Getrennt befragt: Soll es Online-Händlern verboten werden, Retouren zu vernichten?

Jahr für Jahr schicken deutsche Online-Shopper mehrere hundert Millionen Pakete zurück. Ein Teil davon wird entsorgt oder verschrottet. Das TrenntMagazin hat zwei Experten gefragt:

JA

Wir brauchen unbedingt ein Vernichtungsverbot für Online-Retouren und alle anderen neuwertigen Waren, die täglich im Schredder landen. All diese Produkte werden mit endlichen Ressourcen unter hohem Energieaufwand produziert, dann oft noch um die halbe Welt transportiert. Dass es in Deutschland billiger ist, anstandslos Ware zu verbrennen, als sie neu zu verpacken, ist in Zeiten der Klimakrise einfach nicht hinnehmbar.

Ein Vernichtungsverbot würde Handel und Industrie dazu zwingen, bedarfsorientierter zu produzieren, denn haufenweise Überschussware würde zum Problem. Kostenlose Retouren würden für den Online-Handel unwirtschaftlich. Wer das Ende von Anfang an mitdenken muss, wird Rohstoffe achtsamer einsetzen und damit Klima und Umwelt entlasten.

Dass die Zerstörung von Neuwaren in unserer Konsumgesellschaft an der Tagesordnung ist, empfinden viele Menschen als zutiefst schockierend. Das zeigt nicht zuletzt der Erfolg einer Greenpeace-Petition gegen diese Praxis, die 2018 binnen weniger Wochen von mehr als 145.000 Bürgerinnen und Bürgern unterzeichnet wurde.

Viola Wohlgemuth
Konsum-Expertin bei Greenpeace

NEIN

Kein Online-Händler hat ein Interesse daran, Retouren zu vernichten. Normalerweise werden die Produkte aufbereitet, um erneut verkauft zu werden. Wenn das nicht geht, werden sie als Sonderangebote ausgewiesen oder als B-Ware über Outlets verkauft. Wird Ware vernichtet, gibt es fast immer einen gewichtigen Grund wie Gesundheits- oder Hygienevorschriften oder markenrechtliche Bestimmungen.

Die öffentliche Diskussion um maßvolle Obhutspflichten von Händlern und Herstellern – egal ob im E-Commerce oder im stationären Handel – begrüßen wir. Ein Verbot, das auf eine Branche begrenzt ist, lehnen wir aber ab. Das wäre Unfug und könnte zum Bürokratieungeheuer werden.

Um die Entsorgung gebrauchsfähiger, neuwertiger Ware zu vermeiden, könnte man stattdessen die Steuern für Sachspenden senken. Die Finanzverwaltung in Niedersachsen hat das bereits getan. Auch das Land Nordrhein-Westfalen will folgen. Letztlich ist die Bundesregierung gefragt, um daraus eine bundesweite Regelung zugunsten der Umwelt und hilfsbedürftiger Menschen zu machen.

Gero Furchheim
Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh)

ILLUSTRATIONEN  Andree Volkmann

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