Ich war einmal…

… eine Flasche. Ich stand mit meinen Flaschenfreunden in einem Schrank, strahlte in schönstem Dunkelgrün und hatte leckeren Wein im Bauch. Alles war perfekt, bis eines Tages ein Mann mit Einkaufsbeutel und Rosenstrauß kam, mich mit nachhause nahm und den Wein aus mir in zwei Gläser kippte. Es war ein romantischer Abend, der mit einem bösen Erwachen in einer Altglastonne endete, in der ich scheppernd zersplitterte. Da lag ich nun, am Boden zerstört, und dachte, mein Leben wäre vorbei. Die anderen Glassplitter versuchten ­mich aufzumuntern, sagten, ich solle mir keine Sorgen ­machen, es gäbe ein Leben nach der Tonne, aber was wissen die schon, dachte ich mir und legte mich zur Ruh.

Doch als ich aufwachte, ich muss lange geschlafen haben, war da auf einmal Licht. Ich lag auf einem Tisch, neben ­mir ein Zettel, auf dem etwas mit Universität Kassel stand, ­und schaute in die Augen von Lea Schücking, einer Produkt­design-Studentin.

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Offenbar hatte sie eine Eingebung, denn plötzlich streute sie Ziegelmehl neben mich. Es hatte einen wunderschönen Rotton und erzählte, es sei einmal die Fassade eines prächtigen Altbaus gewesen. Wir verliebten uns sofort. Und auch Lea verliebte sich darin, wie wir gemeinsam aussahen, sie mischte uns und ließ uns in einem heißen Ofen ineinander verschmelzen, sodass wir für immer und ewig zusammen sein konnten.

Jetzt sind wir eine Fliese. Es gibt viele von uns, ganz unterschiedliche Farben, von Grün zu Braun. Wir ähneln uns, aber keine Fliese ist wie die andere. Und weil Lea so viele Preise für uns bekommen hat, sollen wir bald sogar verkauft werden.

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