Herr Graebel möchte Nieten streicheln

Die Redakteure vom TrenntMagazin sagen mir immer, ich soll meine Texte nicht damit beginnen, über meine Anreise zu schreiben. Keiner möchte angeblich lesen, was ich bei der Fahrt zum Interviewort erlebt habe. Aber erstens war es eine wirklich lange und sehr anstrengende Unternehmung, die ich da auf mich genommen habe: acht Stunden mit Schnellzug, Regionalbahn, Bimmelbahn und Taxi in den Ort Alsweiler im kleinen Saarland. Zweitens ist das hier eine Geschichte über das Reisen und was es so mit einem macht.

Ich bin gern unterwegs. Diesmal immer gen Westen, vorbei an goldgelben Äckern, verlassenen Bahnhöfen, klobigen Einkaufsmärkten, von einer Stadt zur Kleinstadt zum Dorf zur Feldstraße. Am Ende steht eine blau verblechte Halle. Ich nehme einen tiefen Lungenzug Landluft. An diesem Ende der Welt wird etwas recycelt, das auch oft am Ende einer langen Reise übrig bleibt: ausrangierte Flugzeugteile. Eine Anzeige auf Instagram hatte mich aufmerksam werden lassen. Auf meinem Handybildschirm sah ich Bilder von einem Whirlpool, der aus einem Triebwerkseinlass gebaut war, ich sah Glastische mit Getriebeteilen darunter, ich sah Taschen aus Rettungswesten und ich wusste: In diesen Teilen steckt so viel Fernweh. Das kenn ich gut, aber noch nicht gut genug. Ich komme vorbei!

Julian Schneider kommt mir entgegen. Er trägt die Haare sorgfältig zurückgekämmt und ein T-Shirt, auf dem der Name flugzeugmöbel.de steht. Etwas sperrig für einen Unternehmensnamen, finde ich. Julian betont auch das d-e besonders, damit mir klar wird, dass seine Firma ein Onlineshop ist, was auch gleich meine erste Frage beantwortet: Warum in aller Welt macht ihr das HIER?

„Mein Geschäftspartner Marius kommt aus der Region“, erklärt Julian. Marius Krämer, 25, ist der Handwerker, Julian, 35, der Marketing- und Businessexperte. Beide haben gültige Pilotenscheine und könnten die Strecke Alsweiler–Leipzig in drei Stunden schaffen, Maximum. Ich möchte auch Pilot werden.

Julian macht eine Betriebsführung. Auf der Bürotür steht „Head Office“. „Ihr beide seid ja der Head – wie viele sind der Rumpf bei Euch?“ „Vier Mitarbeiter haben wir, aus der Region.“ Bei den Anfahrtswegen wäre alles andere ja auch problematisch, denke ich mir still.

Ich bekomme Fernweh, weil an der Wand Poster von Flugzeugen hängen und vor mir die Nieten eines Flugzeugflügels glänzen. „Hier haben wir zwei Höhen­ruder zusammengefügt zu einer Tischplatte“, sagt Julian und ich fahre mit dem Finger die Nieten ab und sage: „Schön.“

Das wollte ich schon immer mal machen. Immer wenn ich mit dem Flugzeug unterwegs bin und durch die Bullaugen auf die Flügel schaue, möchte ich die Nieten anfassen. Dass die Höhenruder eigentlich hinten am Flieger sind und nicht an den Flügeln, ­ist mir egal. Sie sehen in ihrer durchdachten Aerodynamik aus, als hätte sie der Flugwind über Jahre in diese Form gezwungen. So geformtes Aluminium muss angefasst werden, die Nieten, die es in Form hält, müssen gezählt werden. Mit den Fingern. Endlich.

Immer wenn ich Mit dem Flugzeug unterwegs bin und durch die Bullaugen auf die Flügel schaue, möchte ich die Nieten Anfassen.

„Sie gehörten zu einer Focke-Wulf, einer Trainingsmaschine der deutschen, schweizerischen und italienischen Luftfahrt.“ Irgendwann sei die Maschine aussortiert worden. Sie kam zu einer Verwertungsfirma, die sie in Einzelteile zerlegte. Zu diesen Firmen pflegen Julian und Marius sehr gute Kontakte. Sie bekommen Hinweise und Tipps, wo etwas zu holen ist. Auch, wenn es etwas größer und ziviler sein sollte. Die Teile werden den Alsweiler Größenansprüchen entsprechend zugesägt und mit dem LKW ins Saarland gebracht. Große Teile, Flügelteile, Seitenwände.

Durch das Fenster zur Produktions- und Lagerhalle sehe ich so ein Seitenteil. Das erkenne ich sofort, denn es hat zwei leicht ovale Löcher, durch die hindurchblickende Passagiere wie ich gerne die Nieten auf den Flügeln zählen. Das Seitenteil zählte dereinst zu einem Airbus A320 der SwissAir, aussortiert und schon nach 20 Jahren vom Himmel genommen, weil er zu laut war und zu viel verbrauchte.

Jetzt wird dieses Teil zur Wandbar, dem schönsten Möbel, das sie hier in Alsweiler herstellen. In seinen zwei Fenstern könnten bald schon Flugshowpokale stehen, Flugzeugmodelle oder Luftfahrtbildbände. Denn die meisten Kunden, die hier die großen Möbel bestellen, sind Luftfahrtenthusiasten. Wie Julian und Marius. Ich zähle ja eher zu denjenigen, die zwar fliegen, aber daran nicht so richtig glauben, dass ein Flugzeug wirklich fliegen kann. Wenn wir drinsitzen, glauben wir das nicht, und wenn wir eines am Himmel weiße Streifen malen sehen, auch nicht. Und wenn mal eines abstürzt, nicken wir Ungläubigen innerlich heimlich.

Von verunglückten Maschinen werde ich hier nichts finden. „Das schließen wir aus“, sagt Julian. Mir leuchtet das ein. Denn wer das Fliegen auch auf dem Boden feiern möchte, mit einem Flugzeugmöbel im Wohnzimmer, der möchte nicht daran erinnert werden, dass man beim Fliegen auch sterben kann. Ob mit der Focke-Wulf jemals ein Kollateralschaden angerichtet wurde, lässt sich indes nicht mehr überprüfen. Spätestens seit sie in Teilen in Alsweiler ist und Stück für Stück zu Möbeln wird, ist sie ohnehin zivilisiert.

An ihrem Rumpf steht Marius. Er hat ein riesenhaftes Strandbuggygestell mit dicken Reifen gebaut und unter die blank polierte Karosserie geschweißt. Der Strandbuggy ist ein kleines lustiges fahrbares Geschoss, um auf Messen auf ihren Stand aufmerksam zu machen. In dieses Cockpit traue ich mich. Alle Knöpfe und Hebel sind ausgebaut, ein Autolenkrad installiert und das Dach entfernt. Ich steige ein. Damit ich im entkernten Cockpit stehen kann, hat Marius ein Holzbrett unter meine Füße gelegt. Schaue ich an dem vorbei nach unten, sehe ich das Pflaster der Feldstraße. Das Holzbrett wackelt. Für einen Moment glaube ich abzuheben. Ein Aufprall – ich halte mich am Rahmen des Cockpitfensters fest, ich stehe gerade und mein Blick geht wieder gen Horizont. Das Holzbrett, auf dem ich stehe, gleicht einer Wippe. Es wackelt also noch im Cockpit. Ansonsten steht der Focke-Wulf-Wagen sicher. Er wird auch nie mehr abheben. Seine Flügel stehen abgetrennt an der Werkshallenwand.

Ein Flugzeug im Wohnzimmer als Tisch, Lampe oder Regal ist nur die zweitbeste Version.

Julian, Marius und ich widmen uns nach meinem gefühligen Ausflug als vermeintlicher Bruchpilot der Tat. Polieren und Messen. Ein dreifenstriges Rumpfteil einer Boeing 737 liegt auf der Werkbank. Es ist blank poliert, „aber da geht noch viel mehr“, sagt Marius. Ich gebe mir große Mühe und beginne mit einem Poliertuch das Metall zu schrubben. Weil aber meine Finger dem Drang Folge leisten, die Nietenreihen rauf und runter abzufahren, wird Marius noch viel Arbeit mit der Aluminiumhaut haben. Mein Fingerfett hinterlässt sichtbare Spuren, denen die abertausend Mikrofasern des Tuches nicht beikommen. Normalerweise nimmt Marius die Scheiben aus den Rumpfteilen. Bei dieser Boeing hat sie mal jemand festgeklebt. Macht auch im Nachhinein noch einen sehr sicheren Eindruck. Also können diese drei Fenster keine Wandbar werden. Werden sie eben eine sehr große Wandleuchte, die im Wohnzimmer eines Fernwehkenners einen sehr nah vorbeifliegenden Jumbo simuliert. Ich finde, ein Flugzeug im Wohnzimmer als Tisch, Lampe oder Regal ist nur die zweitbeste Version. „Das beste Flugzeug ist das, das fliegt.“ Sagen auch Julian und Marius.

Anmerkung an die Redakteure: Für das nächste Testimonial würde ich übrigens gerne eine Flugreise machen und mindestens eine Seite mehr vollschreiben.

TEXT Christoph Graebel | FOTOS Stephan Pramme

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