Ein Leben für die Tonne

Müllvermeidung: Wie eine Familie aus England die Welt vom Müll befreien will

Es gibt Fragen, auf die haben Menschen eigentlich keine Antwort. Gibt es kompostierbare Schuhe? Lässt sich ein gebrauchter BH recyceln? Existiert ein Deostick, der ohne künstliche Wirkstoffe auskommt und ohne Verpackung?
Rachelle Strauss sagt: „Die Schuhe gibt es bei Ethletic, gebrauchte BH nimmt die Firma Breast Talk entgegen. Als natürlicher Deostick eignen sich Alaunkristalle.“

Rachelle Strauss ist Engländerin, verheiratet, Mutter einer Tochter, sie lebt in Longhope, in einer Reihenhaussiedlung. Sie hat ihr Leben einer selbst gewählten Mission gewidmet, die ehrenhaft ist, aber unmöglich scheint. Rachelle Strauss will Müll vermeiden, jeglichen Müll, sie lebt für das Ziel, dass die Mülltonne ihrer Familie am Ende des Jahres leer ist. Keine Heftklammer, kein Stück Plastikfolie, keine Zahnseide, gar nichts soll sich darin finden. Sie ist ihrem Ziel schon sehr nahegekommen. Im vergangenen Jahr füllten Rachelle Strauss, ihr Mann und ihre Tochter zusammen nur einen kleinen Plastikbeutel mit Müll, insgesamt 550 Gramm.

Sie haben den Beutel aufgehoben, als Mahnung an sich selbst, noch effizienter zu werden. In dem Beutel liegen Kugelschreiber, Plastikspielzeug und eine Chipstüte. Das Experiment begann im Jahr 2008. Auslöser war ein Foto, das eine Meeresschildkröte zeigte, die an einem kleinen blauen Plastikbeutel erstickt war. In der Bildunterschrift stand, dass die Schildkröte sich für gewöhnlich von kleinen blauen Quallen ernährt.

Rachelle und ihr Mann Richard betrachteten das Foto, Richard sagte: „Ab heute werden wir nie wieder Plastikbeutel benutzen.“ Rachelle sagte: „Ab heute werden wir keinen Müll mehr produzieren.“ Und so wurde es beschlossen. Keiner ahnte, wie sehr dieser Entschluss ihr Leben verändern würde.

Sie begannen damit, den wöchentlichen Einkauf nicht in Plastiktüten zu stopfen, sondern Stofftaschen mitzunehmen. Alle Verpackungen ließen sie im Laden zurück. Dann bauten sie ein Zimmer in ihrem Haus um. Sie stellten neun Behälter in dieses Zimmer. Für Papier, Pappe, Aluminiumfolie, Dosen, Glas, Tetrapaks, Küchenabfälle, hartes Plastik, weiches Plastik.

Außerdem begann die Familie Strauss, Teebeutel zu kompostieren. Sie reichte dem Fleischer mitgebrachte Behälter über den Tresen, kaufte Obst und Gemüse direkt beim Bauern. Gebrauchte Zahnbürsten blieben ein Problem wie Chipstüten aus Metallfolie mit zusätzlichem Plastikaufdruck, wie die Puppen der Tochter und wie die Rasierklingen, mit denen sich Rachelle Strauss ihre Beine enthaarte. Am Ende des Jahres 2009 hatte die Familie eine kleine Tonne voller Müll übrig.
Verglichen mit der Tonne, die sie vor ihrer Läuterung jede Woche an die Straße geschoben hatten, war das zwar eine Verbesserung, Rachelle Strauss war trotzdem deprimiert. Es musste möglich sein, noch mehr Müll zu vermeiden, aber sie wusste nicht, wie. Sie hatte das Gefühl, alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, und sah sich im Internet nach Hilfe um. Nach einigem Suchen fand sie Männer und Frauen, die sich demselben Ziel verschrieben hatten. Die wie sie intensiv darüber nachdachten, ob sich gebrauchte Wattestäbchen recyceln lassen, und wenn ja, in welcher Form, ob es vielleicht eine kompostierbare Variante gibt, die ohne den Plastikstab in der Mitte auskommt.

Rachelle Strauss tauschte sich mit diesen Menschen aus und entdeckte das wahre Potenzial der Wiederverwertung. Alte Teppiche eignen sich als Kompostabdeckung, gebrauchte CDs lassen sich mit einem Akku-Bohrer, viel Geduld und einem Haufen Kettengliedern in Umhängetaschen verwandeln.

Das Internet wurde zu ihrem Einkaufscenter für ökologisch korrekten Konsum. Auf einer Website fand sie marokkanischen Schlamm, der nun ihr Shampoo ersetzt, weil dessen Verpackung aus Papier und Edelstahl besteht.
Im Laufe der Monate wurde Rachelle Strauss selbst zu einer Autorität in Sachen Müll, und immer häufiger fragten Freunde und Fremde um Rat. Irgendwann fasste sie den Entschluss, ihr Wissen auf einer eigenen Website zu versammeln. Die trägt den Titel myzerowaste.com und ist in hoffnungsvollem Blau gehalten. 70.000 Klicks zählt sie zurzeit pro Monat, Tendenz steigend.

Die Mehrzahl der Kommentare, die Rachelle Strauss auf ihrer Website erhält, sind positiv. Aber manchmal, sie sagt selten, schreiben ihr auch Menschen, die sie für eine Ökospießerin halten, die zu Weihnachten pedantisch gebrauchtes Geschenk­papier faltet, statt es lustvoll zu zerknüllen.

Noch immer kommt Rachelle Strauss unfreiwillig in den Besitz von Müll, beispielsweise wenn ihre Tochter von Freunden Plastik­spielzeug geschenkt bekommt. Solche Sachen schickt sie inzwischen zurück an den Hersteller.
Wenn sie dann nach Hause kommt, läuft sie an ihrer Mülltonne vorbei und sieht, dass da nichts drin ist. Sie ist guter Dinge, aber sie weiß auch, dass das Jahr noch jung ist.

TEXT Takis Würger | ILLUSTRATION Romy Blümel

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