Herr Graebel sieht nach Arbeit aus

Unser Autor probiert Upcycling-Mode am eigenen Leib aus. Bei Daniel Kroh findet er, was er schon lange gesucht hat: eine Arbeitsuniform.

Berlin am Tag der Rücktrittsverkündung des Regierenden Bürger­meisters: Gotisch wirken die Backsteinsäulen des ehemaligen Umspannwerkes in der Osloer Straße. Als hätte sich der Architekt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Funktion für die Mittelalterformensprache ausgedacht. Wo Gotik zu Industrieform geriet, wo Transformatoren den einen Strom in den anderen wandelten, dort erdenkt Daniel Kroh heute neue Funktio­nen für ehemalige Arbeitskleidung, da transformiert er derbe Hosen zum Flanier­outfit.

Kroh ist mit seinem Atelier  eben erst hierhergezogen. Weiß sind die Räume, schneeweiß. Sein Label ReCLOTHING muss eines der bekannteren sein in der Upcycling-Szene: Kroh kann – und dazu gratuliere ich ihm sehr herzlich – von seiner Arbeit leben und braucht keinen zusätzlichen Job.

Rund zwei Tonnen Arbeitskleidung hat Kroh in seiner Atelierhälfte in ein großes weißes Regal gestapelt. Eine Tonne davon verbraucht er in zwei Monaten. Da hat sich etwas herumgesprochen unter den Kreativen der Hauptstadt, den Architekten, Kulturschaffenden, Künstlern und solchen, die gerne mit solchen verwechselt werden würden: Dass man bei Daniel Kroh gute Kleidung mit Unikatfärbungen, -waschungen und -abrieb bekommt: also Dreiteiler, Sakkos und Anzüge mit dem gewünschten Mehr an Geschichten, an Individualität, an Augen­zwinkern gegenüber einer Kleiderordnung. Deren Formalia widersprechen Krohs Kollektionen überraschenderweise nicht.

„Die meisten meiner Kunden kommen auf Maß“, sagt Kroh. Dass er einst eine Ausbildung zum Herrenschneider am Thalia-Theater in Hamburg absolvierte, kommt ihm und den Kunden hier wohl zugute. Sie wählen aus Krohs Kollektionen einzelne Modelle, die dann auf Maß angefertigt werden.

Die Idee, seine Mode ausschließlich aus gebrauchter Arbeitskleidung herzustellen, verdankt er seinem Modestudium an der damaligen FHTW Berlin, das er 2006 abschloss. Nachdem er den „Mensa-Frauen“ der Hochschule neue Arbeitskleider geschneidert hatte, fuhr er mit den entstandenen Entwürfen die Arbeitskleidungshersteller der Bundesrepublik ab. Um sich vorzustellen, um einen Job zu kriegen. Natürlich hatte er Erfolg, denn dass sich ein Modedesignstudent damit beschäftigt, Kochschürzen neu zu denken, kommt eben leider nicht jeden Tag vor. Kroh wurde vom Praktikanten zum Trainee und stieß irgendwann auf einen Container voller Arbeitshosen. Die grauen Hosen der Schreiner, die orangefarbenen der Gleisarbeiter, die weißen der Maler und Lackierer. Alle wurden vermietet, wöchentlich gereinigt und nach 30 Wäschen aussortiert.
Natürlich hätten die Stoffe noch viel länger durchgehalten, aber Arbeitskleidung, der man ansieht, dass mit ihr gearbeitet wurde, wird nicht mehr gern gesehen. Irgendwie dumm, aber gut für Kroh und seine Kunden.

Mich, den Autor, reizt Arbeitskleidung natürlich ungemein. Ich habe schließlich keine. Selbst die Lederschoner an den Ärmeln meines Sakkos scheinen jungfräulich. Bevor ich probiere, stelle ich die Haushaltsfrage, auf die Kroh antwortet: „Nahezu alles reine Baumwolle und bei
60 Grad waschbar.“ Früher dachte ich ja, dass das Einzige, was die Herrenmode noch braucht, ein zuhause waschbarer Anzug ist. Jetzt ist er da. Also los, Kroh, mach mich zum Handwerker, ich mache auch sauber, wenn nötig.

Wir starten mit einem grauen Jackett aus Schreiners alter Buxe. Das sitzt. Im Schulterbereich ist der Schreiner mal an einem Nagel hängen geblieben, also im jetzigen Schulter­bereich. Im früheren Leben war das Jackett sechs Hosen. Der Stoff – im Fachjargon so genanntes Englisch-Leder oder Doppelpilot – ist sagenhaft robust. Ich habe eine Art kugelsicheres Gefühl. Aber sehr bequem.

Anschließend kommen die Malersachen an den Mann. Ich meine ja, es muss ein Lackierer gewesen sein, der die orangefarbenen Lackflecken auf dem Stoff zu verantworten hat, Kroh jedoch besteht auf Maler. Wer auch immer, wie auch immer: Die Farbflecken harmonieren ganz vorzüglich mit dem Formellen von Weste und Jackett. Warum das so ist? Weil Kroh klassisch schneidert, also schon fast traditionell. Die beste Form. Wenn die stimmt, ist das Material fast zweitrangig, solange es keine Geschichten erzählen kann. Und das tun Krohs Stücke.

Das dritte Jackett ist braun. Stopp. Das dritte Jackett hat viele Farben. Umbra, Ocker, Beige und eben Braun. Dunkelbraune Blockstreifen zum Beispiel. Dieses Sakko war sechs Gleisarbeiter­hosen in leuchtendem Orange, bevor Kroh es einfärbte. Die Blockstreifen zeigen die Stellen, an denen früher Reflektoraufnäher größtmögliche Sicherheit versprachen. Kroh hat sie entfernt und der unberührte Stoff darunter nahm die neue Farbe stärker auf.

Zu kaufen, also von der Stange, nicht auf Maß, gibt’s ReCLOTHING in Wien und Prag, im Internet und natürlich auch in den bekannten Geschäften der Upcycling-Metropole Berlin. Dass die Hauptstadt das ist, werde ich am Nachmittag gewahr: Regierungschef Wowereit will zurücktreten. Den Kittel abgeben sozusagen. Er wird bestimmt bald etwas maßgeschneidertes Neues finden. Im Zweifel bei Kroh.

TEXT Christoph Graebel | FOTO Stephan Pramme

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