Die Schöne und der Müll

Was andere achtlos ausmustern, sammelt Katell Gélébart auf, schenkt ihm Beachtung – und ein neues Leben.

Finistère, „Weltende“, so heißt die Gegend in der Bretagne, aus der Katell Gélébart kommt. In Le Coquet kam sie zur Welt, am sturmumtosten Westzipfel Frankreichs, der weit in den Atlantik hineinreicht, dessen schroffe Küste und beißende Winde den Charakter der eigensinnigen Bretonen geprägt haben.

Katell Gélébart ist Mülldesignerin, Künstlerin, Umweltaktivistin. Sie schafft Wunderschönes aus Dingen, die nicht mehr geliebt, nicht mehr gebraucht, nicht mehr gewollt werden. Sie schneidert Couture-Kostüme aus Schlafwagendecken der ukrainischen Eisenbahn. Ein Regencape aus Katzenfutterverpackungen, coole Bomberjacken aus knisternden Tüten, die vorher Barilla-Nudeln beherbergten. Sie macht aus Röntgenbildern Notizbücher, Schuhe aus alten Autoreifen.

Sie findet die Dinge (Gélébart sagt: „Die Dinge finden mich!“), sie berührt sie, spürt in sie hinein – und haucht ihnen neues Leben ein. Sie schafft aus Altem neue Gebrauchsgegenstände, die ihre Weltsicht transportieren. „Das Material ist die Botschaft!“, sagt sie. „Wählt sorgfältiger aus! Verwertet die Dinge wieder!“

Tatsächlich ist das Wiederverwerten in die DNA der Bretonin eingeschrieben, schon von jeher war man sparsam an der stürmischen Westküste Frankreichs, auch in Katells Familie warf man nichts weg. Alte Pullover trennte die Großmutter wieder auf und strickte etwas Neues aus der Wolle, Socken oder
Mützen, einen Schal. Stoffreste oder alte Verpackungen hob man auf. Aus einer Kaffeedose bastelte Katell ein Bettchen für ihren Teddy, aus Neoprenresten eines ausgemusterten Tauchanzuges ihres Vaters nähte sie Schuhe für ihr Puppenkind. „Bei uns in der Familie war es so, dass jeder am Abend irgendwas in der Hand hielt, sich beschäftigte – mit Nähen oder Stricken oder Schnitzen“, sagt sie.

Demonstrieren – immer ganz vorn, immer voller Wut

Als ihre Eltern sich scheiden lassen, zieht sie mit 18 hinaus in die Welt. Heuert als Au-pair-Mädchen bei einer Familie in Amerika an. Das verläuft wenig glücklich, zu sehr steht ihr der eigene
Dickkopf im Wege. Sie geht dann nach Paris, um Design zu studieren, wird an der Hochschule abgelehnt, schreibt sich für Kunstgeschichte ein. „Und für Dänisch!“, sagt sie. „Mich haben die skandinavischen Länder interessiert. Die Sprache, die Kultur – und die Fortschrittlichkeit, mit der man dort versuchte, soziale Probleme zu lösen.“ Sie wird Mitglied bei Robin Wood, engagiert sich bei Greenpeace, demonstriert in Gorleben. Immer ganz vorn, immer voller Wut kämpft sie gegen die Zerstörung der Umwelt, die Verkrustungen, die Heuchelei. Sie heiratet einen russischen Umweltaktivisten, damit er ohne Probleme aus Russland ein- und ausreisen und sich in der EU frei bewegen kann. Macht ihren Master in Dänisch und Kunstgeschichte an der Sorbonne und an der École du Louvre in Paris. Dann zieht es sie nach Indien, nach Poona ins Meditationszentrum. Sie wird Sanyasi, also Schülerin des spirituellen Meisters Osho. Sie arbeitet auch in Poona, ist verantwortlich für die Dekorationen der rauschenden Feste: „Das war damals alles aus dem Kunststoff Polystyrol und wurde nach Gebrauch weggeworfen. Ich habe angefangen, die Dekorationen aus Stoff zu nähen, damit man sie wiederverwenden konnte.“ In Indien sickern die berühmten Gandhi-Worte mehr und mehr in ihr Bewusstsein: „Sei du selbst die Veränderung, die du für die Welt wünschst!“

Zurück in Europa gründet sie ihr Label „Art d’Eco“, Öko-Kunst. Näht aus Frotteehandtüchern Kleider, aus Postsäcken Röcke. Zieht weiter, hält auf Umwelt-Tagungen Workshops ab und reist wieder nach Indien, auf die Dörfer diesmal. Bringt den Schneidern ihre Entwürfe näher, kommt auf die Idee, die Zement­säcke, die dort keiner gebrauchen kann, als Taschenmaterial zu benutzen. Sie liebt dieses Land und seine Handwerkskunst.

„Alles, was ich habe, passt in einen Rucksack“

Sie kann oft die Heizung nicht bezahlen, isst manchmal zwei Tage lang nichts. Doch sie glaubt unbeirrbar daran, dass Artefakte Botschafter sein können für eine Idee, die die Welt besser machen kann. Wenn sie mit ihren besorgten Eltern telefoniert, sagt sie: „Wartet nur, irgendwann kommt jemand, der mir hilft!“ Couragiert und zäh bleibt sie dran, am gewählten Weg.Und dann kam der – mit 75.000 Euro dotierte – Kairos-Preis, „als wäre er vom Himmel gefallen!“, lacht sie. „Als ich die E-Mail erhielt, dass ich in die engere Auswahl gekommen bin und mich beim Komitee melden soll, habe ich nicht geantwortet. Ich konnte nicht glauben, dass das kein Versehen war!“ Das Komitee machte Freunde von ihr ausfindig, die sie wiederum von der Auszeichnung in Kenntnis setzten. Mit dem Preis kam die Popularität, das Fernsehen, ein Buch über ihr Leben wird im Frühjahr 2013 erscheinen. Und das Geld. Doch das hat an ihrem Leben bis jetzt noch nichts geändert: „Alles, was ich habe, passt in einen Rucksack. Mein Material – Müll – ist ohnehin überall. Ich brauche kaum etwas. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf – das findet man überall auf der Welt. Bei Freunden oder zur Miete.“

Auch jetzt bei unserem Gespräch ist sie bei Freunden. Buttergoldene Sonne scheint zum Fenster der Berliner Altbauwohnung herein, für ein paar Tage wohnt sie dort, sie hat als Referentin an der Kosmos Summer University der Humboldt-Universität teilgenommen. „Die neuen Technologien ermöglichen mir diesen nomadisierenden Lebensstil“, sagt sie. Vermisst sie nichts? „Manchmal vielleicht, ja. Aber noch mehr würde ich meine Freiheit vermissen, einfach aufzustehen und zu gehen, wohin auch immer!“ Manchmal würde sie gerne bleiben, für länger. Ein Haus bauen! Ganz aus wiederverwerteten Materialien! „Aber ich wüsste gar nicht, wo ich sein wollte“, sagt sie dann.

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