Saubere Strassen

Kippen, Kaugummi, Kronkorken. Zurückgelassene Abfälle verunstalten den öffentlichen Raum. Doch was lässt sich dagegen tun?


Mit den ersten Frühlingstagen steigt nicht nur die Temperatur, sondern auch der Müll. Je mehr Menschen draußen sind, desto mehr Abfall wird gedankenlos auf die Straßen oder in den Park geworfen. Ein Kaugummi hier, eine Kippe da. Jeder kennt es. Jeder hat es schon mal getan. Doch kaum einer weiß, dass diese Unart einen Namen hat: Littering. Gemeint ist das achtlose Auf-den-Boden-Werfen sowie das Zurücklassen von Müll.

Die Humboldt-Universität hat 2017 eine wiederholte Studie veröffentlicht, in der sie die Verschmutzung im öffentlichen Raum in Deutschland untersucht hatte. Am häufigsten nehmen wir Kippen an Haltestellen und vor S-Bahn-Stationen wahr. Interessant ist, dass 2005 noch Hundekot auf Platz eins rangierte, mittlerweile aber kaum noch bemerkt wird, da immer mehr Menschen den Kot ihrer Hunde mit Plastiktüten aufsammeln.

Nur wer sind die Übeltäter? Wie die Wissenschaftler herausfanden, hängt die Neigung, den eigenen Müll einfach auf der Straße oder in Parks zu lassen, weder vom Geschlecht noch vom Bildungsstand ab, vielmehr hängt es davon ab, ob wir zum bewussten Wegwerfen erzogen wurden.

Junge Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren werfen am achtlosesten weg, gefolgt von Jugendlichen. Jugendliche sind übrigens die einzigen, die häufiger littern, wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind. Bei allen anderen ist es umgekehrt.

Aber warum fällt es uns so schwer, bis zum nächsten Mülleimer zu gehen, um unseren Abfall zu entsorgen? Warum müllen wir Straßen und Parks zu? Erwischt man einen Litterer auf frischer Tat, heißt die Ausrede Nummer eins, es gäbe zu wenig Abfalleimer. Doch hier klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander, denn in 45 Prozent der Fälle stand einer maximal zehn Meter entfernt.

Bewusster Umschauen ist also etwas was wir uns im Kampf gegen Littering vornehmen sollten.

Auf den Boden schnipsen, aus­treten, weitergehen. Jeder Raucher kennt diese Bewegungsabfolge. Doch so locker sie vielleicht aus­sehen mag, so schädlich ist sie für die Umwelt. Noch in den Stummeln sind so viele Giftstoffe, dass sie zu toxischem Sondermüll werden. Nagetiere könnten sich an ihnen vergiften. Dabei haben fast alle der 23.000 Berliner Papierkörbe einen Kippeneinwurf.

Aber muss überhaupt so viel Müll sein?

Der To-go-Becher ist eine der zentralen Littering-Erscheinungen der letzten Jahre. In Berlin werden täglich mehr als 460.000 Einwegbecher besinnungslos in die Natur, Straßen und Mülleimer geschmissen – jährlich sind es sogar 170 Millionen Stück. „Berlin gibt den Becher ab!“ ist deshalb das Motto der Bewegung #betterworldcup. Kaffee schmeckt aus Glas oder Porzellan sowieso besser. Und der Wechsel lohnt sich: Immer mehr Berliner Cafés und Bäckereien geben Rabatt auf Heißgetränke in Mehrwegbechern.

Die passen auch gut in den Korb mit dem Picknickgeschirr, mit dem im Park deutlich weniger Abfall entsteht. Mal ganz davon zu schweigen, dass er wesentlich stilvoller ist als ein Alugrill, Plastikgabeln und Dosenbier. Ganz Unermüdliche können „Kehrenbürger“ werden und Spielplätze aufräumen, Wiesen säubern oder Blumen in Innenhöfen pflanzen. Die ehrenamtlichen Helfer werden von der Berliner Stadt-reinigung mit einem Kehrpaket unterstützt.

Nur was tun mit all dem angehäuften Abfall? Anstatt Kronkorken auf den Boden zu werfen, sollte man sielieber in Straßenpapierkörben oder Wertstofftonnen entsorgen. Oder sammeln und nach Pankow bringen. Der Verein Kunst-Stoffe versteht sich als Zentralannahme­stelle für wieder­verwertbare Materialien. Heimwerker, Künstler und sogar Kindergärten bedienen sich dann der Materialien aus dem Lager.

Gerade Kronkorken, aber auch andere Müllüberbleibsel lassen sich nämlich super im Kunsthandwerk benutzen. Auf der Website Hauptstadtunikate finden sich zahlreiche Mode- und Schmuckeinzelstücke mit Littering-Vergangenheit. Barbara Oesterreich verkauft dort Handtaschen aus PET-Flaschen­deckeln und Umweltbeuteln. Jede Tasche wird liebevoll von Hand gefertigt. Als ihr Markenzeichen arbeitet sie einen kleinen Deckel mit einem Berliner Bären ein.

Auch in anderen Städten wird Littering in Design verwandelt. Zum Beispiel in Amsterdam, wo aus den abgekratzten Kaugummis die Sohle eines Turnschuhs gemacht wird. Der Gum Shoe hat eine Hubba-Bubba®-mäßig rosafarbene Sohle und hinterlässt bessere Spuren als ausgespuckte Süßigkeiten.

TEXT  Zola Schumacher | ILLUSTRATION Julia Fernández