„Produkte von Gestern müssen halt weg!“

Stefan Kreutzberger beschäftigt sich seit Jahren mit Nachhaltigkeitsstrategien in Politik und Wirtschaft. Im Interview erklärt er, wie man Marketingaktionen von wirklichen Nachhaltigkeitsstrategien unterscheiden kann, welche Rolle die Politik spielen sollte und wie Discounter unser Konsumverhalten beeinflussen.

Herr Kreutzberger, geht’s heutzutage noch ohne Nachhaltigkeit?
Natürlich geht es nicht. Die Frage ist nur: Wie definiert man Nachhaltigkeit?

Ja, wie denn?
Die berühmte Definition der Brundtland-Kommission zur Nachhaltigkeit von 1987 besagt: ‚Entwicklung zukunftsfähig zu machen heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.‘ In
der UN-Konferenz für Entwicklung und Umwelt in Rio de Janeiro 1992 wurde dann festgelegt, dass es dabei immer einen Gleichklang zwischen ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Nachhaltigkeit geben muss. Das hinzubekommen gleicht einem Wunder. Denn diese drei Prinzipien schließen sich in unserer momentanen Gesellschaftsweise aus.

Immer mehr Großkonzerne verfolgen „Nachhaltigkeitsstrategien“. Wann und warum fing das an?
Nach der Konferenz in Rio ging es in Deutschland langsam damit los, dass Großkonzerne Öko-Berichte oder Öko-Bilanzen veröffentlichten. Opel beispielsweise war 2002 der erste Autobauer, der dann einen umfassenderen Nachhaltigkeitsbericht verfasste. VW zog ab 2005 nach. Die Berichte sind richtig super geschrieben. Wenn man dann erfährt, wie sie in der Zeit ihre Kunden hinsichtlich der Abgase betrogen und belogen haben, macht einen das fassungslos.

Gibt es einen Großkonzern, der Sie persönlich mit seinem Nachhaltigkeitskonzept überzeugt?
Ich kenne bislang keinen, ich kann es leider nicht beantworten. Bei kleinen und mittleren Unternehmen sieht das allerdings anders aus. Hier finden sich viele gute Ansätze und Konzepte.

Was ist das Problem mit Großkonzernen und Nachhaltigkeit?
Die Frage ist doch: Warum machen ressourcenfressende und global agierende Konzerne auf Nachhaltigkeit? In erster Linie natürlich, um ihre Umsätze zu steigern. Es bringt für die Umwelt nichts, Produkte effizienter zu gestalten, um dann noch mehr davon zu verkaufen. Autos sind das beste Beispiel. Das richtige Nachhaltigkeitskonzept ist nicht, Autos mit einem Spritverbrauch von 5,7 statt 7,5 Litern zu bauen und davon umso mehr zu verkaufen – an Leute, die vorher kein Auto hatten. Der richtige Weg wäre, das Gewicht und die Leistung eines Autos deutlich zu reduzieren, ansprechende Alternativen zum Individual­verkehr zu schaffen, bessere Radwege zu bauen und Ähnliches. Auch E-Autos mit in der Herstellung energieintensiven und umweltzerstörenden Lithium-Batterien führen die Idee der Nachhaltigkeit ad absurdum. Ich will nicht sagen, dass die Unternehmen keine Umsätze und Gewinne machen sollen, aber bitte mit wirklich nachhaltigen und gemeinwohlorientierten Produkten.

Wenn man über Unternehmen und Nachhaltigkeitsstrategien spricht, dann kommt man an dem Thema Greenwashing nicht vorbei. Was ist das?
Greenwashing, also Grünfärberei, findet sich überall dort, wo die Grundproduktion nicht grün ist. Der Konzern lenkt durch geschicktes Marketing davon ab, indem er einen grünen, guten Zweig der Produktion medial enorm aufbläst und so das Nicht-Grüne überdeckt. Oder indem er Maßnahmen verspricht, die er so nicht einhalten wird. Ich ziehe mir ein umweltfreundliches
grünes Mäntelchen an, das verdeckt, wie dreckig und umweltschädlich ich eigentlich bin. So hat beispielsweise E.ON 2008 in einer Werbung so genannte Gezeiten-Kraftwerke versprochen…

…Wasserkraftwerke, die Energie aus dem Tidenhub des Meeres in elektrischen Strom wandeln und daher umweltfreundlicher sind als Kohlekraftwerke…
Bis auf eine kleine Pilotanlage wurden diese Kraftwerke allerdings bis heute nicht realisiert. Das Grundproblem bei Nachhaltig­keitsdiskussionen ist, dass die Strategien der Konzerne bewusst immer nur einen sehr engen Ausschnitt betrachten. Herstellungskosten und ökologische und soziale Folgekosten werden ausgeblendet und eben nicht einberechnet. Die werden an die Steuerzahler und die Politik ausgelagert. Die Zeche für ewig strahlenden Atommüll, Bergbauschäden und vergiftete Böden darf die Allgemeinheit tragen.

Ist das nicht alles wahnsinnig durchschaubar?
Nein, das ist es eben nicht. In den kleinen Ausschnitten, die die Konzerne präsentieren, wirkt das alles stimmig und schön. Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Es gibt viele Differenzierungen, die zu berücksichtigen sind.

Helfen denn die Siegel, die auf den Produkten abgedruckt sind?
Es kommt darauf an. Jedes der an die tausend Siegel hat einen anderen Hintergrund und eine andere Grundlage. Manche Konzerne bauen sich sogar ein eigenes Gütezeichen. „Aus verantwortlicher Landwirtschaft“ – dieses Fantasie-Siegel gibt es wirklich, sagt aber gar nichts über Nachhaltigkeit aus. Viele Unternehmen kaufen sich einfach das billigste Siegel mit den geringsten Verpflichtungen und stellen sich dann als größte Sozial-und Umwelthelfer dar. UTZ im Kaffee- und Kakaosektor ist beispielsweise so eins. Bei dem teureren Fairtrade-Siegel sind die Verpflichtungen schon höher, insbesondere bei der Mindestvergütung. Es stellt sich allgemein die Frage: Wer überprüft eigentlich die Zertifizierer? Die legen die Richtlinien einfach selbst fest und werden von ihren Auftraggebern bezahlt. Die Feinheiten der Unterschiede sind für den Verbraucher meistens schwierig bis gar nicht mehr nachvollziehbar.

Was kann dann helfen, um nachhaltige Produkte zu erkennen?
Es muss faire soziale Mindeststandards über die gesamte Produktions- und Lieferkette geben, die gesetzlich festgeschrieben sind. So wie im Lebensmittelbereich: Das EU-Bio-Siegel ist tatsächlich das erste und bislang einzige Siegel, das einheitlich für die gesamte EU und Importe gilt und gesetzlich eindeutig geregelt ist. Seitdem sind die Begriffe „Biologisch“ und „Ökologisch“ geschützt und dürfen nicht zweckentfremdet werden.

Auch das Unternehmen Lush übt scharfe Kritik an den Siegeln und nennt dies als Grund, keine Siegelzertifizierungen zu haben.
Lush hat eine Nische gefunden, in der sich das Unternehmen glaubwürdig darstellen kann. Lush ist aber auch keine Naturkosmetikfirma, auch wenn sie sich so verkauft. Sie verwenden beispielsweise Parabene, auf die andere problemlos verzichten. Sie könnten also durchaus grüner sein, sich auch zertifizieren lassen, aber sie entscheiden sich aus wirtschaftlichen Gründen dagegen.

Wie stehen Sie zu den anderen Maßnahmen, die wir in der Titelgeschichte vorstellen? Coca-Cola beispielsweise recycelt an seinem Standort Genshagen mehr als 99 Prozent der in der Produktion angefallenen Wertstoffe.
Das ist eine wirtschaftlich sinnvolle Entscheidung, weil es billiger ist, das so zu entsorgen. Hier stellt sich die Frage: Warum geht Coca-Cola denn nicht weg von Einwegflaschen und hin zu Glas im Mehrweg, wie das früher war? Wenn ich einen einzigen Punkt nehme und den aufblase, dann ist das Greenwashing. Man lenkt von den wirklichen Problemen ab: dass Coca-Cola Generationen von Kindern mit Zuckerlösung vergiftet und abhängig macht.

Auch das „Zweite Chance“-Modell von Ikea ist sicher  nicht ganz ohne wirtschaftliche Interessen zu verstehen oder wie sehen Sie das?
Ikea nimmt beim Programm „Zweite Chance“ alte Ikea-Möbel zurück und verkauft sie als „gebraucht“. Das ist löblich und dient in erster Linie der Kundenbindung. Gleichzeitig verschlingt Ikea als Möbelkonzern aber für Billy und Co. etwa ein Prozent der weltweiten Holz­produktion, auch aus Urwäldern.

Sie schlagen den Konzernen vor, grundsätzlich neu zu denken und ihre Produkte ganz neu aufzustellen. Die Cradle to Cradle-Produkte von C&A müssten Ihnen ja dann gefallen…
Der Wiege-zu-Wiege-Ansatz ist für sich gesehen super, da er in Verwertungskreisläufen der verwendeten Materialien denkt. Aber leider berücksichtigt er, produktbezogen wie er ist, nicht die sozialen Arbeitsbedingungen.

Der Lebensmittelbereich ist Ihr Steckenpferd. Hier passiert gerade eine ganze Menge. Der Systemgastronom Nordsee arbeitet mit biologisch abbaubaren Doggy Bags, der App „Too Good to Go“ und Strandaufräumaktionen. Wie finden Sie diesen Ansatz?
Nordsee hat ein grundsätzliches Problem, nicht nur den Müll: Die kaufen jede Menge Fisch von diversen Hochseeflotten ein. Und zwar nicht nur in der Nordsee, sondern auch vor den Küsten Afrikas, die bald leergefischt sein werden. Und damit nehmen sie den Fischern dort ihren Lebensunterhalt weg. Die soziale Komponente muss immer auch eine wesentliche Rolle spielen.

Auch im Einzelhandel sind spannende Entwicklungen zu beobachten. Viele Discounter sind auf den Bio-Zug aufgesprungen. Warum machen die das und was bedeutet dies für die Branche?
Wenn die Großen einsteigen, dann gehen die Kleinen kaputt. Dass Aldi, Lidl und andere Discounter Bio-Ware anbieten, merken die Bio-Ketten und die kleinen Bio-Läden natürlich. Gerade bei Lidl ist die Entwicklung beachtlich. Vor ein paar Jahren durften die Lidl-Mitarbeiter nicht einmal einen Betriebsrat gründen, heute verkauft Lidl Bioland und 20 Prozent der Bananen sind Fairtrade – mit dem Ziel, auf 100 Prozent zu kommen. Kaufland, wie Lidl Teil der Schwarz-Gruppe, verkauft jetzt Demeter. Demeter! Da diskutiert man innerhalb der Bio-Branche natürlich hitzig, ob man das als Bio-Hersteller mitmachen darf. Oder ob man dadurch seinen ganzheitlichen Anspruch verliert und sich zukünftig von den verhandlungsstarken Discountern über den Tisch ziehen und die Preise diktieren lässt.

Sind diese Sortimenterweiterungen auch als Greenwashing zu verstehen?
Das ist kein Greenwashing mehr, das ist eine sehr, sehr gute Verkaufsstrategie. Denn so werden neue finanzkräftige Käuferschichten angelockt, die dann weitere normale Waren einkaufen. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Das Ganze hat den Vorteil, dass in der Tendenz dreckige, konventionelle Produkte immer weniger gekauft werden. Am besten sieht man das am Boom der Bio-Eier. Wobei es dann aber auch öfters zu Betrügereien kommt.

Sie lassen es immer wieder anklingen: Sie trauen den Konzernen nicht.
Ich will nicht sagen: Die sind alle böse oder verarschen uns. Natürlich gibt es in den Unternehmen große Abteilungen, die viel zum Thema Nachhaltigkeit machen wollen und auch etwas erreichen. Aber die arbeiten eben auch gegen andere mächtige Abteilungen im gleichen Unternehmen, die knallharte wirtschaftliche Interessen verfolgen. Und am Ende können die noch so viel machen: Wenn das Grundprodukt schlecht ist, wird es nicht besser, auch wenn ich es noch so schön rede. Bestimmte Produkte, die von gestern sind, müssen halt weg. Wir brauchen eben nicht mehr Autos, sondern weniger, keine überzuckerten Limonaden und Cola, keine Energy-Drinks und Fleisch und Fisch bis zum Abwinken.

Wie kann Nachhaltigkeit ganzheitlich durchgesetzt werden?
Wir brauchen gemeinwohlorientierte Nachhaltigkeitsstrategien. Hier ist die Politik gefragt. Schluss mit den schnell vergessenen Selbstverpflichtungen und Schluss mit Lippenbekenntnissen. Wir brauchen gesellschaftlich und ökologisch verantwortungsvolle Produktionen. Die Kriterien dafür müssen von der Gesellschaft und den Konsumenten selbst festgelegt werden, nicht von den Profitinteressen der Konzerne. So wie es mit der Verbrennung von Braunkohle, der größten Dreckschleuder überhaupt, heute immer noch passiert. Wir brauchen jetzt ein Klimagesetz und klare gesetzliche Schranken. Darüber hinaus ist natürlich auch jeder selbst gefragt: Brauchen wir wirklich immer mehr seltene Erden aus Afrika, um die Laufzeit unserer Smartphone-Akkus um noch ein paar Prozente zu steigern? Denn, wenn wir ehrlich sind, wissen wir doch, dass das so nicht endlos weitergehen kann. Das widerspricht jedem Nachhaltigkeitsgedanken.

Was glauben Sie, wie wird die Welt in 2030 aussehen?
Die Zukunft ist: Wir produzieren und entwickeln uns ökologisch und tatsächlich nachhaltig oder wir entwickeln uns gar nicht mehr. Und dann ist Feierabend.

Stefan Kreutzberger arbeitet als freier Journalist, Autor und Medienberater. Seine Schwerpunkte sind Umwelt und Verbraucherthemen sowie Entwicklungspolitik. Er ist Vorstandsmitglied vom Verein Foodsharing, war Autor der „Ökologischen Briefe“ und deckte den Betrugsskandal um einen der ersten Umwelt- und Ethikfonds in Deutschland auf. Er hat mehrere Bücher geschrieben, u.a. „Die Ökolüge: Wie Sie den grünen Etikettenschwindel durchschauen“ und „Harte Kost: Wie unser Essen produziert wird“ mit Valentin Thurn zusammen.

TEXT Louisa Lagé | FOTOS Maurice Kohl

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