passen jeweils zwei Finger.

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„An was denkst du zuerst, wenn du so ein paar Schuhe in die Hand gedrückt bekommst?“, frage ich Hagen. „Na, nicht an deine Geschichte mit den Schuhen“, sagt er. Wie schade. Denn wir haben ja schon so viel zusammen erlebt. Wir waren tanzen, Fußball spielen, sind zusammen von Peking nach Hongkong geradelt und hatten Angst in Afghanistan und … na ja egal. Also, an was denkst du, Hagen? „Die können wir auf jeden Fall wieder richtig schick machen.“ Attaboy!

Das Labor ist in einem Keller in einem Backsteinwohnkarton aus den 1920er Jahren untergebracht. Es riecht nach Leim und aus einer Boombox bollert Techno. Ich bekomme eine schwarze Schürze umgehängt. Hagen holt aus dem Lager zwei Patchs. Das sind kleine Stückchen Leder, mit denen wir die Löcher stopfen werden. Die Patchs müssen wir dazu an den Rändern ganz dünn machen. Dazu nimmt Hagen ein Teppichmesser, setzt es ganz flach an und schlitzt die Oberschicht ab. Jetzt bin ich dran. Ich setze das Messer ganz flach an und … nee, passiert erst mal gar nichts. Die Klinge flutscht über das Material, nichts ist abgetragen, außer ein paar Fussel. Nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nochmal ran. Wieder nichts. Ähem. Nochmal. Erste kleine Schweißperlchen auf meiner Stirn. „Gar nicht so einfach“, sag ich. „Übungssache“, sagt Hagen. „Das ist eine der ersten Sachen, die man in der Ausbildung macht. 150 solche Patchs nacheinander. Dann hast du’s drauf.“ So viel Zeit haben wir jetzt nicht, weil auch dauernd Leute reinkommen und nervös ihre Schätzchen auf den Tresen packen, Wracks von Schuhen, und fragen: „Kannst du da noch was machen?“

Beim nächsten Rescue-Schritt bin ich wieder voll drin: Leim auftragen. Mit einem Pinsel aus einem kleinen Töpfchen. Einmal ganz dünn draufstreicheln. Zehn Minuten warten. Dann nochmal auftragen. Wieder warten. Und dann das Patch innen im Schuh auf das Loch drücken, gleichzeitig außen das Loch zudrücken. Dit war’s, Schuhe wieder dicht!

DIE INDUSTRIE HAT KEIN INTERESSE DARAN, DASS LEUTE IHRE SCHUHE REPARIEREN.

Als Nächstes kommt das Innenfutter dran. Das alte wird vorsichtig rausgetrennt. Ich suche mir aus einer großen Kiste einen neuen Stoff raus, Mesh genannt. Den hat Hagen im Internet gekauft, genau wie für die Sohlen kann er dafür keine Originalmaterialien von den Herstellern verwenden, weil sie die einfach nicht rausrücken. „Die Industrie hat kein Interesse daran, dass Leute ihre Schuhe reparieren“, sagt er. Original war mein Innenfutter grau. Eventuell war es auch mal weiß. Egal. Das neue wird fliederfarben. Oder was meinst du, Hagen? „Klar, sieht fett aus!“

Mit einer hornalten Nähmaschine, die mit einem Handrad in Gang gebracht wird, wird der Stoff auf links am Schuhschaft ganz langsam der geschwungenen Form folgend angenäht und dann im Fußbett festgeklebt. Stark. Am Ende putzen wir dann noch. Mit Shampoo und Bürste, schrubb, schrubb, schrubb. Des-wegen hat der Hagen so krasse Unterarme. Geht ganz schön in die Muskulatur. Die Schnürsenkel werden auch eingeweicht und shampooniert. Zweimal der ganze Durchgang. Meine Arme werden noch drei Tage danach wehtun, aber die Schuhe sind so weiß, dass es blendet. Dann werden sie noch desinfiziert und imprägniert. Die riechen jetzt nach Limone. Ich flipp aus. Zwei bis drei Stunden braucht Hagen im Durchschnitt für die Wiederbelebung abgerockter Sneaker.

Die ganze Reparatur kostet am Ende mehr, als neue Schuhe gekostet hätten. Aber wert ist es das auf jeden Fall. Wegen der Geschichten. Wegen des Gewissens. Und wegen der Welt und der Zukunft. Und außerdem: Fliederfarbenes Lining hat keiner außer mir. Bämm!

 

TEXT Christian Gesellmann | FOTOS Stephan Pramme