Ist das Plastik oder kann das weg?

Johannes Kempe hat ein Problem: Irgendwie will er seine Plastiktragetasche vom Aldi wieder loswerden. Denn die Sache mit dem Kunststoff nervt den Gestalter ziemlich, macht ihn regelrecht zornig – und fasziniert ihn zugleich.

Kempe lässt es drauf ankommen, bewaffnet Bekannte von sich mit einer modifizierten Tragetasche und schickt sie zu dem Discounter. Love Your Plastic hat er in fetten Lettern auf das markante Aldi-Logo im Siebdruck-Verfahren angebracht. Möglichst unauffällig versuchen seine Freunde die Tasche im Kassenbereich abzulegen. Doch sie bemühen sich zu sehr, unauffällig zu sein: Die Kassiererin schöpft Verdacht, entdeckt die Tasche und schmeißt die jungen Männer aus dem Laden. „Wir hatten uns auch einfach dämlich angestellt“, räumt Kempe ein. Beinahe hätten sie sogar ein Hausverbot kassiert.

Beim zweiten Mal ist er schlauer. Dieses Mal bringt er die Aktion im Alleingang über die Bühne, tut so, als würde er sich ganz normal anstellen. Und es klappt: Er stopft die Plastik-tasche zu ihren Aldi-Kollegen. Schnell noch ein Beweisfoto – und dann raus

Was zunächst schräg klingt, hat seinen Sinn: Es ist Kunst. Sechs Monate lang hat sich Johannes Kempe ausschließlich mit Plastik beschäftigt, sammelte Plastikmüll, Fragen, Ideen – und suchte nach Antworten. „Love Your Plastic“ sollte sein Abschlussprojekt für die Hamburger Design Factory werden, an der er Kommunikationsdesign studierte. Am Ende wurde die Geschichte mit dem Plastik zur Lebenseinstellung. „Es ist ein faszinierendes Material“, sagt Kempe – und wartet mit ziemlich ungewöhnlichen Fakten rund ums Plastik auf. Etwa die Zahl der Strohhalme, die pro Sekunde in Deutschland verbraucht werden – 1.200 Stück. Oder die Plastikmenge, die täglich an 4,5 Kilometern deutschem Strand angespült wird – bis zu eine Tonne. Die Produktion von Plastiktüten? 600 Milliarden Stück pro Jahr. Kein Wunder, dass Kempe seinen Anteil an dieser Tütenflut gerne zum Discounter zurücktragen möchte.

„Ich will eine Bewegung für einen bewussteren Umgang mit dem Werkstoff Plastik“, sagt Kempe, „jetzt geht es mehr um das Ganze“, sagt er entschlossen. Dabei fing alles so harmlos an. In Berlin traf er einen Künstler, der ihn mit seiner Faszination fürs Plastik ansteckte. „Er hatte Plastiktüten in eine Schublade gestopft. Im Raum ergab das einen großen Haufen – die verschiedenen Volumen faszinierten mich“, sagt Kempe, der wenig später seine Recherchen begann. Mit einem Anruf bei einem Plastiktütenhersteller wollte er herausfinden, was in den Tüten steckt – was sich übrigens als wenig ergiebig herausstellte. Seine Mitbewohner verdonnerte Kempe dazu, jeglichen Plastikmüll aufzuheben, um herauszufinden, wie hoch der Plastik-Konsum eigentlich ist. Ordentlich sauber gemacht ergab das sogar eine originelle Flur-Deko.

Je länger der Gestalter über das Erdölprodukt nachdachte, desto größer wurde die Faszination. „Plastik kann 1.000 Formen annehmen, es kann alles sein“, berichtet er begeistert. Wenig später entstand sein erstes Werkstück. Der Plastikkopf – „Die Plastik Plastik“, wie er das Exponat nennt. Zusammengeklebt aus dem WG-Müll entstand eine überdimensionale Maske, mit der er sich in der Liether Kalkgrube ablichten ließ. Wenig später tauchen Plastikpyramiden aus Strohhalmen im Liether Wald auf. 1.200 Strohhalme pro Sekunde – in dem Moment war der Deutschland-Verbrauch womöglich etwas höher. Kempe experimentiert, setzt den Kunststoff in völlig neue Umgebungen. Und dreht Stop-Motion-Filme über sein Plastik.

Ich will eine Bewegung für einen bewussteren Umgang mit dem Werkstoff Plastik.

Doch Kempe hat eine Mission. Er will Aufklärungsarbeit leisten. In seinen kurzen Filmen baut er Informationsschnipsel ein, als seien es animierte Infografiken. „Es ist eine geile Möglichkeit, die Leute zu erreichen“, sagt er. Kempe geht davon aus, dass viele Alternativen zum Plastik zurückgehalten werden – zu groß sei der Umsatz, der sich mit dem Werkstoff machen lasse.

Auch seine Bekannten spannt er immer weiter für die Aktionen ein. Im Dock’s sammeln sie nach einer Party die Deko ein, um daraus einen Plastik-Schriftzug zu erstellen. Gemeinsam packen sie sein Zimmer in Plastiktüten ein, „ich hatte meine Bekannten gebeten, einige Tüten mitzubringen. Die hat jeder zu Hause.“ Zwei Tage lang packen sie das komplette Inventar ein, lassen sogar einen Plastikregen los. Erneut entsteht ein Stop-Motion-Film – und hinterher traut sich Kempe kaum, seine Möbel wieder auszupacken. „Erst nachdem ich etwas drüber nachgedacht hatte, habe ich wieder ausgepackt“, erzählt er.

Am Ende seines Projektes stellte er zahlreiche Installationen aus. Seine Prüfung an der Design Factory legt er im alten Anzug und seiner Aldi-Tasche ab. Was bleibt, ist eine komplett neue Einstellung zum Plastik. „Ich benutze es jetzt total bewusst. Wenn meine Freunde zum Kochen kommen und Plastiktaschen mitbringen, haben sie schon ein schlechtes Gewissen“, sagt Kempe – dabei sei er selbst nicht das Maß aller Dinge. Aber er versuche, auf den Kunststoff zu verzichten.

Neu ist, dass Kempe Plastik sucht. Eines seiner Objekte zeigt Fundstücke, die er in 15 Minuten am Sylter Strand gesammelt hatte – jetzt sind sie in einer Glasflasche voller Wasser untergebracht. Den Anstoß dazu gaben alte Männer, die selbstgefangene Fische aufschlitzten – und Plastik in deren Mägen fanden. Selbst, als Kempe in Australien war, sammelte er Plastikteile am Strand – „im Meer ist unglaublich viel Plastik unterwegs“, sagt er, „am Ende wird es zu kleinen Kügelchen zerrieben“, deswegen würden wir es kaum wahrnehmen.

www.loveyourplastic.com

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