Russenhocker

Unser Autor Nik Afanasjew hat als Kind in Russland an Birken geleckt.
Jetzt lernt er, wie man aus dem Baum noch mehr ra
usholt.

Birkenrinde wird vom Baum gezogen, wie eine Tapete von der Wand

Wenn ich kräftiger ziehe, wird sie schon nachgeben, diese Birkenrinde. Eigentlich muss ich nur einen drei Zentimeter breiten Streifen von diesem lederartigen Etwas durch eine Lasche aus Metall führen und mit einem Klettverschluss befestigen. Klingt jetzt nicht so kompliziert. Aber die Birke ist widerspenstiger, als sie aussieht. Sie will nicht so, wie ich möchte. Sie will frei sein, ich will einen Hocker aus ihr machen. Denn ich bin heute Hocker-Praktikant.

Meine Chefin ist die Berliner Designerin Anasta­siya Koshcheeva, die diesen Hocker entworfen hat. Jetzt sitzt sie neben mir und passt auf, dass er stabil wird, aber federt, edel wirkt, und trotzdem einfach. Sie beugt sich über meine ungeübten Hände. Ich ziehe nach Kräften. „Der Hocker ist eines meiner wichtigsten Produkte“, sagt sie nüchtern. Ja klar, denke ich, nur schön Druck aufbauen auf den Prakti. Und das am ersten Arbeitstag.

„Bei der Birkenrinde kannst du nicht alles auf einmal machen, nur Schritt für Schritt“, sagt Anastasiya und hilft mir nicht nur bei der Zähmung der Birkenrinde, sondern vor allem bei der richtigen Anordnung der Streifen. Es muss einen Handwerker-Trick geben, denn sobald Anastasiya selbst zugreift, entwickelt die zierliche Designerin mit markanter Brille so viel Kraft, wie ich ihr kaum zugetraut hätte. „Stärker!“, ruft die Chefin. „Spannung halten!“ Ich komme mir vor wie bei einem Yoga-Kurs, den ich nicht gebucht habe. Unendlich zähe Steckverbindungen später halte ich den Hocker in die Luft: knallig neonoranges Stahlgestell, bespannt mit Birkenrinde, hergestellt in Hand­arbeit. Pause.

Anastasiya und ich gehen an die frische Luft, ein Hinterhof mitten in Kreuzberg, umgeben von Firmengründern in Jacketts und Sneakers. Vor 13 Jahren kam die heute 32-Jährige aus dem sibirischen Krasnojarsk nach Deutschland – zuerst um Deutsch zu lernen, dann um Produktdesign in Coburg und Potsdam zu studieren. Im Gepäck hatte sie auch eine Keks-Dose aus Birkenrinde, ein Geschenk ihrer Mutter, eines dieser typischen sibirischen Behältnisse, braun, rund, mit folkloristischen Motiven verziert. „Etwas kitschig, aber Touristen kaufen so etwas“, erzählt Anastasiya. Da die Dose der angehenden Designerin nicht gefiel, stand sie mehrere Jahre im hintersten Winkel ihrer Küche. „Als sie mir wieder in die Hände fiel, waren die Kekse noch frisch“, erzählt sie. „Durch die ätherischen Öle der Birke entsteht in so einer Dose ein besonderes Klima, das die Lebensmittel länger frisch, trocken und aromatisch hält.“

So kam Anastasiya auf die Idee, sich der Birke anzunehmen, die in Deutschland heute eher unter Pollen­allergikern denn Produkt­entwicklern bekannt ist. Dabei hält sie nicht nur Lebensmittel frisch, sondern ist auch wasserabweisend, wirkt antibakteriell, ist ein guter Dämmstoff, lässt sich biegen, schneiden, formen. „Und sie ist nachhaltig!“, schwärmt Anastasiya. Birkenrinde lasse sich nämlich bis zu zwei Mal pro Jahr vom Baum ernten, ohne diesen zu schädigen. Dazu wird sie vom Baum gezogen, wie eine Tapete von der Wand. Sie wächst dann einfach nach.

Anastasiya gerät bei der Birke leicht ins Schwärmen. „In Sibirien gibt es diese weitläufigen reinen Birkenwälder, die haben für mich eine ganz besondere Kraft.“ Ihre Begeisterung für den wundersamen Baum wurde ihr früh mitgegeben. „Ich habe als Kind Birkensaft getrunken und kann mich noch an diesen süßlichen Geruch erinnern.“

Auch bei mir kommen Erinnerungen hoch. Wie Anastasiya bin auch ich in Russland aufgewachsen. Und auch ich habe als Kind mit meinen Eltern Birken angezapft, um den gesunden Saft zu trinken, der manchmal regelrecht aus dem Baum strömte und bisweilen nur tropfte, sodass ich mich mit der Zunge am Baumstamm wiederfand. „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ heißt ein zum Klischee gewordener Romantitel der Autorin Olga Grjasnowa. Aber es stimmt. Wobei der Umgang mit dem Lieblingsbaum nicht nur lieblich war. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir damals die Birke außer für ihren Saft hauptsächlich dazu genutzt, schnell ein Feuer zu entfachen. Sie brennt leicht. Einen Kerzenständer würde ich nicht daraus bauen.

Anastasiya schaut auf ihre Uhr, sie will sicher weitermachen und nicht meine Geschichten von intimen Baumberührungen hören. Ich schaue auch auf ihre Uhr. Das Armband ist aus Birkenrinde.

Anastasiyas Büro und ihre Werkstatt liegen gleich Tür an Tür, hier entwirft sie für ihr Label Moya – russisch für „meine“ – nicht nur Hocker, sondern auch Lampen, Aufbewahrungskörbe, Vorratsdosen oder ihr teuerstes Stück, den Loungesessel „Sibirjak“, den sie schon zu Studienzeiten entwickelt hat. Er ist eines dieser Designobjekte, die kantig und grazil zugleich aussehen, und kostet 5.800 Euro. „Das ist ein Liebhaberstück. Davon habe ich erst drei verkauft“, erklärt Anastasiya. Die passende Rinde für einen solchen Sessel komme in der Natur sehr selten vor und erfordere eine aufwändige Materialselektion. Ohnehin gilt der Sessel unter Möbeldesignern als Königsdisziplin.


,,Stärker!“ , ruft die Chefin. ,,Spannung halten!“

Der Sibirjak ist auch das einzige Objekt, das sie weiterhin noch ausschließlich selbst und in Deutschland herstellt. Ihre anderen Produkte lässt sie mittlerweile in Sibirien fertigen. Sieben Angestellte beschäftigt sie dort, bildet auch aus. Ein zweiter Standort mit nochmals sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird gerade aufgebaut. „Es ist mir wichtig, die handwerkliche Tradition in Russland zu erhalten“, erklärt mir Anastasiya, während ich auf dem vorhin selbst bespannten Hocker Platz nehme. Ziemlich bequem.

Doch wie das so ist mit Traditionen, müssen sie manchmal nicht nur erhalten, sondern geradezu neu zum Leben erweckt werden. „Zu Sowjetzeiten durften die Leute ja nicht individuell etwas erschaffen, sondern sollten in den staatlichen Betrieben Massenware produzieren“, erzählt Anastasiya, deren Großvater Schreiner war und deren Vater immer noch Schreiner ist. Seit 1990 dürfen die Menschen zwar werkeln, wie sie wollen. Aber das nutzen die meisten für folkloristische Körbe, wie sie an Flughäfen und Bahnhöfen feilgeboten werden. Sie sind allerdings meist ebenmäßig hellbraun, weil die Innenseite der Borke nach außen gekehrt wird. Bei Anastasiyas Produkten dagegen ist die weiße Seite außen, wie auch beim Baum selbst, in freier Natur. An den Wänden in Anastasiyas Büro hängen sogar Wandpaneele aus Birkenrinde. Mit ihrem gräulichen Weiß und intensiven dunklen Einkerbungen gleichen sie expressionistischen Gemälden.

Schon im Mittelalter war die widerspenstige Birkenrinde ein beliebter Werkstoff. Aus ihr wurden in Russland Schuhe und in Nordamerika Kanus gefertigt. Ihre antiseptischen Eigenschaften wurden von Schamanen geschätzt, sie wurde auch gegen diverse Hautkrankheiten eingesetzt. Eigentlich unglaublich, dass ein solcher Stoff heutzutage so wenig geschätzt wird. In Deutschland ist die Fichte der wichtigste Nutzbaum, ob bei der Herstellung von Papier, als Bau- oder als Brennholz. Für all diese Zwecke müssen die Fichten allerdings geschlagen werden.

Um meine Augen kurz von all der Birkenrinde zu entspannen, schaue ich aus dem Fenster. Und entdecke im Innenhof – na, was schon? – eine große Birke. „Das ist Zufall“, sagt Anastasiya und lacht. Zwar gibt es mehr als 50 Birkenarten, für die Herstellung von Anastasiyas Produkten eignet sich die in Deutschland verbreitete Art aber nicht. Sie benutzt deshalb die besonders feste sibirische Birke, die eher „nördlich des 60. Breitengrades“ wächst. „Die Arbeiter gehen für mehrere Wochen richtig in die Taiga und machen da so ein Männerding draus, ich durfte bisher nicht mit.“ Das will Anastasiya aber ändern, im kommenden Jahr wird sie bei der Ernte dabei sein – und das nicht nur aus reinem Interesse. „So kann ich noch im Wald die passende Borke aussuchen, damit auch nur die geerntet wird.“

Wir gehen wieder an den Werktisch. Dort darf ich mich an unbearbeiteter Birkenrinde versuchen. Mit einem Messer ziehe ich eine wenige Millimeter dicke Borke in zwei Hälften, als würde ich eine Zwiebel häuten, und zwar diese pergamentartige Schicht, direkt unter der Schale. Während die äußere Schicht mit ihrer charakteristischen Maserung sich von allen anderen abhebt, gleichen sich die Schichten darunter zunehmend. „Die Kunst ist, die richtige zu erwischen“, sagt die Chefin. Wer würde da widersprechen? Nur: Was ist die richtige Schicht? „Das hängt davon ab, was genau wir machen wollen.“ Manchmal sind die Anweisungen der Chefin so kryptisch wie die mythisch überhöhte russische Seele. Jetzt hätte ich gerne einen Schluck Birkensaft mit Schuss.

Nun noch die Lampenschirme für Hängeleuchten. Die Steckverbindung ist die gleiche wie bei den alten Folklore-Dosen: ein Pfeil, der durch eine schmale Öffnung getrieben wird. Dafür übergießen wir die Rinde zunächst mit heißem Wasser, sie wird formbar, und schon stecke ich den Lampenschirm zusammen. Anschließend muss nur noch die Fassung eingeschraubt und eine Glühbirne reingedreht werden – fertig ist die Lampe. „Gut gemacht!“, sagt Anastasiya. Endlich habe ich sie gezähmt, die wilde, freie Birkenborke. Ich habe nur das richtige Wässerchen gebraucht. Jetzt bin ich ein Russe, der Birken nicht nur liebt – sondern auch biegt.

TEXT Nik Afanasjew  FOTOS Stephan Pramme