Global village: Überaus plastisch

Der „LuLu Hypermarket“ an der al-Batin-Straße von Abu Dhabi ist der Beweis dafür, dass alles gut wird in der Welt. LuLu ist ein Ort des grenzenlosen, friedlichen Konsums, wo Menschen sanft miteinander shoppen, die anderswo Angst voreinander haben. An der Käsetheke etwa steht ein Herr in der Schlange, bärtig, düster und mit einem mächtigen Turban. Aber er reckt nur seine Wartemarke: 150 Gramm Gewürzquark möchte er, kein Kalifat.

LuLu ist ein Abbild der Golfemirate, ein durchs Geld zusammengehaltener Mix aus Fremdheiten. Am Keksregal spricht eine bis zum Sehschlitz schwarz Verhüllte in ihr Mobiltelefon und bedeutet ihrer Bediensteten stumm, mit manikürten Fingern, welche Ware sie aus dem Regal zu nehmen habe. Kurzbehoste „Expatriates“ aus der EU, die steuerbefreit ihre Einkaufswagen füllen, Libyer, Jemeniten, Iraner, Syrer, im Akt des Kaufens sind die Grenzen zwischen den Stämmen und Sekten aufgelöst, der Dirham-Geldschein macht alle gleich, Herren und Knechte, Alawiten, Sunniten und Schiiten.

Es gibt Milch aus Saudi-Arabien und Kartoffeln aus der Bekaa-Hochebene des Libanon, Kokos aus dem Oman, Rindsfilet aus Australien und Brasilien, und an den Kassen stehen Philippinerinnen und Bangladescher, die alles hilfsbereit in Tüten füllen.

In Plastiktüten. Gratis und in jeder Menge. Ballenweise werden die Tüten frühmorgens zu den Kassen geschleppt. Die Plastiktüte ist sauber, hygienisch, praktisch und glatt anzufassen. Sie ist das Gegenteil von Bangladesch und Peschawar. Sie ist das Signum des Luxus, sie ist „komplett überflüssig und schädlich“.

Das sagt Theresa Wernery, eine junge, sehr blonde Deutsche, die in Abu Dhabi aufgewachsen ist. Sie steht etwa 40 Kilometer von der nächsten Hypermarket-Kasse entfernt hinter einer Sanddüne, abseits einer Piste Richtung Norden. Theresa und ihr Mann David haben in London und Bonn Jura studiert. Sie hatten gute Jobs in Dubai. Die haben sie aufgegeben. „Wir haben das hier gesehen“, sagt Theresa. „Da musste man etwas tun.“

Der Müll der Emirate wird zu Freiluftdeponien in die Wüste gekarrt. Jedes zweite vorzeitig verendete Großtier hat Plastikreste im Magen.

Vor ihr liegt das ausgebleichte Gerippe eines Kamels im Sand. Fell, Muskeln, Gewebe sind verdorrt. Geblieben sind die Knochen und der Inhalt des Magens: ein basketballgroßes Knäuel Plastikfetzen, erstaunlich gut erhalten. Die Wernerys nennen diesen Teil der Wüste das „Tal des Todes“. Hirten führen ihre Tiere hierher, wenn die auf Behandlungen nicht mehr reagieren. Wenn ihre Eingeweide vollgestopft sind mit Plastiktüten und -flaschen, die nicht ausgeschieden werden können und im Magen hart zu Ballen verklumpen.
Der Müll der Emirate wird zu Freiluftdeponien in der Wüste gekarrt. Der Wind trägt die Plastikfetzen weiter, und Kamele fressen alles, was im Sand einigermaßen bunt aussieht. „Es sind sehr neugierige Tiere“, sagt David Wernery. Er ist ungefähr zwei Meter groß, hager und Sohn eines Tierarztes. Inzwischen, sagt er, fänden sich die Plastikknäuel bei fast allen Obduktionen tot aufgefundener Tiere in der Veterinärpraxis seines Vaters, bei Rindern, Gazellen, Kamelen. Ein Ballen wog 58 Kilo. Tödliche Tütenkost.

Die Umweltbehörde schätzt, dass sich bei jedem zweiten vorzeitig verendeten Großtier in der Wüste Plastikreste im Magen feststellen lassen. Ähnlich ist es bei Delfinen und Wasserschildkröten.

Die Wernerys haben eine Stiftung gegründet, „PlasticNotSo­Fantastic“. Sie organisieren Müllsammlungen, touren mit Fotos vom „Tal des Todes“ durch Schulen. Reden von Papiertüten, Mehrfachverwendung, vom Verzicht auf Valentinstagsballone. Nicht ohne Erfolg. „Das Problem sind die Eltern“, sagt Theresa Wernery. „Die packen ihren Kindern weiterhin alles doppelt und dreifach ein.“ Vielleicht weil die eigenen Eltern oft noch Nomaden waren, mit Leder als einziger Verpackung.

Sie erzählt von Ruanda, wo einem Plastiktüten schon am Flughafen abgenommen werden wie Schmuggelgut. In den Emiraten sei man davon noch weit entfernt. In Deutschland auch.
Die Bilder der jämmerlich verreckten Kamele sind nicht ohne Wirkung geblieben. Kamele sind für die Emirater, was Eichen für die Deutschen sind. Seit Januar sind abbaubare Plastiktüten vorgeschrieben, und in den Supermärkten sind die Tüten jetzt mit grünen Bäumen bedruckt und dem Appell, den Planeten zu retten.

„Das macht ein gutes Gewissen“, sagt Theresa Wernery. „Aber es ist genauso schlimm.“ Denn auch die neuen Tüten zersetzen sich sehr langsam, über Monate hinweg, und nur unter Einfluss von UV-Licht und Sauerstoff. „Beides gibt es weder in den Mägen der Kamele noch in den Deponien, wenn dort der Müll zugeschüttet wird.“

Spezielle Recycling-Anlagen wären notwendig. Doch auch das glitzernde Dubai hat davon keine einzige. Außerdem sind die Emirater stolz auf ihre petrochemische Industrie. Öl, Strom, Arbeit sind billig und Plastiktüten eines der wenigen im Land selbst hergestellten Güter.

Es ist schwer, Verzicht zu predigen in einem Land, das allgemein als Hypermarkt verstanden wird, praktisch, glatt und auf schnellen Verbrauch gegründet. Jetzt gehen die beiden Deutschen erst einmal auf Weltreise mit ihrer Plastik-Botschaft.

www.plasticnotsofantastic.com

TEXT Alexander Smoltczyk | ILLUSTRATION Juliane Filep