Immer Meer Plastik

Ein Sportartikelhersteller verspricht, seine Kunden könnten die Ozeane retten. Dafür müssten sie nur ein spezielles Shirt kaufen, produziert aus Müll, der einst in den Meeren trieb. Doch wer dem T-Shirt folgt, stellt fest: Mit diesem fängt das Problem erst an.

MISSION

Der Mann, der sein Leben der Rettung der Ozeane gewidmet hat, sitzt in einem Waschsalon in Berlin-Prenzlauer Berg. Wasch­maschine reiht sich an Waschmaschine. Menschen kommen in den Laden, werfen ihre Sachen in die großen Öffnungen, drücken einen Knopf und die Maschinen surren leise los. Er platziert sich auf einer Holzbank im Schaufenster mit dem Rücken zur Scheibe. Er hat darum gebeten, sich hier zu treffen, denn was hier passiert, ist mehr als nur ein Reinigungsritual. „Hier beginnt das Unheil“, sagt Oliver Spies. Eine große Katastrophe, die sich aus kleinsten Teilchen zusammensetzt und ihn – seit er sie vor Jahren entdeckte – nicht mehr loslässt. Über sie möchte Spies nun sprechen. „Aus den Trommeln dieser Waschmaschinen fließt Plastik bis ins Meer“, sagt er. Der Unternehmer und Aktivist hat beschlossen, dagegen zu kämpfen, dass eines der größten ökologischen Verbrechen so unbemerkt und nebensächlich passiert, wie eine Waschmaschine zu befüllen. Deshalb ist er hier.

Und deshalb sind auch wir hier, denn wir sind auf einer Suche: Wir wollen verstehen, wie unsere Meere zu Müllkippen voll Plastik werden konnten.

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen treiben auf jedem Quadrat­kilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Kunststoffteile. Das ist mehr, als wir uns vorstellen können. Was vorstellbar ist, sind jedoch die Folgen: das Bild eines aufgeschnittenen Albatros, der Magen voller Plastik, oder das einer Schildkröte, die sich mit einem Plastik­strohhalm aufgespießt hat, oder von wogenden Wellen voller Plastikabfälle – sie machen Menschen auf der ganzen Welt betroffen. Sie fragen sich: Wo kommt nur all der Müll her? Und vor allem: Wo geht er bloß hin? Wir wollen keine weiteren Bilder der Plastikmüll­katastrophe suchen. Wir wollen verstehen, wie sie entstehen.

Aus den Trommeln dieser Wasch-maschinen fließt Plastik bis ins Meer.

Oliver Spies

Unsere Reise beginnt

1. KONSUM

An einem glutheißen Sommertag im August im Laden eines Sportartikelherstellers. Wir wollen ein T-Shirt kaufen, das wir vollschwitzen können – und das uns dem Thema Meeresplastik näher bringt. „Dein Beitrag zum Schutz der Ozeane“, wirbt der Hersteller für das T-Shirt. Das Leibchen bestehe zum Teil aus einem Garn, „das aus recyceltem Plastikmüll hergestellt wird, der an Stränden und in Küstenregionen gesammelt wird“. Re­cyclingtextilien sind gerade sehr angesagt – sie sollen dem Kunden suggerieren, dass er gleichzeitig shoppen und die Welt retten kann.

Der Hersteller arbeitet mit einer Organisation zusammen, die das Plastik von den Stränden sammeln und aus dem Meer fischen lässt. Anschließend werde der Müll recycelt und zu Garn verarbeitet, mit dem dann jene Shirts gewoben werden, die etwa 70 Euro pro Stück kosten. Wir kaufen das T-Shirt, packen es in eine Tüte und nehmen es mit auf unsere Reise in die Welt des Meeresplastiks. Zwei Objekte aus Plastik: eine Tüte und ein
T-Shirt. Haben wir nun das Problem oder die Lösung des Plastikwahnsinns in der Hand?

Sechs Kilometer nordwestlich, im Fenster des Waschsalons, holt Oliver Spies Luft. Er hat auch von dem Sportartikelhersteller und dessen Recycling-Hemden gehört. Doch was für andere nur ein Shirt ist, ist für Spies ein gebrochenes Versprechen. „Ich bezweifle, dass das Shirt tatsächlich aus recyceltem Kunststoff hergestellt wurde“, sagt Spies. Er kenne aus seiner Arbeit als Textilhersteller viele Garn-Hersteller, aber keinen, der einen Faden nur aus recyceltem PET herstellt. „Wenn sie sagen, die Shirts bestehen nur aus PET-Flaschen, ist das einfach falsch.“ Und es gebe ein zweites Problem, sagt Spies. „PET ist kein geeignetes Material, um Kleidung herzustellen. Es ist licht­empfindlich, Hydrolyse-anfällig und fängt mit Schweiß und Lauge an, sich selbst zu zersetzen.“ So redet einer, der Kleidung nicht als schmückendes Modeobjekt betrachtet, sondern als Textil, als Überflussobjekt, als Umweltproblem.

Das alles begann für Spies Anfang der neunziger Jahre. Ein Motorradunfall legte ihn ein Jahr lang flach. „Viel Zeit, zu überlegen, was du in deinem Leben gemacht hast und was du besser machen kannst“, sagt Spies heute. Als er die Reha verließ, brach er seine technische Ausbildung ab und verschrieb sich vollständig dem Kampf für nachhaltige Kleidung. Er produzierte Shirts unter anderem aus Biobaumwolle, als kaum einer dieses Wort kannte – auch Spies nicht. „Ich musste alles lernen.“

Spies suchte Probleme und er fand Lösungen. Auf Hemden nähte er Knöpfe aus Kokosnussschalen. Doch er wollte nicht das große Geld verdienen. Er ist ein Unternehmer, der wenig Unternehmerisches hat. Mit einem Freund zieht er die Marke „Langbrett“ auf. Als die eigenen Geschäfte in den deutschen Großstädten profitabel sind, übertragen sie diese der Belegschaft. Spies will sich nicht ausruhen. Er will lieber forschen und Probleme lösen, statt im Laden zu stehen.

Vor vier Jahren trifft Spies eine Aktivistin. Ein normales Gespräch wäre das sicher für viele gewesen, doch für ihn beginnt an diesem Nachmittag seine größte Herausforderung. Denn von der Aktivistin erfährt Spies, dass seine nachhaltige Kleidung die Umwelt zerstört. Sie erzählt ihm von Mikroplastik, winzigen Fasern, die beim Waschen aus Polyester-Kleidung brechen, wie sie auch Spies vertreibt oder wie jenes Shirt, mit dem der große Sportartikelhersteller die Meere retten will. Er kann es nicht glauben und beginnt mal wieder auf eigene Faust zu forschen. In seinem Badezimmer schließt er einen Schlauch an seine Waschmaschine, damit leitet er das Wasser durch mehrere Filter. Am Ende findet er winzig kleine Plastikpartikel. In einer Studie liest er, dass pro Waschgang fast 2.000 dieser Fasern aus der Kleidung brechen. Sie sind kleiner als fünf Millimeter. Das Problem: Waschmaschinensiebe filtern Teilchen dieser Größe kaum. Das größere Problem: In immer weniger Wasch­maschinen werden heute noch Flusensiebe verbaut. Das Abwasser spült die Plastikteilchen in die Kanalisation und dann? Spies liest davon, dass sich Mikroplastik sogar in der Tiefsee befindet. Er will etwas tun.

Im Frühjahr 2017 präsentiert Spies seine Idee: einen Beutel aus so engmaschigem Stoff, dass er Wasser hinein- und kleinste Plastikteilchen nicht herauslässt. Den Beutel nennt Spies eine „Zwischenlösung“. Das Geld, das damit eingenommen wird, fließt in seine Non-Profit-Organisation „Stop! Micro Waste!“. Wollen wir unser T-Shirt vorm Tragen nun also waschen, würden wir seinen Beutel nehmen. Aber was passiert mit den Fasern eines PET-Shirts, wenn sie nicht in Spies’ Textilbeutel landen?

2. FILTER

Wir verfolgen den Weg der Shirt-Fasern weiter und landen an einem betongefassten Kanal, der Wasser in die Spree leitet. Claus Bannick, Abwasserforscher des Umweltbundesamts, läuft durch knöchelhohes Gras, bis er am Abfluss des Klärwerks Ruhleben steht. Mehrere Jahre lang hat er das Wasser kontrolliert, das aus dem Klärwerk rauscht. Er wollte wissen, wie groß die Menge der Kunststoffteilchen ist, die von hier aus in die Hauptstadt schnellen.

Das Klärwerk Ruhleben ist das größte Berlins. Fixiert zwischen den Stadtteilen Spandau, Charlottenburg und der Spree wirkt es wie ein gigantischer Filter. Durch ihn wird jeden Tag das Schmutzwasser gedrückt, mit dem 1,6 Millionen Berliner und Berlinerinnen ihr Klo gespült, ihre Pfanne geputzt oder ihre Wäsche gewaschen haben. Mit dem Wasser schwemmen Abfälle unterschiedlicher Größe nach Ruhleben: Kondomfetzen, Wattestäbchen – und auch kleinste Fasern. Etwa jene aus unserem Sportshirt, die sich in der Waschmaschine gelöst haben. Ein solches Shirt verliert pro Waschgang viele winzig kleine Kunststofffasern. Von keinem Sieb und keinem Waschbeutel aufgehalten, spülen sie in die Kanalisation, weiter ins Klärwerk und schließlich in den Probenbehälter des Abwasserforschers.

Bannick ist ein Wissenschaftler. Er glaubt an die Zahlen, die er in Studien lesen kann. Doch für Mikroplastik im Abwasser gab es die bisher nicht – ausreichend. Das wollte er ändern. In Ruhleben fing Bannick damit vor zwei Jahren an.

Seine Mitarbeiter und er schleppten Labortische, Fässer und Pumpen in eine kleine Halle am äußersten Rand des Klärwerksgeländes. Im Sommer wächst das Gras hoch, hier kommt selten jemand hin. Hinter der Halle öffnet sich der Boden. Ein kleiner Schacht reicht tief hinab. Das Wasser passiert ihn, kurz bevor es durch den betongefassten Abfluss rauscht. In diesem Schacht versenkte Bannick eine der Pumpen. Sie saugte das Wasser meterweit bis in die Halle, wo es durch mehrere Filter gespült wurde. Was in diesen hängen blieb, ließ Bannick trocknen und anschließend untersuchen. „Bis zu 99 Prozent der Mikro-Kunststoffe im Klärwerk können aus dem Abwasser entfernt werden. Dazu gehören auch die Mikrofasern.“ Das könnte eine Beruhigung sein – wenn auch wirklich jedes Abwasser von einem modernen Klärwerk wie in Ruhleben gereinigt würde. Das ist aber nicht der Fall.

Denn in Teilen Berlins wird ein uraltes Abwassersystem genutzt, das so genannte Mischsystem. In diesem transportieren die Kanäle Schmutz- und Regenwasser gemeinsam. Regnet es sehr stark, fließt deutlich mehr Wasser durch die Rohre. Mitunter so viel, dass die Berliner Klärwerke es nur schaffen, einen Teil der Abwässer zu reinigen. Der Rest wird in die Flüsse geleitet – ungefiltert. All die Kondome, Wattestäbchen und vor allem Mikrofasern gelangen damit direkt in den Wasserkreislauf – und kommen von dort nie mehr zurück. Der Berliner Senat und die Wasserbetriebe versuchen das zu ändern: In Prenzlauer Berg unter dem Mauerpark fraß sich in diesem Sommer deshalb eine riesige Tunnelbohrmaschine durch den Boden. Dabei entstand ein Hohlraum, in den bei Starkregen künftig 7.400 Kubikmeter Wasser geleitet werden sollen. Wenn die Klärwerke nach einem Unwetter wieder Kapazitäten haben, soll das Wasser dann aus dem Hohlraum zu den Anlagen gespült werden. Das Projekt ist Teil eines größeren Plans: Bis 2020 soll Stauraum für 300.000 Kubikmeter geschaffen werden. Das ist dringend notwendig. Im vergangenen Jahr musste an 50 Tagen Schmutzwasser direkt in die Flüsse geleitet werden.

Doch das ist nicht der einzige Weg, wie Mikroplastik aus der Schmutzwäsche in den Wasserkreislauf gelangt. Zwar filtern die Klärwerke bis zu 99 Prozent des Plastiks aus dem Wasser. Doch das verschwindet nicht. Es übersteht den Klärprozess als Teil einer modrigen Masse, des Klärschlamms. In Ruhleben wird thermisch verwertet, also verbrannt. Die Kunststoffteilchen können dann nicht in die Umwelt gelangen und erzeugen sogar noch Energie. In vielen Bundesländern jedoch wird der Schlamm an Landwirte weitergegeben, welche die Masse dann auf ihren Feldern ausbringen. Der Klärschlamm gilt als nährstoffreich.

Laut Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik landet in Deutschland etwa ein Drittel des mit Mikroplastik verseuchten Schlamms auf Feldern. Dafür zahlen die Kommunen den Landwirten sogar Geld. „Da sich Mikroplastik im Klärschlamm anreichert, sollte man von dessen landwirtschaftlicher Verwertung Abstand nehmen und den Klärschlamm stattdessen verbrennen“, sagt Ralf Bertling vom Fraunhofer-Institut, der sich mit Mikroplastik beschäftigt. Die Kunststoffteilchen könnten vom Acker bis ins Grundwasser und von dort weiter in die Flüsse sickern. Aus denen kann man die Plastik­partikel dann kaum zurückholen. Einige Textilfasern sind 10 bis 20 Mikrometer klein, ein Haar ist etwa vier- bis zehnmal so groß. „Stellen Sie sich vor, Sie wollen die Spree durch ein Mikro­metersieb drücken. Da werden Sie scheitern.“ Das Klärwerk ist der letzte Filter. Was der nicht aufhält, treibt weiter – bis ins Meer.

Bis zu 99 Prozent des Mikroplastiks werden aus Berliner Abwasser gefiltert.

Claus Bannick

3. MEER

Wenn Nadja Ziebarth ihr Büro in Bremen in der Geschäftsstelle des Naturschutzvereins BUND verlässt, die Wagentür hinter sich schließt und eine Stunde die Autobahn 27 nach Norden fährt, sieht sie einen sonderbar bunten Strand. Sie ist oft am Meer, schon von Berufs wegen. Seit 19 Jahren beschäftigt sich Ziebarth mit den Meeren, seit 2009 arbeitet sie als Meeresschutzexpertin für den BUND. Wenige Umweltaktivistinnen kennen die Meere besser als sie. In den vergangenen Jahren merkte Ziebarth, dass sich etwas an der Küste geändert hat. Früher leuchtete der Sand an der Nordsee pastell- oder goldfarben, braun oder grau. Heute strahlt er auch blau, grün oder orange. Unter die Sandkörner haben sich kleinste Kunststoffteilchen gemischt. Winzige Fasern sowie Fischernetze, Flaschendeckel oder Zigarettenstummel – zerrissen in kleinste Teile, Mikroplastik. Aber wie ist es da hingekommen?

Ende der neunziger Jahre überquerte der Segler und Ozeanograf Charles J. Moore den Nordpazifik. Zwischen Asien und Nord­amerika fand er eine riesige Mülldeponie – vier Mal so groß wie Deutschland. Später entdeckten Forscher weitere solcher
Plastikmüll-Ansammlungen im Atlantik, im Südpazifik und im Indischen Ozean (siehe: Große Welt des Mülls, Seite 52). Gelangt Müll ins Meer, treibt ihn die Strömung zusammen. Einige organische Abfälle zersetzen sich schnell, doch das Plastik bleibt. Die Sonne und die Gezeiten lassen große Kunststoffteile in immer kleinere zerfallen und die verschwinden nicht: Sie treiben durch das Wasser, überziehen den Meeresboden, glänzen als winzige Partikel am Badestrand.

Anfang 2016 veröffentlichte die Ellen-MacArthur-Stiftung eine Studie, die seitdem häufig zitiert wird. Denn sie zeichnet ein düsteres und eindrückliches Bild: Wenn sich nichts ändere, werde im Jahr 2050 die Menge des Plastiks im Meer so viel wiegen wie alle Fische gemeinsam.

Im selben Jahr, 2016, legten auch Ziebarth und der BUND eine umfangreiche Studie zu Plastik vor. Sie konnten nachweisen, dass viele Kosmetikprodukte Kleinstkunststoffe enthielten. Aus einer untersuchten Peeling-Tube spülten bis zu 2,8 Millionen Plastikpartikel ins Meer. Viele Kosmetika-Hersteller reagierten damals und verbannten Mikroplastik aus ihren Produkten.

Zu Ziebarths Aufgaben gehört es auch, Schülergruppen entlang der Nordsee zu führen. Die ziehen unter ihrer Aufsicht Chips­tüten, Zahnpastatuben und Fantaflaschen aus dem Sand – oder was von ihnen übrig geblieben ist – und stopfen es in Mülltüten. Ziebarth sagt: „Wer einmal am Meer Müll gesammelt hat, der geht anders nachhause.“ Doch es gibt viele Menschen, mit denen Ziebarth Müll sammeln müsste, um mit ihnen bis zu einem Bewusstseinswandel zu spazieren. Hochzeitsgäste, die Ballons in den Himmel schicken, die so unvergänglich sind wie angeblich die Liebe. Strandpartygäste, die ihre Deckel vom
Getränk wegschnippen. Für den Einzelnen ist es ja nur ein Luftballon oder ein Feierabendgetränk, aber in der Gesamtheit ist es eines der größten ökologischen Probleme unserer Zeit.

Das Umweltbundesamt schätzt, dass pro Jahr 30 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen landen. 3,4 bis 5,7 Millionen Tonnen davon könnten aus Europa stammen. Doch genau weiß das niemand.

Denn wie viel Kunststoff ins Meer gelangt und darin schwimmt, ist schwer zu messen. Forscher veröffentlichen deshalb vor allem Hochrechnungen und Projektionen. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN schätzt, dass pro Jahr allein bis zu 2,5 Millionen Tonnen Mikroplastik in den Ozeanen landen. Fasern aus synthetischer Kleidung seien dabei die größte Quelle für neues Mikroplastik in den Ozeanen. Jedes dritte Kunststoffteilchen war demnach einst Teil zum Beispiel eines Fleecepullis, einer Regenjacke – oder eben eines Sportshirts aus Chemiefasern. Egal, ob das aus Rohöl oder aus PET synthetisiert wurde.

Doch welche Folgen haben unsere kleinen T-Shirt-Fasern für die Natur? Um das zu beantworten, muss Ziebarth am Strand nach sehr scheuen Wesen Ausschau halten, die ihre Existenz durch kleine Sandhügel im Schlick beweisen: Wattwürmer. Die Tiere sind wie lebendige Filter, denn sie fressen alles und scheiden aus, was sie nicht verdauen können. „Aber im Verdauungstrakt der Wattwürmer sind Plastikfasern nicht vorgesehen“, sagt Ziebarth. Nehmen ihn die Tiere aber über das Sediment mit auf, fühlen sie sich satt, obwohl sie mehr Nahrung benötigen. Die Würmer verlieren Energie. Wenn ihnen die dauerhaft fehlt, um das Wattenmeer umzugraben, könnte das Ökosystem kollabieren. Die Plastikdiät hat noch weitreichendere Folgen als schlappe Würmer, denn die Plastikfasern im Wasser saugen sich voll wie Schwämme. Sie nehmen giftige Stoffe auf, etwa Motorenöl, Pestizide oder Industriechemikalien. Essen die Wattwürmer die Kunststofffasern, nehmen auch sie die Chemikalien auf – und geben sie weiter an Fische, Säuger und die ganze folgende Nahrungskette. Auch an den Menschen.

Mehrere Organisationen haben in den vergangenen Jahren angekündigt, die Meere von Plastik befreien zu wollen. Zuletzt hatte der 24-jährige Niederländer Boyan Slat verkündet, sein Projekt Ocean Cleanup werde bis 2020 sieben Millionen Tonnen Plastikmüll aus den Meeren holen. Ob das den Wattwürmern hilft? Ziebarth ist skeptisch. Zwar könne mit erheblichem Aufwand das sichtbare, große Plastik eingesammelt werden, doch die Meeresschützerin sagt auch: „Wenn das Kleinstplastik erst mal drin ist, kommt es nicht wieder raus.“ Und trotzdem: Projekte wie Ocean Cleanup könnten immerhin große Plastikstücke aus dem Meer entfernen, bevor diese zu winzigen Plastikpartikeln zerfallen. Wären derartige Projekte erfolgreich, würden sie zumindest einen Teil des Problems lösen. Denn bisher gibt es keine Möglichkeit, Mikrofasern und anderen Kleinstkunststoff aus den Meeren zu filtern. Was einmal genutzt wurde, um etwa günstig oder vermeintlich nachhaltig Kleidung zu produzieren, bleibt in den Ozeanen – für immer.

Wenn das Kleinstplastik erst mal drin ist, kommt es nicht wieder raus.

Nadja Ziebarth

4. PRODUKTION

In einem Hinterzimmer am Rand des Prenzlauer Bergs plant Nora Sophie Griefahn, wie sie die Revolution der Kreislaufwirtschaft weiter vorantreiben kann. Sie glaubt daran, dass wir unsere Produkte von Anfang an neu denken, designen, produzieren müssen. Alles, was entsteht, soll vollständig recycelt oder kompostiert werden können, ohne der Umwelt zu schaden. Dafür hat sie einen Verein gegründet, der „Cradle to Cradle“ heißt, von der Wiege zur Wiege. Deren Geschäftsführerin ist Griefahn heute und das Hinterzimmer ist eines ihrer Büros.

Das Konzept hinter dem Verein entstand Anfang des Jahr­tausends. Entwickelt hat es der US-amerikanische Architekt Will McDonough gemeinsam mit dem deutschen Chemiker Michael Braungart, Griefahns Vater. Ihre erste Studie veröffentlichten die beiden Wissenschaftler im Jahr 2002. Darin folgten sie einer simplen Idee, die Braungart einem Journalisten damals so beschrieb: „Die Natur produziert seit Jahrmillionen völlig un­effizient, aber effektiv. Ein Kirschbaum bringt tausende Blüten und Früchte hervor, ohne die Umwelt zu belasten. Im Gegenteil: Sobald sie zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen für Tiere, Pflanzen und Boden in der Umgebung.“ Das Prinzip soll auch in der menschengemachten Produktion angewendet werden. Das Cradle-to-Cradle-Konzept unterscheidet zwei Kreisläufe, den technischen und den biologischen. Für den technischen Kreislauf sollen Produkte möglichst unkompliziert in Einzelteile zerlegt werden können, die anschließend recycelt werden. Im biologischen Kreislauf sollen Produkte der Natur zugeführt werden können, ohne ihr zu schaden.

Als ihr Vater davon träumte, die ewigen natürlichen Kreisläufe in die Warenwelt zu holen, ist Griefahn gerade einmal zehn Jahre alt. „Ich erinnere mich, dass ich damals mal einen Kaugummi auf die Straße gespuckt habe und mein Vater deswegen mit mir geschimpft hat“, sagt Griefahn. „Ich habe gedacht, wenn ich etwas kauen kann, dann muss es doch auch in die Umwelt gehen können.“

Zehn Jahre später, im März 2012, gründet Griefahn den Verein „Cradle to Cradle“: Sie will, dass es keine unvergänglichen Objekte wie Kaugummi mehr gibt. Ihre Mutter, Monika Griefahn, unterstützte die damalige Studentin für Umweltwissenschaften. Sie hatte einst Greenpeace in Deutschland gegründet, arbeitete von 1990 bis 1998 als niedersächsische Umweltministerin und setzt sich mit ihrer Tochter nun dafür ein, die Produktherstellung von Grund auf zu ändern. Die beiden beginnen bescheiden. „Anfangs sind wir losgegangen und haben versucht, einzelne Leute zu überzeugen“, erinnert sich Nora Sophie Griefahn. Sie fragt Menschen aus allen Ecken der Gesellschaft: Eine pensionierte Schulleiterin, ein Chinesisch-Student und eine Kindergärtnerin sind die ersten Mitglieder. Heute gibt es Regionalgruppen in mehr als 40 Städten. „Es geht darum, eine kritische Masse zu erreichen“, sagt Griefahn. So will sie ein Bewusstsein verbreiten, das langfristig zu neuen Produktionskonzepten führen soll. Diese Mission hat Griefahn noch lange nicht abgeschlossen. Ein wichtiges Thema ist dabei für den Verein auch, warum und wie viel Plastik produziert wird.

Vor mehr als 100 Jahren wurde mit Bakelit 1907 der erste indu­striell gefertigte Kunststoff eingeführt. Es folgten Nylon, Zelluloid, Cellophan, Polyester, Styropor. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kunststoff zu einem Massenprodukt. Der Spielzeug­hersteller Lego führte 1949 seine Plastikbausteine ein, 1958 ­erfand Artur Fischer den Kunststoffdübel. Die Nutzung von Plastik in der Herstellung hat seither drastisch zugenommen. Im Jahr 1950 wurde weltweit eine Tonne Plastik hergestellt, im Jahr 2015 waren es 300 Millionen Tonnen.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wird Plastik auch als Garn ver­wendet, um Kleidung zu nähen. Doch die Menge an Kunststoffgarn nahm in den vergangenen Jahren erheblich zu. Zwischen 2000 und 2016 stieg der Polyester-Einsatz in der Kleidungs­herstellung laut Greenpeace von 8,3 auf 21 Millionen Tonnen. Die Organisation schätzt, dass in 60 Prozent der Kleidung weltweit mittlerweile Polyesterfäden verwoben sind.

Ein Shirt aus Plastikfasern, die sich beim Gebrauch und Waschen lösen, sei „kein wünschenswertes Produkt“, sagt Griefahn. Das gilt selbst für T-Shirts, für die PET-Flaschen aus dem Meer gefischt wurden. „Na klar, ich will auch nicht, dass die Flaschen im Meer schwimmen.“ Doch an dem Kunststoff würden sich im Wasser giftige Stoffe sammeln. „Wenn ich dann ein T-Shirt daraus mache, was hoch schadstoffbelastet ist, und das auf der Haut trage, ist das ein großes Problem.“ Sportartikelhersteller, die Plastik aus dem Wasser holen, um daraus Shirts zu machen, würden mitunter gar nicht wissen, was sie da anrichten, sagt Griefahn. „Es gibt vieles, das gut gemeint, aber nicht gut gemacht ist.“ Dem widerspricht der Sportartikelhersteller und verweist auf seine Tests. Es seien die angeblich „strengsten Umweltstandards der Branche“.

Aber es kommt ja auch nicht nur auf die Schadstoffbelastung des T-Shirts an, sondern in welchen Kreislauf es eingebunden ist. Von der Produktion über den Kauf bis zur Entsorgung und auch danach noch – ein Produkt ist immer auch wie eine Kette vieler Glieder. Jedes beeinflusst auch die anderen. Wer ein Glied verändert, muss beachten, was dies für die übrigen Glieder bedeutet. Denn ungewollt kann die vermeintliche Lösung eines Teilproblems, Plastikflaschen im Meer, an anderer Stelle ein viel größeres Problem schaffen.

Doch was kann dann die Lösung sein? Griefahn führt durch eine schwere Holztür aus dem Hinterzimmer in den Vorraum ihres Büros. Licht fällt durch die großen Fenster auf ein Holzregal, in das einige Produkte sortiert wurden, die dem Konzept des Vereins entsprechen. Sie enthalten keine giftigen Stoffe, einzelne Bestandteile können problemlos getrennt und wiederverwertet werden – auch von der Natur. Neben Bad- und Glas-Reiniger liegen im Regal auch T-Shirts. Ein deutscher Textilproduzent fertigt sie aus Biobaumwolle – vollkommen kompostierbar. Statt im Meer zu treiben, können die Fasern im Boden verrotten. Die Kleidung wird zum Nährstoff. Natürlich können nicht alle Menschen auf Biobaumwoll-Shirts umsteigen und im gleichen Maße fröhlich weiter konsumieren – das geben die Ressourcen der Erde nicht her. Um Biobaumwolle herzustellen, muss viel Wasser aufgewendet werden. Es gilt, sich radikal zu bescheiden. Das beste Sportshirt ist vermutlich jenes, das einst aus Naturfasern produziert und über viele Jahrzehnte gepflegt und getragen wurde – und zwar nicht in einer Plastiktüte vom Laden zum Müll. Apropos Tüte!

An dem Kunststoff im Meer sammeln sich giftige Stoffe. Daraus T-Shirts zu machen, ist ein großes Problem.

Nora Sophie Griefahn

Nebenarm

DER FLUSS

Man kann ja kaum am Ufer der Spree sitzen – ohne dass ein Plastikstück vorbeischwimmt. Wie viel Kunststoff sich im Fluss befindet, darüber erhebt der Senat keine Daten. Doch Beate Ernsts Säcke sind voll, wenn sie mit ihrer Initiative „Alles im Fluss“ die Ufer reinigt. Was sie nicht aufhebt, weht wahrscheinlich der Wind in die Spree. Hin und wieder unterstützen Taucher Ernst bei ihrer Arbeit. Was die aus dem Schlamm an die Oberfläche zerren, gibt einen Eindruck davon, wie es um den Fluss steht. Ernst erinnert sich, wie die Taucher Tresore und Fahrräder ans Ufer brachten und wie sie dann einmal die Polizei rufen musste. Die Taucher hatten eine Waffe gefunden. Unter dem Wasser treibt jene Schattenwelt, die wir Menschen nicht mehr sehen wollen.

Beim Picknick am Spreeufer genügt ein Windstoß und die Plastiktüte, in der wir unser Sportshirt gekauft haben, landet im Fluss. Das ist die schöngefärbte Variante. Die realistischere ist, dass solche Beutel achtlos weggeworfen werden. Forscher der Humboldt-Universität wiesen Anfang des Jahres nach, dass viele Menschen Müll in die Umwelt werfen aus Bequemlichkeit, Faulheit oder Gleichgültigkeit.

Doch so schnell wie der Plastikmüll in der Umwelt landet, so schnell kommt er nicht wieder heraus. Eine Einkaufstüte schwimmt 10 bis 20 Jahre lang im Wasser, bis sie vollständig zerrieben ist. Selbst wenn die Bundesregierung Plastiktüten besteuern oder verbieten sollte, werden noch jahrelang Tüten in den Flüssen oder im Meer schwimmen.

Deshalb gründete Ernst im vergangenen Jahr die Initiative „Alles im Fluss“. Ihre Mitstreiter und sie suchen regelmäßig das Spreeufer ab nach Plastikmüll, den sie anschließend in große Säcke stopfen. Doch es wird mehr Abfall in der Umwelt entladen, als die Aktivisten zurückholen können. Ernst lässt sich davon nicht entmutigen, sie will weitermachen. Wenn sie ihre Touren mache, werde sie auch von Passanten angesprochen, sagt Ernst. Sie versucht ihnen dann zu erklären, was und warum sie es tut. „Alle Menschen, die wir hier erreichen, sind hinterher weltweit unterwegs.“

Wie die Menschen weiter reisen, so treibt auch der Abfall weiter – die Spree entlang. Außerhalb der Stadt an der Havel können Anwohner beobachten, wie Blässhühner ihre Nester längst auch aus Abfall bauen. Zwischen Geäst und Gräsern leuchten dann Absperrband und Chipstüte. Einmal, berichtet eine Anwohnerin, habe sie eine Ente befreien müssen, die hätte, den Kopf in einem Plastikring gefangen, nicht mehr schwimmen können.

Auch die großen Umweltorganisationen werden zunehmend auf das Thema aufmerksam. Seit Jahren überwachen deren Mitglieder die Strände an Ost- und Nordsee, laufen festgelegte Routen und notieren, wie viel Müll sie finden. „So etabliert sind wir im Inland nicht“, sagt etwa ein Sprecher des Nabu. Erst langsam wächst das Bewusstsein. „Wir bemühen uns, das zu monitoren.“ In einem ersten Schritt sollen künftig Gruppen, die Schutzgebiete betreuen, wie den Köppchensee in Pankow, auch auf Plastik achten. Der Kampf gegen den Müll in den Gewässern hat erst angefangen – und wir alle können ihn mitkämpfen: beim Einkaufen, beim Waschen, beim Spazierengehen. Denn jedes Plastikteil – ob als Tüte oder als Faser –, das in die natür­lichen Kreisläufe gelangt, wird früher oder später wieder zurück zu uns gespült.

Es wird mehr Abfall in der Umwelt entladen, als die Aktivisten zurückholen können.

Beate Ernst

TEXT Nico Schmidt | FOTOS Hahn+Hartung