Schon mal einen Biogas-Reaktor gebaut?

Wie das geht, wissen in Berlin schon Zehnjährige – dank der Aktionstage der Technologiestiftung Berlin (TSB)

Der sonst nüchterne Seminarraum im sechsten Stock der Berliner Humboldt ­Universität sieht aus wie verwandelt. Die Tische sind zu einem Parcours mit mehreren Stationen aufgebaut, an denen man rätselhafte Utensilien einsammelt: Erst nimmt man eine weiße Unterlage und eine schmale Baumscheibe, dann wählt man an der zweiten Station ein Schäl- oder Küchenmesser. Es folgen ein bunter Protokollbogen, Bleistifte, noch nicht aufgepustete Luftballons und in Alufolie gewickelte Suppenwürfel, leere PET-Wasserflaschen, eine große Schüssel mit dunkler Erde, eine Schale mit Wasser sowie zwei Tische, auf denen Lebens­mittel­reste flächig ausgebreitet sind. Von Mangos über Salat bis hin zu Kohlköpfen ist alles dabei. Was hat das zu bedeuten? Die Kinder der fünften Klassen, die hier mit ihren Naturwissenschaftslehrern hereinschnuppern, sind jedenfalls ganz bei der Sache. Im Rahmen der TSB-Aktionstage erklären die Biologin Karin Drong vom NABU Berlin und Claudia Frohn von der BSR, wie Biogas entsteht und was eine Biovergärung ist. Ganz praktisch lernen die Kinder über die Möglichkeiten der Weiterverwertung von Lebensmitteln – als Biogas und auch Kompost. „Biogas ist den meisten Kindern ein Begriff“, sagt Karin Drong. „Aber bei uns können sie es im Rahmen eines Versuchs selbst herstellen.“ Denn jetzt kommen die rätselhaften Dinge zum Einsatz: Die Baumscheiben dienen als Brettchen – auf ihnen zerschnippeln die Kinder die Gemüsereste und stecken sie dann in die Wasserflasche. „Igitt, das ist ja ganz schleimig!“, heißt es da manchmal. Oder auch: „Darf der Schimmel mit in die Flasche?“ Ein Junge traut sich nicht, eine braune Banane anzufassen. „Es ist erstaunlich, wie groß die Berührungsängste der Kinder mit etwas so Alltäg­lichem wie einem angeschlagenen Obst oder Gemüse sind“, sagt Claudia Frohn. „Aber die Scheu verfliegt schnell“, ergänzt Karin Drong. „Anfangs schieben die Kinder die Gemüsestückchen nur vorsichtig mit der Gabel in den Flaschenhals, wenige Momente später quetschen sie ganze Pflaumen munter mit den Fingern hindurch.“

Damit die Vergärung beginnen kann, braucht es aber noch mehr als Gemüse­reste in der Flasche. Komposterde, die löffelweise beigegeben wird, steuert die Bakterien bei, Wasser vermischt die Menge schön. Und der Brühwürfel? Der liefert die nötigen Mineralien für das Biogas. Ist die Mischung angesetzt, stülpen die Schüler noch den Ballon über den Flaschenhals und fertig ist der Biogas-Reaktor.

Die Schüler sind begeistert und arbeiten mit wie kleine Wissenschaftler. „Für sie ist es etwas Besonderes, an der Universität ‚arbeiten‘ zu dürfen“ , sagt Karin Drong, „bei dem Versuch sind sie ganz konzen­triert bei der Sache.“ Die Mini-Reaktoren nehmen die Nachwuchsforscher mit zurück an ihre Schulen. Dort kann man die Gasentwicklung sehen, je nach Temperatur manchmal sogar schon am nächsten Tag. Dann nämlich bläst das Biogas den Luftballon auf. Und wenn er platzt – ist das ein Lernerfolg.

ILLUSTRATION Juliane Filep