Höchstens haltbar bis…

Wie das 20. Jahrhundert das eingebaute Kaputtgehen erfand. 
Von sehr kurzlebigen Produkten, ewigen menschlichen Schwächen und Wachstumsvorstellungen von gestern.

Als am 18. Juni 2011 Besucher und Fernsehteams aus aller Welt in eine Feuerwache in Livermore, Kalifornien, strömen, gilt ihr Besuch keinem Helden und Lebensretter. Sondern einer Glühlampe. Genauer, der ältesten der Welt, die seit genau 110 Jahren ausgerechnet in der Feuerwache „brennt“. Obwohl der Begriff „Brennen“ die Leuchtkraft des Oldtimers nicht exakt wiedergibt: Die Birne ist auf altersmilde 4 Watt gedimmt. Trotzdem, dass sie überhaupt noch Dienst tut, grenzt an ein Wunder. Denn nur wenige Jahre nach Inbetriebnahme des Dauerbrenners im Jahr 1901 wurden Glühbirnen weltweit zum Beispiel einer anderen Art Produktpolitik: Ab 1925 wurden die Glühdrähte gezielt so verändert, dass die Lebensdauer der Birnen rapide sank. Der „geplante Verschleiß“ war erfunden.

Was wie eine Verschwörungstheorie klingt, war auch eine Verschwörung. Cosima Dannoritzers Film „Kaufen für die Müll­halde“ belegt die Gründung des ersten Kartells der Welt, in dem sich 1924 unter dem Decknamen PHOEBUS Elektrofirmen zusammentaten, um Märkte aufzuteilen und ihre Produktpolitik zu verabreden. Protokolle der Geheimtreffen zeigen ihre Übereinkunft, die Lebensdauer von Glühbirnen generell auf 1.000 Stunden zu beschränken. Die Rechnung dahinter: Was schneller kaputtgeht, wird öfter ersetzt und verkauft sich mehr. Stichproben aller Firmen leuchteten im Dauertest und ein exakter Bußgeldkatalog regelte, wie viel Strafe auf wie viel Überschreitung der vereinbarten 1.000 Stunden Haltbarkeit stand. Innerhalb von zwei Jahren senkte PHOEBUS so die Lebensdauer von Glühlampen von 2.500 auf unter 1.000 Stunden. 1942 flog das Kartell auf. Der Prozess dauerte elf Jahre, bis die US-Regierung 1953 General Electric wegen illegaler Preisabsprachen verurteilte und die Verkürzung der Lebensdauer untersagte.

Kaum ist etwas bezahlt, ist es hinüber.

Mittlerweile lief eine breite Diskussion zum „geplanten Verschleiß“. Denn auch Strumpfhosen waren plötzlich auffällig laufmaschenfreundlich. Wegwerfprodukte eroberten allerorten den Markt. Und 1949 stöhnte die Hauptfigur in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“: „Ich bin nur noch im Wettlauf mit der Müllhalde. Kaum ist das Auto abbezahlt, pfeift es auf dem letzten Loch, und der Kühlschrank verschleißt Ventilatorenriemen wie ein Irrer. Die timen die Dinger. Kaum ist etwas bezahlt, ist es hinüber.“ Ein gewisser Bernard London hatte sogar ein Verfallsdatum für alle Produkte vorgeschlagen, nach dessen Ablauf man verpflichtet sein sollte, die Waren bei einem Amt wieder abzugeben und sich neue anzuschaffen. Der Kaufzwang sollte die Wirtschaft ankurbeln. Auf der Gegenseite wehrten sich Designer und Ingenieure, Produkte mit einer künstlich verkürzten Lebenszeit, dem so genannten „Death Dating“, zu versehen. Meist aus religiöser Motivation gegen die Verschwendung Gott gegebener Ressourcen.

Mit dem Buch „The Waste Makers“ schaltete sich 1961 Vance Packard, der berühmte Werbekritiker, ein. Für ihn war eingebauter Verschleiß eine von zwei Arten Planned Obsolescence (ge­plantem Obsolet-, also Überflüssigmachen). „Funktional obsolet“ wird danach ein Produkt durch eigenen Verschleiß oder durch verbesserte neue Modelle. „Psychologisch obsolet“ wird es, wenn ständig neue Produktdesigns und Scheininnovationen als moderner Lifestyle beworben werden und vorhandene Sachen deswegen immer schneller als veraltet gelten. Der Designer Brooks Stevens definierte „Planned Obsolescence“ 1954 als „Wecken des Wunsches, etwas zu besitzen, was ein bisschen neuer ist und ein bisschen besser, ein bisschen früher als nötig.“ Die Obsolescence-Beschleunigung durch Design hatte Erfolg. Basierte sie doch auf einem menschlichen Grundbedürfnis. Dem, etwas sichtbar Neueres zu haben als der Nachbar.

Der folgende Boom der Massenmedien und der Werbung festigte die psychologische Obsoleszenz als Verkaufstechnik Nr. 1. Und auch der wachsende Wohlstand sorgte dafür, dass alte Sachen nicht erst kaputtgehen mussten, bevor neue gekauft wurden. Als sich in den 60ern dann der Verbraucherschutz formierte und begann, Produkte unabhängig auf ihre Haltbarkeit zu testen, hätte das eigentlich das Ende des geplanten erschleißes sein können. Hätte.

Denn in veränderter Form gibt es ihn heute noch. Beim Mode­discounter, der jährlich eine Billig-Kollektion verkauft und die auch gleich nur für ein Jahr Haltbarkeit auslegt ist. Bei Elektro­geräten, wo Reparaturen teurer sind als Neuanschaffungen. Oder da, wo ganze Gerätegenerationen obsolet werden, weil sie nicht nachrüstbar sind für neue Standards und Speichermedien.
(Allein 2004 flogen in Nordamerika 315 Millionen funktionstüchtige PCs in den Müll, von denen nur 10% wiederverwendet wurden.) Und selbst das Gefühl von Arthur Millers „Handlungsreisendem“ kennen wir noch: „Die timen die Dinger.“ Oder haben Sie noch nie gedacht, dass Ihr CD-Player just dann keine CDs mehr erkennt, Ihre Waschmaschine exakt dann letal zu röcheln beginnt und die Handytasten dann anfangen zu klemmen – wenn gerade genau die Garantie abgelaufen ist?

Übrigens: Die erste Webcam, mit der die stolzen Bewohner von Livermore das Brennen ihrer 111-jährigen Glühbirne ins Internet übertrugen, hielt genau drei Jahre. Sie konnte nicht repariert werden und wurde durch eine neue ersetzt.

TEXT Peter Quester | FOTO Richard Jones

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