Ein anderer Kostümball

Auf Berliner Partys werden Altkleider und Abfälle zu verrückten Outfits zusammengestellt. Unsere Autorin Clara Bergmann hat sich das angesehen. Die S-Bahn trägt mich bis zum letzten Zipfel Berlins. Alles ist grün, Einfamilienhäuser mit Vorgärten stehen schweigend im Dunkel, die Spree hat hier Ufer wie ein See. In einem Backsteingebäude, das früher ein Funkhaus der Sowjets war, soll heute die „Trashion“ stattfinden – eine Party, bei der aus altem Kram (trash) wieder Mode (fashion) wird. Sie gehört zur „Butt and Better“, der inoffiziellen Gegenveranstaltung der Fashion Week, auf der möglichst laut und bunt gefordert wird, sich nicht dem ständig wechselnden Kollektionenwahn der Designer zu beugen, sondern lieber fair Gehandeltes zu kaufen oder Altes neu zu erfinden. In den Fluren blättert der Putz von den Wänden. Graffiti weisen den Weg in kleine Nischen, in denen sich Installationen aus Schrott, Holz und Farbe sammeln. Alles hatte vorher eine andere Bestimmung. Jetzt ist es Kunst. In einem Raum, in dem Lampions und Lichterketten warmes Licht spenden, steht auf einem zerlegten Pappkarton „Workshop“.  Auf einer Holzleiter hängen T-Shirts, Tücher und Stoffe. Darunter sammeln sich Kisten mit geschreddertem Papier, Schaumstoff, Knöpfen, Schuhen, Schirmen. Das Kulturlabor „Trial&Error“ lädt hier zum klassischen Upcycling.  Am Tisch treffe ich Sandra, die gerade einen Hut aus Plastikflaschendeckeln bearbeitet. Sie verrät, was hier stattfindet. „Unser Kollektiv hat am Anfang Workshops veranstaltet, auf denen man lernen kann, wie Upcycling funktioniert. Mittlerweile tauchen wir häufiger auch auf Partys auf, weil wir da ein ganz anderes Publikum erreichen und Leute mit Spaß an das Thema heranführen können.“ Ich bestaune gerade ein Mädchen, das ein gefaltetes Poster als gewaltigen Fächer am Kopf trägt und ihren Rock mit einem Lampenschirm barock aufplustert, als eine Gruppe Franzosen den Raum betritt. Es brabbelt und summt,  als würde ein Schwarm Insekten einfallen. Sie strömen aus in alle Ecken, greifen nach zarten Negligees, Hüten, Bettlaken, Folien. Sie schneiden, kleben, nähen, wickeln, raffen, binden. Mir ist, als säße ich mitten in einem Video im Vorspulmodus. Eine halbe Stunde später sammeln sie sich auf dem Parkett des Haupttanzsaals. Der DJ schickt elektronische Bässe durch den Raum und es ziehen verwunschene Wesen ihre Runden. Ein Adventsstern wippt als Irokesenhut auf einem Kopf, eine andere trägt einen Turban aus Stoffresten und Schredderabfällen. Folienkleider und Plastiktüten-Jacken reflektieren das Diskolicht. Nie war Abfall hipper.

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