Griff in die Zukunft

Unser Autor Piet Weber hat die Espressokanne seiner Freundin kaputt gemacht. Kann er ihre Liebe zu Kaffee und ihm in einem Repair-Café retten?

„Rums, knack, vorbei.“

Zu Kaffee habe ich ein zwiegespaltenes Verhältnis. Auf der einen Seite konsumiere ich ihn nicht, weil er mir nicht schmeckt: Americano, Espresso Macchiato, Cortado, Latte Macchiato, Caramel Cream Frappuccino Con Panna mit Parmesanstreuseln – Barista haben sich schon viele Verrücktheiten ausgedacht, ohne mich am Ende überzeugen zu können. Auf der anderen Seite bereite ich Kaffee aber sehr gern zu und bringe ihn morgens meiner Freundin ans Bett, weil sie Kaffee liebt. Sie behauptet, nicht so sehr wie mich, aber wenn ich sie frage, was sie besonders an mir mag, bekomme ich als Antwort: „Dass du mir morgens Kaffee ans Bett bringst.“ Das macht misstrauisch.

Das Gute an ihrer Kaffeepassion ist die Tatsache, dass sie keine ausgefallenen Wünsche hat. Da müssen keine Kekskrümel über aufgeschäumte Mandelmilch gestreut werden, sondern es genügt, dass Wasser zusammen mit Kaffeepulver in einer Espresso­kanne auf dem Herd zu erhitzen und das kulinarische Resultat in eine formschöne Tasse zu gießen. Es klingt genauso leicht, wie es ist, und doch habe ich es neulich geschafft, bei diesem Prozedere einen folgenschweren Fehler zu begehen. Daraus habe ich gelernt: Es ist nicht ratsam, die Espressokanne aufzuschrauben, indem man bequem den Griff umklammert und ruckartig gegen den Uhrzeigersinn dreht. Das führt lediglich zu einem Knacken und einer abrupten Trennung von Espressokanne und Griff, was wiederum das komplette ­Gerät unbrauchbar macht.

Man erlebt ja häufiger, dass ein kleines defektes Teil dafür sorgt, dass die gesamte Funktionalität einer Sache in die Binsen geht. Ob geplante Obsoleszenz oder altersbedingte Abnutzung: Wenn es keine passenden Ersatzteile gibt, muss das Produkt wegen einer Kleinigkeit in Gänze ersetzt werden. Aber der Markt für einzelne Espressokannengriffe scheint derart klein zu sein, dass ich ihn nicht finden konnte. Um eine komplette Neuanschaffung zu vermeiden, musste ich also andere Wege gehen: Im 3D-Repair-Café können Menschen ihre benötigten Ersatzteile mit einem 3D-Drucker selbst herstellen. Bislang dachte ich, dass 3D-Drucker in klinisch weißen Zukunftsforschungslaboren stehen oder höchstens mal von irren Amerikanern benutzt werden, um Waffen auszudrucken. Da habe ich mal einen Bericht gesehen, der mich etwas verstört zurückgelassen hat.

Doch als ich das 3D-Repair-Café in der Pappelallee betrete, ­stehen direkt drei dieser Geräte auf zwei Tischen im Raum und weit und breit ist keine Pistole zu sehen. Mit einem freundlichen Lächeln werde ich von Elisa Garrotte Gasch empfangen. Sie gehört zum Upcycling Future Lab und betreibt das Repair-Café, das gar nicht wie ein Café aussieht. Keine kleinen runden Tische, auf denen Zuckerstreuer stehen, keine Getränkekarte, kein Tresen, hinter dem ein Barista einen Chai Latte zubereitet. Zum Glück! Stattdessen hängen alte Kleidungsstücke an der Wand, es stehen Nähmaschinen in Regalen und auf den Tischen liegen neben den 3D-Druckern aufgerollte, dünne Schläuche. „Wenn wir nicht unseren Repair-Workshop machen“, erklärt Elisa, „werden hier aus den alten Kleidern solche Sachen gemacht.“ Sie zeigt auf Rucksäcke, die vor dem Schaufenster baumeln. Das Repair-Café findet in den Räumlichkeiten des Caridoo, einem Projektladen der Caritas, statt, in dem der Austausch von neuzugewanderten und alteingesessenen Menschen durch gemeinsames Reparieren und künstlerisches Arbeiten gefördert wird. Die Atmo­sphäre ist der einer Werkstatt deutlich näher als der eines Cafés, was mir durchaus recht ist. Schließlich bin ich nicht hier, um Kaffee zu trinken, sondern um es möglich zu machen, dass meine Freundin wieder Kaffee trinken kann.

Ich zeige Elisa, wie sich Espressokanne und Griff (mit meinem Zutun) auseinandergelebt haben. Sie begutachtet den Griff von allen Seiten. „Wir können im Internet gucken, ob es schon eine Zeichnung dafür gibt“, schlägt sie vor und zeigt mir Internetseiten wie www.myminifactory.com und www.thingiverse.com, auf denen man mit Suchbegriffen allerhand Produkte findet, die irgendwann schon mal irgendwer mit einem 3D-Drucker hergestellt hat. Wenn man fündig wird, kann man sogenannte STL-Dateien runterladen, die im Prinzip wie PDF funktionieren. Die Datei öffnet man mit der entsprechenden Software für die 3D-Drucker und schon kann die wilde Fahrt losgehen. Ganz so leicht wird es für mich aber nicht, weil wir keine Vorlage ­finden können. Vermutlich war noch niemand so stark oder blöd und hat den Griff einer Espressokanne abgebrochen.

„Kein Problem!“, sagt Elisa. „Das ist kein sehr komplexes Teil. Wir können den Griff am Computer neu modellieren.“ Sie gibt die beiden Teile an Harold am Nebentisch weiter. Harold ist der Mann für die technische Zeichnung. Er misst den Griff akribisch aus. „Es geht um Millimeter“, erklärt er, „damit am Ende auch die Verbindung zwischen dem neuen Henkel und der Kanne genau passt.“ Während Harold misst und den Griff am Computer nachzeichnet, erklärt Elisa mir, dass nachher beim Druck darauf geachtet werden muss, das richtige Material zu wählen. „Man muss immer schauen, ob etwa Hitzebeständigkeit wichtig ist oder zum Beispiel Flexibilität im Vordergrund steht.“ Die aufgerollten, dünnen Schläuche auf den Tischen entpuppen sich als Filamente und sind die „Druckerpatronen“ für den 3D-Druck.

„Man kann dem Spektakel stoisch zuschauen, wie eine feine Düse Schicht für Schicht dünne Fäden übereinander drückt.“

„Wir nutzen hier hauptsächlich PLA als Material“, sagt Elisa und steckt die Rolle mit dem orangenen Schlauch an den Drucker. PLA steht für Polyactid und ist ein Biokunststoff aus Maisstärke. Gut möglich also, dass die 3D-Druck-Waffen aus den USA immerhin biologisch abbaubar sind.

Es dauert ungefähr eine halbe Stunde, bis Harold den Griff am Computer nachgebildet hat. Das Programm hat prognostiziert, dass der Druck 30 Minuten dauern wird, das Display des Druckers widerspricht erst, indem es erschreckende 48 Stunden anzeigt, korrigiert sich dann aber auf 35 Minuten. Man kann dem Spektakel stoisch zuschauen, wie eine feine Düse Schicht für Schicht dünne Fäden übereinander drückt.

Wenn ich der Erschaffung neuen Kunststofflebens mal nicht zusehe, esse ich Kekse und trinke Wasser, um den minimalen Café-Aspekt des 3D-Repair-Cafés vollumfänglich auszukosten.

Ein älteres Ehepaar betritt den Laden. Sie sind extra aus Steglitz hergekommen, um ein Ersatzteil abzuholen, dessen Erstellung beim letzten Workshop angefangen wurde. Von einem faltbaren Tisch war ein kleines, aber entscheidendes Plastiknübbelteil abgebrochen, das für die gesamte Stabilität des Konstrukts verantwortlich ist. Anstatt den Tisch zu entsorgen, wurde der Stabilisator nachgebaut, damit zukünftig wieder „Kaffee- und Brötchen­aufbackmaschine darauf Platz finden“, wie die Besitzerin erklärt.

Nachdem der Drucker seine Arbeit vollendet hat und drei Minuten lang abgekühlt ist, kann Elisa den neu erstellten, orange­farbenen Espressokannengriff von der Druckerplatte nehmen. Nun wird sich zeigen, ob Harolds Maßarbeit so exakt war, dass der Griff an der Kanne montiert werden kann. Mein handwerkliches Geschick lässt sich ganz gut mit der U6 vergleichen: Beides ist meistens unterirdisch. Deswegen übernehmen Elisa, Harold und ich das Feintuning, weil das alles nicht so ganz zusammenpassen mag. Da müssen mit einem manuellen Fräswerkzeug Löcher minimal vergrößert und mit einer Feile die Außenseiten nachgebessert werden, damit ein kleiner Metallstift Kanne und Griff wieder zusammenhalten kann. Doch alle Bemühungen bleiben vergebens. Schließlich nehme ich mich der Sache doch selbst an und versuche es mit dem einfachsten aller Mittel: Gewalt. Ich funktioniere eine Zange als Hammer um und versuche den kleinen Stift durch die winzigen Löcher zu prügeln. Wer etwa glaubt, dass meine Grobmotorik dazu führen würde, das gesamte Konstrukt zu zerstören, soll nach wenigen Schlägen recht behalten. Rums, knack, vorbei. Griff und Kanne liegen wieder getrennt nebeneinander auf dem Tisch und ich blicke hilfesuchend zu Elisa. Die eindrucksvolle Demonstration meiner Unfähigkeit scheint Wirkung zu zeigen: „Wir drucken das nochmal aus und ich mache das für dich fertig“, sagt sie und ich glaube, ein bisschen Mitleid heraushören zu können. Mit etwas mehr Zeit und Geduld werde das schon funktionieren. Es wäre ohnehin ein wenig unüblich gewesen, wenn man ein Ersatzteil während eines Workshops fertig bekommen würde, zwei Tage seien da schon realistischer. „Manchmal müssen wir etwas häufiger ausdrucken und rumprobieren, ob es passt“, erklärt Harold. Elisa bietet an, dass ich die Espressokanne mit Griff eine Woche später abholen kann.

Und es hat tatsächlich geklappt. Im zweiten Anlauf, mit mehr Geduld und Geschick hat die Espressokanne einen neuen Griff bekommen, der fest sitzt und einsatzbereit ist. Der Workshop, die Arbeit von Elisa und Harold und die Materialkosten (die bei solchen Kleinteilen nur wenige Cents betragen) werden vom Umweltministerium gefördert und sind für die Teilnehmenden gratis. Die Liebe meiner Freundin, wenn ich ihr wieder frischen Kaffee ans Bett bringe, hingegen ist unbezahlbar.

TEXT  Piet Weber  |  FOTOS  Stephan Pramme

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