GETRENNT BEFRAGT: Sind Textilien aus recyclten Plastikfasern wirklich ökologischer?

Textilien aus synthetischen Fasern sind billig und belastbar. Aber sie sind zu Wegwerfartikeln und damit zum Umweltproblem geworden. Nun werben immer mehr Modeketten mit Kleidung aus recyceltem PET oder Ozeanplastik. Das TrenntMagazin hat zwei Experten befragt:

JA

Die Rückfrage muss natürlich lauten: Ökologischer als was? In jedem Fall ist recycelter Polyester besser als konventioneller Polyester, der auf Erdöl basiert. Recycelter Polyester wird aus Plastikabfällen wie zum Beispiel PET-Flaschen, Plastiktüten oder aus Textil­abfällen hergestellt. Somit trägt er dazu bei, dass Abfälle sinnvoll wiederverwertet werden. Polyester ist außerdem sehr robust. Das hat aber auch einen Nachteil: Wenn wir Kleidung waschen, lösen sich Kleinstpartikel von den Textilien. Sie landen im Abwasser, und das ist bei Polyester kritisch, eben weil er sich so lange hält. Ich nutze für meine Synthetikkleidung deshalb Waschbeutel, die einen Großteil der Mikrofasern während des Waschvorgangs auffangen. Ein Material macht ein Kleidungsstück nicht zum Wegwerfartikel. Jedes Kleidungsstück kann unser Lieblingsteil werden, solange wir bewusst einkaufen und unsere Kleidung pflegen.

Yola Kiwok
Nachhaltigkeitsreferentin für H&M Deutschland

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NEIN

Was uns heute als recycelte Textilien angeboten wird, stammt meist aus aufbereiteten PET-Flaschen. Denn nur aus diesem sehr gründlich sortierten Material lassen sich belastbare Fasern herstellen. Dass aus Meeresplastik dagegen tatsächlich Textilien entstehen, halte ich für pures Marketing bis Greenwashing. Wie soll das gehen: aus tief im Ozean herumdümpelndem, bereits halb zersetztem und von Muscheln und Algen verschmutztem Kunststoffmüll ein Öko-T-Shirt zu fertigen? Das Problem liegt woanders: Fast die Hälfte aller produzierten Textilien werden nicht verkauft oder getragen. Unmengen von Neuware wird so vernichtet. Da kann zusätzlicher Ramsch aus Recyclingplastik nicht die Lösung sein. Wir brauchen eine Textilwirtschaft, in der wesentlich weniger Kleidung produziert und retourniert wird. Kleidung muss lange getragen, weitergegeben und irgendwann sortenrein sortiert und aufbereitet werden.

Dipl.-Ing. (FH) Kai Nebel
Textilforscher und Nachhaltigkeitsbeauftragter der Hochschule Reutlingen

Illustration Andree Volkmann