Herr Graebel kriegt im Hühnerstall ein E-Bike

Ich kann Fahrradfahren nicht ausstehen. Nie, zumindest innerhalb der letzten zehn Jahre, konnte man mich irgendwo auf einem Fahrrad sehen. Das Schwitzen, Treten, schwere Atmen und stetige, fata-morganoide Entstehen von Hügeln in der Leipziger Tieflandsbucht, sobald ich auf dem dicken Gelsattel sitze, sind mir ein Graus.

Als mich die Redaktion fragte, ob ich ein Fahrrad besitze, fiel es mir aber wieder ein: An der südlichen Grundstücksgrenze unter dem Schleppdach, hinter Europaletten (falls ich mal was bauen will) und C-Träger-Abschnitten (falls ich mal was schweißen will), hatte ich doch eins abgestellt. Ein noch fast unbenutztes City-Damenrad, das ich von meinem Vater geerbt hatte. Vielleicht fuhr ich es nie, weil er es auch nie gefahren hat. Jedenfalls harrte es treu ergeben und fast vergessen den Dingen, die da kommen würden. Der Redaktion sagte ich: „Ja, hab eins“, und zur Fahrradwerkstatt im Wohn­gebiet sagte ich:„Einmal verkehrssicher bitte.“

Mitunter grinse ich sogar, wenn ich im Sattel sitze.

Es bekam neue Schläuche, die Beleuchtung funzelte schon im Sonnenschein und die Bremsen konnten wieder, was sie bald wirklich können mussten. Denn Vaters Rad sollte einen Motor bekommen: einen elektrischen Hilfsmotor, einen E-Bausatz, kurz: einen Pendix. Ein Elektrofahrrad ist heute nicht mehr nur ein Rollstuhl mit zwei Rädern. Es gibt E-Bikes für Baumarkt­enthu­siasten, für Schwiegereltern, für Querfeldeinfahrer, für rasende Rolands, für Discounterabonnenten und für hippe Youngsters. Im Grunde für jeden, der gern Fahrrad fährt. Und sogar für Menschen, die nicht gern Fahrrad fahren: wie mich.

Das macht sich Christian Hennig zunutze. Der Zwickauer ist einer von sechs Gründern und technischer Geschäftsführer der Pendix GmbH, deren Nachrüstsatz nahezu jedes Fahrrad elektrifizieren kann. 2015 kam der erste Pendix eDrive auf den Markt und füllte wohl eine Lücke, denn er ist sehr erfolgreich. Schon nach kurzer Zeit auf dem Markt galt Pendix als der Mercedes unter den E-Bike-Nachrüstsätzen. Natürlich fahren mit Pendix getunte Räder nicht von alleine, man muss immer noch treten. Der Motor direkt am Kugellager zwischen den Pedalen unterstützt den Fahrer, kommt ohne eigenes Getriebe aus, was ihn unhörbar macht. Das Wichtigste aber, finde ich: Man muss sich kein neues Fahrrad holen, sondern kann dem alten neues Leben einhauchen. Mein emotional wertvolles Erbstück ohne Schwitzen fahren zu können – das klang doch endlich mal nach einer guten Idee. Eigentlich bin ich Automobilist und fahre mit Freude ein technisches Kulturgut, damit es nicht auf den Schrott kommt. Mit meinem Mercedes aus den 1980ern finde ich selten auf Anhieb einen Parkplatz. Ich kann also nicht sagen, ich führe es, weil ich damit schneller in der Stadt bin. Oft stehe ich an Ampeln oder im Halteverbot. Ich nehme die Knöllchen hin, ich bezahle sie, ich zahle immer den Spritpreis, der gerade angeboten wird, wenn der Tank leer ist. Ich zahle und warte, ohne zu murren, und lasse auch gerne mehrfach für dreistellige Summen Dinge im Motorraum wechseln, in der Hoffnung, das Auto würde dann noch besser anspringen, was es bisher nicht tut. Das alles tue ich, weil ich mein Auto liebe.

Deswegen darf es auch mit zu den Fahrrad-Mobilisten nach Zwickau. Vaters Rad auf seinem Dach vertäut, fahren wir in einen zum Gewerbepark upgecycelten ehemaligen Masthuhnherstellungsbetrieb. Hier sitzt der Pendix-Support und hilft Händlern und Kunden am Telefon bei technischen Fragen. Tom Schubert, der den technischen Support betreut, kann aber nicht nur Theorie, sondern auch Praxis. Er macht sich sofort daran, das Kugellager aus dem Rad zu hämmern. Mit Gewalt, denn es steckt wirklich fest. Wasser ist trotz Schleppdachschutz eingedrungen. Das Lager ist rostig und muss weg. Der Pendix-Bausatz bringt ein eigenes Kugellager mit Sensoren mit, die dem Motor Daten mitteilen, damit er mich besser unterstützen kann. Ein weiterer Sensor misst am Hinterrad die Geschwindigkeit. Fahre ich schneller als 25 km/h, hört der Motor auf zu arbeiten. „Dann ist das Fahrrad kein Fahrrad mehr“, sagt Christian Hennig. Es bräuchte ein Mopedkennzeichen.

Ein Elektrofahrrad ist heute nicht mehr nur ein Rollstuhl mit zwei Rädern.

Mein Vater übrigens, der den heimischen Fahrradkeller als Flucht­ort oft über mehrere Stunden nicht verließ, hätte den Pendix vermutlich selbst angebaut, was man zwar machen kann, aber auf keinen Fall sollte. „Wir können dann schlicht die Gewährleistung nicht mehr übernehmen“, sagt Christian Hennig. Man muss aber nicht nach Zwickau reisen, um Pendixer zu werden – das geht überall. Rund 600 Fahrradhändler in Deutschland dürfen den Elektromotor anbauen und erkennen also auch, ob ein Fahrrad geeignet ist, ein E-Bike zu werden. Rostleichen ohne Bremsen sind es zum Beispiel nicht. Zum Schluss montiert Tom am vorderen Rahmen die Halterung für den Akku. Wenn der im Betrieb nicht leuchten würde, sähe er aus wie eine Thermoskanne und wie bei der wüsste man nicht, wie voll das Gerät noch ist. Die Farbe des Lichtrings zeigt dem Fahrer den Ladezustand: grün, gelb, rot. Leuchtet ein. Drei Fahr-Modi kann ich einstellen – Eco, Smart und Sport. Im Sportmodus ist der Akku zwar am schnellsten leer, aber der Motor hilft mir am besten beim Sprintstart an der Ampel und dabei, die 24,9 km/h konsequent zu halten. Langsam Fahrrad fahren ist mir noch fremder, als überhaupt drahtzueseln. Und gut sieht der Anbau auch aus. Schon seine Verpackung ist weiß und edel und wie ein echter Designklassiker nimmt er sich am Fahrrad optisch sehr zurück. Das ist sehr gut, denn wenn ich schon Fahrrad fahren soll, will ich nicht so wirken, als würde ich wie meine Schwiegermutter ein Elektrofahrrad fahren. Wieder zurück in Leipzig führe ich mein optimiertes Fossil aus. Mit Stolz und 24,9 km/h fahre ich die zehn Kilometer vom Stadtrand Leipzigs in die Innenstadt und später wieder zurück und fühle mich eigen­tümlich sportlich, weil ich sehr schnell vorankomme und im Büro nur ein ganz bisschen außer Atem bin. Von Schweiß keine Spur! Meine größte Angst ist mir genommen. Sonnengelb leuchtet der Akku am Abend, 40 bis 70 Prozent Akkuladung sind noch drin. Aus reiner Zurückhaltung hatte ich mich für den Akku mit 300 Wh (eDrive300) und gegen den länger haltenden mit 500 Wh (eDrive500) entschieden.

Mitunter grinse ich sogar, wenn ich im Sattel sitze, und erwische mich dabei, über den Kauf von Handschuhen nachzudenken, weil die Finger im Fahrtwind recht kalt werden. Doch dann, nach drei Tagen Enthusiasmus, ärgere ich mich: Es regnet und ich nehme das Auto. Ich behaupte, dass der Regen dem Akku nicht guttun würde. Offiziell stimmt das aber nicht, denn das ganze Pendix-System wurde nicht nur entwickelt, um gut auszusehen oder gar um das Rad in einer Schönwetter-Variante neu zu erfinden. Der Pendix soll immer einsetzbar sein, kräftig helfen und sich ansonsten maximal zurückhalten. Und weil die meisten Fahrradfahrer ja auch bei Regen fahren, schadet er dem Pendix natürlich nicht. Inoffiziell denke ich, dass ich, wenn es mit mir und Vaters Rad so weitergeht, irgendwann auch mal im Regen fahren werde. Bestimmt. Wenn ich dereinst Rentner bin.

„Die größte Gruppe der E-Bike-Nutzer stellen zwar immer noch die Ü-60er“, sagt Christian Hennig, aber schon die zweitgrößte Gruppe seien die U-30er. Und neben diesen beiden gibt es fortan noch mich. Meinem Auto habe ich einst versprochen, dass es noch mindestens 250.000 Kilometer mit mir fahren darf. Jetzt, mit dem Pendix zwischen meinen Füßen, wird das noch viele Jahre dauern. Über das Elektrofahrrad freuen sich also nicht nur mein Portemonnaie und meine Ausdauer. Auch mein Auto ist glücklich und mein Vater dreht sich vor Freude im Grabe um. Denn er hasste Mercedes-Fahrer und liebte das Radeln. Ich werde sein Rad jetzt nach ihm benennen: Dr. Jürgen.

TEXT Christoph Graebel  |  FOTOS Stephan Pramme