Die Klüncksritter

Ich habe gehört, dass es eine Frau in Berlin gibt, die „Klünck“ verspricht. Klunker und Glück. Schöne Kombination eigentlich. Sonst heißt es ja immer, dass man sich entscheiden muss zwischen dem einen oder dem anderen. Kann ich also auf eine Anleitung hoffen, Frau Fuckel?

Ich mache mich auf den Weg in den Wedding, Togostraße 79, in die „Montagehalle“. Ein Showroomatelier, zweckmäßig und ausgesprochen modisch und erfreulicherweise sehr weiblich. Hier hat sich jüngst die Designerin Elisabeth Fuckel eingemietet, mit ihrem Modelabel Klünck. Vor vier Jahren kam Frau Fuckel nach Berlin, zuvor studierte sie Modedesign an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. 1982 wurde sie in Erfurt geboren. Diese Frau lebt von ihrer Inspiration. Sie sagt: „Inspiration ist sehr wichtig. Ich sehe etwas und dann sehe ich da etwas anderes drin. Oder ich nähe etwas anderes draus.“ Bei der Stadtmission sah sie jüngst einen großen Berg grauer Herrenhemden. „Jetzt nähe ich Röcke daraus und Oberteile.“ Für ihr „Zeitgetroffen Kollektiv“, das sich vor zwei Jahren um Frau Fuckel herum gebildet hat – ein Tanz-, Design-, DJ- und VJ-Ensemble. Uta Eismann, Zeitgetroffen-Mitglied, tanzt erstaunlich fröhlich, obschon in Grau, durch die Montagehalle. Frauen können eben doch alle Farben tragen, denke ich, nein: weiß ich, während mir partout kein Herrenoutfit einfällt, das ein graues Hemd erlaubt.

Ich gucke mich um, suche nach Klünck und entdecke: Porzellanscherben, Häkeldeckchen und Omas Diskopullover aus den 60ern. Schmuck ist aus den abgelegten Dingen geworden. Ich höre mich im Fachjargon murmeln: „Post-Consumer-Waste wird Schmuck, toll.“ Aber auch aus Pre-Consumer-Waste ent-steht Klünck. Aus Stoffresten, Fehldrucken und anderem Beinahe-Weggeworfenen der Modeindustrie, das noch nichts anderes war.

Über all dem schönen Ex-Waste thront merkwürdigerweise die literarische Figur„Minna von Barnhelm“. Ich bin verwirrt. Nähertreten hilft. Minna von Barnhelm ist eine Klünck-Kollektion, für die sich Frau Fuckel alter Uniformschnitte bediente. Das Revers sitzt schick am Hosenbund und allüberall stehen die Messingknöpfe ordentlich in Reihe. Minna von Barnhelm ist eine Damenkollektion – Uniformen hingegen waren früher ausschließlich für die Herren gedacht. Zweckmäßig waren sie, nicht trendig und doch ausgesprochen modisch. Sie waren nicht nur robust, in ihnen stellte Mann etwas dar. Dass so etwas jetzt nur noch für Frauen geschneidert wird! Ich sage: „Frau Fuckel, Sie haben den Männern die Uniform geklaut. Geben Sie die wieder her!“

Frau Fuckel findet, dass ich mich gern zur Minna machen kann. „Wie upgecycelt sind die denn?“ „Sehr. Es sind Stoffreste.“ Überbleibsel, Zurückgelassenes, Pre-Consumer-Waste: Stoffreste mit optischen Fehlerchen aus einem Textillager. Die Jacke, ein herrliches Dreierlei aus Gehrock, Schalkleid und Latzhose, passt natürlich nicht. Mein Herrenkreuz i.G. kann den weiblichen Brustumfang nicht parieren. Ich ziehe ein graues Stadtmissionshemd darunter. Heute Herrenhemd, morgen Damenrock und übermorgen die ganze Welt. Darüber eine Uniform, die nie Herrenrock war. Ein Graebel bei Klünck. Bin ich jetzt ein Upcycling-Superheld? Eine bisher ungetötete, weil unbekannte Nebenfigur aus der fünften Staffel von Game of Thrones und die schöne Uta ist meine Heilsarmee.

Frau Fuckel hat Omas blitzenden Kupferton-Diskopullover in Streifen geschnitten, um eine Kordel herumgenäht und legt ihn mir um den Hals. „Ich trage jetzt Grau, Gold, Kupfer und Grün.“ Dafür gibt’s Applaus. Und bei Applaus denke ich an rote Teppiche.

„War denn eigentlich Andrea Sawatzki schon hier?“ „Nein“, sagt Frau Fuckel. „Und Katja Riemann?“ „Auch nicht.“ „Die wären perfekt für die Minna-Kollektion.“ „Ja, stimmt.“ Frau Fuckel denkt nach. Ich bin sicher, ihre Inspiration arbeitet sich am roten Teppich ab. Vielleicht merkt sie aber auch gerade, dass ich statt Katja Riemann eigentlich Katja Flint hätte sagen müssen. Wurscht. Auch die Riemann täte gut daran, Minna zu tragen. Falls kein Klünckpaket von Frau Fuckel bei ihr eintreffen sollte, kann sie ja in die Togostraße kommen.

Ich jedenfalls werde zwingend wieder in die Togostraße reisen, denn Frau Fuckel versicherte mir glaubhaft, zukünftig auch beruflich an die Männer zu denken.

Auf dem Weg zum Hauptbahnhof treffe ich Christoph Waltz. Ob er den Oscar noch brauche, hätte ich ihn fragen sollen. Er hätte mich nicht gehört. „Bringen Sie ihn in die Togostraße. Frau Fuckel paart ihn mit Glück.“ „Nein, vielen Dank“, hätte Waltz gesagt. „Schade, man muss auch mal Klünck haben, nicht nur immer wahnsinnig viel Glück und Klunker zur Belohnung.“

Ein wenig traurig bin ich dann doch schon, dass ich nicht in Minna von Barnhelm zum Zug laufe. Da hätte Herr Waltz vermutlich salutiert. Jedoch: Die Zeiten mit Männern in Phantasie-Uniformen sind in Deutschland schon lange vorbei – im Rest der Welt seit dem Ende von Gaddafi. Hoffentlich. Andererseits fahndet Frau Fuckel derzeit nach ausgemusterten grünen/beige-farbenen Polizeiuniformen. Inspiration ist alles – Phantasie ist wirklich 90er.

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