„Man muss Alternativen suchen…“, Dr. Sascha Peters im Interview

Herr Peters, warum ist Green Design gerade jetzt so ein großes Thema? 
Der Handlungsbedarf ist groß genug. Stichwort Klima. Und wenn ich an die Tankstelle gucke, da sind wir bei 1,60 €. Das sind 3,20 DM! Da muss man Alternativen suchen. Unsere Kunststoffwelt basiert ja noch auf Erdöl.

Wonach beurteilen Sie, ob ein Material nachhaltig ist?
Nachwachsen ist eine Fassette. Aber nicht immer: Ob Kunststoff aus Maisstärke nachhaltig ist, steht in den Sternen. Da muss ich Mais anbauen und hab oft Monokultur, Überdüngung… Und in Mexiko werden die Tortillas teurer. Ich kann nicht sagen, ob Material nachhaltig ist, ohne den Einsatz zu kennen. Ökobilanzen macht man ja für Produkte, nicht für Materialien.

Können Sie trotzdem sagen, welche Kriterien wichtig sind?
Wiederverwendbarkeit. Das Gewicht, also ob für den Transport viel Energie benötigt wird. Und Multifunktionalität.
Es gibt z.B. Glas, das auf Sonnen­einstrahlung reagiert. Im Sommer verdunkelt es sich, eine natürliche Kühlung. Und im Winter lässt es alle Sonne rein, das spart Heizenergie.

Welche Haupttrends gibt es?
Ganz klar Biokunststoffe und überhaupt Biomaterial, etwa die Renaissance des Linoleums. Dann Materialien ohne Zusätze, ohne Bleichmittel oder Färbung. Der Leichtbau. Und Nano-Materialien. Aber da sind noch alle vorsichtig, weil keiner den Asbesteffekt noch mal erleben will.

Gibt es Neues aus Altpapier?
Etliche Designer wagen sich an Papier­pulpe heran. Dafür wird nasses Altpapier gestampft, dann gepresst und getrocknet. Das wird ziemlich fest, gut für Möbel oder Gefäße. Da gibt es in Berlin ein Label: ett la benn, die machen schöne Sachen.

Geht so was auch im industriellen Maßstab?
Isofloc macht seit 25 Jahren aus alten Zeitungen Dämmmaterial. Oder Paperfoam, die stellen aus aufgeschäumtem Altpapier Verpackungen her. Für CDs. Und jetzt fürs iPhone.

Was ist mit Altglas oder den Kunststoffen aus der Tonne?
In Italien gibt es eine Firma, Bio-Glass, die machen aus 100% recyceltem Glas tolle Bauplatten fürs Interior Design. Aus Kunststoff macht das Smile Plastics. Die schmelzen alte Gummistiefel oder Handyschalen so ein, dass man die am Ende noch in der neuen Kunststoff-Bauplatte wiedererkennt. Das sieht witzig aus.

Das ist also nicht das Plastik vom grünen Punkt?
Eher das aus der neuen Wertstofftonne.

Gibt es neues, grünes Verpackungsmaterial?
Ja, Schaumstoff auf Basis von Pilzen. Da werden organische Reststoffe wie Weizen- oder Reisspelzen mit einer Nährlösung und einer Pilzkultur besprüht. Dann spinnt der Pilz Fäden um die Spelzen – bis eine feste Schicht entsteht. Damit kann man Styropor ersetzen und elek­trische Geräte verpacken. Danach lässt sich das ganz natürlich kompostieren.

Funktioniert das auch im großen Maßstab?
Ja, klar. Da gehen ja aus der ganzen Landwirtschaft  vom Korn oder Reis die Reste. Das war bisher immer nur Abfall und wurde direkt kompostiert oder verbrannt.

Welches Material hat Sie selbst am meisten verblüfft? 
In Holz ist Lignin, das schmilzt bei 65°, ist also thermoplastisch. Ein paar Schweizer haben jetzt was rausgefunden. Die haben zwei Holzplatten aufeinandergelegt und mit 100 Hertz Ultraschall bestrahlt. Die Schwingung erhitzt das Lignin, es schmilzt und läuft in die Poren der anderen Holzplatte. Das klebt also, 100 % Bio. Kein extra Kleber nötig. Man wusste schon lange, dass Lignin thermo­plastisch ist. Aber bisher war niemand auf Ultraschall gekommen. Genial: Holz bringt seinen eigenen Holzleim mit.

Dr. Sascha Peters ist Inhaber der Agentur „Haute Innovation – Agentur für Material und Technologie“ in Berlin. 
Sein Buch „Materialrevolution: Nachhaltige und multifunktionale Materialien für Design und Architektur“ ist 2011 bei Birkhäuser erschienen.