Ein Gral aus Kreide – ein Interview mit Carolina Schweig

Die Verpackungsentwicklerin Carolina Schweig hat einen neuen Jogurtbecher erdacht, der zur Hälfte aus Kreide besteht. Warum? Weil sie zeigen wollte, dass es geht.

Carolina Schweig ist Diplomingenieurin für Verfahrenstechnik in Ellerbek bei Hamburg. Mit ihrer Beratungsfirma für Verpackungsberatung hat sie für eine brandenburgische Molkerei einen Jogurtbecher entwickelt, der zu einem Großteil aus Kreide besteht. Dafür hat sie 2010 den Innovationspreis für ökologische Verpackungsentwicklung gewonnen, der vom weltweiten Dachverband der Molkereiindustrie vergeben wurde.

Frau Schweig, wenn ich jetzt einen normalen Jogurtbecher in der rechten und Ihren Kreidebecher in der linken Hand halte – könnte ich da einen Unterschied fühlen?
Ja, man merkt, dass unser Becher von außen kälter ist und sich ein bisschen wie Papier anfühlt. Und er ist zäher als ein reiner Plastikbecher, das war mir sehr wichtig.

Warum?
Vielleicht kennen Sie das, wenn man Jogurtbecher ins Auto lädt oder sie im Winter aus Versehen aus der Hand rutschen. Die gehen einem sofort kaputt. Darüber ärgere ich mich wahnsinnig, und deswegen wollte ich unbedingt ein Material verwenden, mit dem das nicht mehr passiert.

Bei mir gehen immer am schnellsten die Aluminiumdeckel kaputt.
Ja, das stimmt. Deswegen besteht die Abziehfolie bei uns auch aus einem Kreide-Kunststoff-Gemisch. Außerdem habe ich insgesamt ein Problem mit Aluminium als Verpackungsmaterial. Es hat eine unglaublich schlechte CO2-Bilanz und ist schwierig zu sammeln und wieder aufzubereiten. Das heißt, man schmeißt einen hochwertigen Wertstoff weg. Man sollte es nur einsetzen, wo es wirklich sein muss – und das ist nicht unbedingt bei Jogurt.

Was genau macht denn eigentlich Ihren Becher ökologischer als andere?
Im Moment haben wir ja noch keine wirklich überzeugende Alternative zu Kunststoff. Aber wir wollten versuchen, den Anteil zu reduzieren und mit einem Material zu kombinieren, das nahezu frei verfügbar ist und wesentlich weniger Umwelt­schäden produziert als die Rohölförderung. Wir sagen nicht, dass das die absolute Lösung ist, sondern höchstens eine
Zwischenlösung, bis wir einen besseren Ersatz für Kunststoff gefunden haben.
Wie sind Sie denn darauf gekommen, Kreide beizumischen?
Die Idee stammt nicht von mir, die gurkt schon seit der ersten Rohölkrise in den Siebzigerjahren durch die Materialwissenschaften. Aber damals waren die Kreiden zu grob und konnten nicht wirklich sinnvoll genutzt werden. Heute ist einfach die Technik weiter. Vor ein paar Jahren habe ich schon mal ein Projekt mit Milchtüten für eine Demeter-Molkerei gemacht, die aus 30 Prozent Kreide bestand. Mittlerweile haben auch andere Molkereien diese Verpackung.

Und wo ist der Haken?
Der Herstellungsprozess ist komplizierter als bei dem üblicherweise eingesetzten Kunststoff Polysterol. Bei dem kommt es nicht darauf an, ob es zehn Grad wärmer oder kälter ist. Und wenn ein Becher mal ein bisschen schief ist, dann ist er eben schief. Aber unser Stoff ist da empfindlicher und braucht neuste Technik. Die ganz alten Gurken können das nicht.

Ich stelle mir Kreide ja immer irgendwie pudrig-porös vor.
Kann mir der Becher in meinem Kühlschrank zerfallen, wenn ich ihn nur lange genug da stehen lasse?
Nein, das darf er ja gar nicht. Da mussten wir entsprechende Tests machen, die belegen, dass keine Kreide in den Jogurt dringt – und zwar mit  einer warmen Essigsäure, die noch mal aggressiver ist als einfacher Jogurt.

Und?
Also das Zertifikat ist da – da gibt es ja kein Vertun.

Wie sind Sie mit dem brandenburgischen Molkereibetrieb Lobetal zusammengekommen, für den Sie den Jogurtbecher entwickelt haben?
Ich kannte den Molkereileiter Michael Kuper noch von dem erwähnten Milchtütenprojekt. Als er dort die Molkerei übernommen und ganz neu aufgebaut hat, hat er sich an unsere Zusammenarbeit erinnert. Er hat mich angerufen und gesagt: „So, jetzt brauchen wir etwas ganz anderes.“

Was meinte er damit?
Lobetal ist nicht wie andere Molkereien. Es ist ein gemein­nütziges Projekt, bei dem Behinderte, psychisch Kranke und Suchtpatienten arbeiten. Der Biojogurt stammt aus ökologischer und nachhaltiger Landwirtschaft – und so besonders wie der Betrieb sollte auch die Verpackung sein. Wie genau das aussehen könnte, wusste er natürlich nicht. Es sollte nur kein konventioneller Plastikbecher sein, keiner mit Papiermanschette drum herum, wie andere Biojogurts es haben, und nicht aus Biokunststoff sein, weil wir keine Agrarflächen für die Ver­packung genutzt wissen wollten.

Wann haben Sie gefunden, was Sie gesucht haben?
Diese ganzen Vorstudien haben etwa ein halbes Jahr gedauert. Da haben wir auch überlegt, zum Beispiel einen leicht konischen Pappbecher zu machen. Aber das Papier wäre aus Finnland gekommen und in Spanien verarbeitet worden. Und das kam für uns nicht in Frage, weil wir nichts machen wollten, mit dem wir hinterher irgendwie angreifbar sind.

Aber die Kreide für Ihren Becher stammt doch auch aus Norwegen.
Ja, aber sie wird in Schweden mit Rohöl zu einem Plastikkunststoff verarbeitet, in Berlin zu einem Becher geformt und in Brandenburg befüllt. Das liegt alles auf einer Linie und man muss nicht vom Norden in den Süden und dann wieder zurück fahren.

Die Verhandlungen mit dem schwedischen Unternehmen RKW waren nicht einfach. Was war das Problem?
Dort hat man in ganz anderen Dimensionen gedacht. Fünftausend, zehntausend, hunderttausend Tonnen. Wenn Sie da nach 50 Tonnen pro Jahr fragen, sagen die: „So schnell komm ich ja gar nicht an den Aus-Knopf!“ Das rentiert sich einfach nicht. Aber ich bin da sehr hartnäckig geblieben und habe versucht zu erklären, dass Start-ups am Anfang immer klein sind. Wenn man nicht investiert, wird man auch keine neuen Geschäftsfelder entdecken. Zum Glück hat am Ende jemand mit einem grünen Gewissen an uns geglaubt.

Hat sich der Kreidebecher denn für Sie rentiert?
Wir haben gerade einmal unsere Unkosten wieder reinbekommen. Aber darum ging es mir auch nicht. Das ganze Projekt ist nur deswegen entstanden, weil ich mich darüber geärgert habe, dass im Biobereich so viele Packmittel verwendet werden, die ökologisch und ökonomisch nicht sinnvoll sind. Und als Michael kam und etwas Neues ausprobieren wollte, hatte ich die Gelegenheit zu zeigen, was alles möglich ist. Ich wollte ein Exempel statuieren. Jetzt bekomme ich sehr viele Anfragen von Herstellern, die auch individuelle Lösungen erarbeitet haben wollen, aber sie sind nicht bereit, dafür zu bezahlen. Aber das geht natürlich nicht und ist auch nicht nachhaltig.

Merken Sie, dass insgesamt in der Branche ein Umdenken eingesetzt hat und es ernsthafte nachhaltige Bestrebungen gibt?
Ich glaube, wir sind in einer Umbruchphase. Überraschenderweise sind es gar nicht unbedingt Unternehmen im Biobereich oder bekannte Markenartikler, die sich gesamtheitlich nachhaltig aufstellen, sondern der gute deutsche Mittelstand. Dort haben die Unternehmer begriffen, dass Nachhaltigkeit nicht nur gut für die Umwelt ist, sondern auch für ihren eigenen Geldbeutel.

Wie viel gibt es im Bereich der Verpackungen noch zu tun, um nachhaltig zu wirtschaften?
Irre viel. Ich gebe ja an der Hochschule Seminare für Nachhaltigkeit und Ökologie und da sehe ich, wie viele Ideen da sind. Aber für die wenigsten bekommen wir Geld.

Zum Beispiel?
Wir müssten aus unserem Abfall viel mehr machen. In unserem Abfall befinden sich viele Rohstoffe, die wir im Moment noch nicht nutzen. Das können wir uns nicht mehr lange leisten, daher wird auch schon daran geforscht, wie man aus Abfällen Kraftstoff machen kann. Das finde ich toll!
Sie sagen von sich selbst, dass Verpackungen Ihre Leidenschaft sind. Was fasziniert Sie so daran?
Die Formen, die Farben, die Möglichkeiten. Dass Produkte über die Verpackung mit dem Konsumenten kommunizieren können. Dass man Produkte darin bewahren kann. Dass ganze Erlebnis-Welten geschaffen und vermittelt werden können.

Wann ist die Leidenschaft entfacht worden?
Ich habe Verfahrenstechnik Papier- und Kunststoff studiert,  und im siebten Semester stellte mir mein Professor eine Flasche hochwertigen Whiskey auf den Tisch und sagte: „In vier Wochen will ich hier ein Verpackungskonzept sehen.“ Da habe ich mich das erste Mal damit beschäftigt, wie man einem Produkt eine äußere Haut verpasst. Und das hat mich eigentlich nie wieder losgelassen. Nach meinem Studium wollte ich mich deshalb nicht auf ein Material festlegen und zu einem Packmittelhersteller oder Kunststoffproduzenten gehen und mich ein Leben lang mit einem Material befassen. Ich wollte nicht nur Folie oder Wellpappe oder Glas oder Plastik. Ich wollte mit allen Materialien spielen können.

Haben Sie ein Material, das Sie immer wieder gern einbringen?
Das hört sich für einen Ingenieur jetzt merkwürdig an, aber bei bestimmten Marken denke ich: „Wow, das ist jetzt aber so richtig flauschig. Da nehmen wir eine ganz weiche Folie, damit die Formen nicht so pieksig werden!“ Wenn man mit guten Marketingleuten zusammenarbeitet, die die Markenrealität gut beschreiben können, dann kann ich mich davon richtig inspirieren lassen.

Verpackungen entwickeln ist also ein kreativer Prozess?
Sich darauf einzulassen ja, aber das Handwerkszeug ist natürlich technisch. Wie kriegt man das hin, dass es sich so und so anfühlt und anhört? Ich habe hier gerade eine witzige Verpackung von Chips auf dem Tisch liegen. Die ist unglaublich laut, wenn Sie die in die Hand nehmen. Die Entwickler haben die Identität des Knabberns mit der Verpackung unterstrichen. Bei Mars und Snickers gab es mal eine Zeit lang einen Duo-Riegel. Und da haben die Verpackungsentwickler die Folie so designt, dass es so klingt wie in der Werbung, wenn der Schokoriegel auseinandergebrochen wird. Mit den richtigen Folien und Lacken können Sie so etwas erreichen. Schon beim In-der-Hand-halten bekommt man ein Stück der Marke mit.

Gibt es eine Seele in den Dingen?
Das weiß ich nicht. Ich würde es eher so beschreiben: Eine Produktmarke ist wie eine Persönlichkeit. Da gibt es Ernste und Verrückte. Jeder hat etwas Eigenes. Und es macht wahnsinnigen Spaß, für sie die maßgeschneiderten Klamotten zu entwickeln.

INTERVIEW Clara Bergmann | FOTO Bernd Jonkmanns

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