Die Zukunft des Wohnens?

Ein Start-up will Minihäuser auf Berliner Dächer bauen

Der Spiegel im Flur weiß alles. Er funktioniert wie ein Rechner, kennt das Datum und die Uhrzeit, steuert die Innentemperatur und erstellt Einkaufslisten. Licht und Musik sind so ausgewählt, wie der Bewohner es sich gewünscht hat, wenn er die Wohnungstür öffnet. Natürlich ohne Schlüssel. Diese Wohnung ist eine High-Tech-Anlage, die technischen Dinge darin lassen sich per Tablet und App steuern. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit.

Mit nur 25 Quadratmetern Wohnfläche ist das Häuschen kleiner als manche Garage, und es hat dennoch alles, was man zum gemütlichen Wohnen braucht: ein Bad mit Dusche, Toilette, Waschbecken und Oberlicht sowie eine Küche mit Herd, Geschirrspüler und Kühlschrank. Eine schmale Treppe führt zum breiten Hochbett, darüber befindet sich ein Dachfenster. Im Liegen schaut man in den Himmel. Versteckt im Flur befindet sich sogar noch eine Waschmaschine und Stauraum für Kleidung und Schuhe. Den Strom liefert eine Photovoltaik-Anlage.

Viele solcher Häuschen könnten bald auf bisher ungenutzten Dächern dieser Stadt stehen. Theoretisch gibt es dort genug Platz. Praktisch ist das alles nicht so einfach.

Die Häuser wirken größer, als sie sind

Cabin Spacey haben zwei junge Architekten ihr Start-up genannt. Es steht für eine neue Form von Minihäusern. Der erste Prototyp ist gerade einmal vier Wochen alt, er steht auf einem Parkplatz in Schöneberg und sorgt dafür, dass ständig Passanten fragen, ob sie das Holzhäuschen mal von innen besichtigen können. Simon Becker freut sich über das große Interesse. „Solche Häuser sind wichtig für unsere Städte“, sagt er. Er wolle mit seinem Entwurf zeigen, „dass man problemlos in dieser Größe wohnen kann.“ Tatsächlich wirkt das Häuschen wegen seiner schrägen Bauweise – eine Wand wird nach obenhin breiter – größer, als es tatsächlich ist. Ein Giebeldach schafft eine luftige Innenhöhe. Die Inneneinrichtung ist geschmackvoll und dezent. Holz, Glas, Metall. Viel Licht. Auf dem Dach eines Hauses stehend, böte die Wohnung einen wundervollen Blick über die ganze Stadt.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schätzt, dass es in Berlin etwa 50.000 Dächer gibt, die für solche Aufbauten geeignet wären. Das könnten Parkhäuser, Kaufhäuser und Industriebauten sein. Simon Becker verhandelt derzeit mit Wohnungsbaugesellschaften und privaten Eigentümern über mögliche Standorte in Berlin. Doch es gibt viel zu berücksichtigen: Statik, Strom, Abwasser, Fluchtwege, Eigentumsrechte, Abfallentsorgung. Bauämter und andere Verwaltungen müssen mitspielen.

14 Tonnen wiegt das Minihaus. Ein Kran kann das Holzhaus in die Höhe heben, auf dem Dach liegt ein großes Gerüst darunter, es verteilt die Last auf die gesamte Fläche. Zwischen 90.000 und 130.000 Euro kostet das Haus derzeit, abhängig von Technik und Ausstattung, eine Firma im Allgäu produziert es in Serie. Niemand muss selber basteln.

Simon Becker sagt, das Minihaus sei gut geeignet für Berlin-Besucher und Mieter, die kurzzeitig eine Unterkunft suchten. „Man muss es nicht besitzen, man kann es mieten“, sagt er. Auch das ist ein Trend moderner Großstadtmenschen. Alles wird geteilt: Autos, Werkzeug, Wohnung.

Radikale Raumreduktion nennen Architekten ihre Modelle, wenn sie sich mit der Wohnraumgestaltung in Großstädten beschäftigen. In den USA entstand die Tiny-House-Bewegung mit ihren mobilen „Motorhomes“ bereits in den 20er Jahren als Antwort auf Wohnungen in Metropolen, die immer teurer wurden. In asiatischen Großstädten wie Hongkong und Tokio leben Bewohner in immer kleineren Räumen, die Wohnkäfige genannt werden. In manche passt nur ein Bett hinein. In Deutschland verfügt heutzutage jeder Mensch über durchschnittlich 44 Quadratmeter Wohnfläche.

Doch in dicht besiedelten Städten werden Mikroapartments immer beliebter und scheinen angesichts steigender Mieten für immer mehr Menschen als bezahlbare Alternative zu gelten. Minihäuser sind gefragt wie nie zuvor.

In Berlin hat der Architekt Van Bo Le-Mentzel mit seiner „Tinyhouse-University“ die Minihaus-Bewegung mit vorangetrieben. Vor fünf Jahren hat er auf einem Auto­anhänger ein mobiles Holzhaus gebaut. Nur fünf Quadratmeter groß, mit Küche, Toilette, Dusche, Esstisch und Schlafkabine auf dem Dach. Mittlerweile bietet Le-Mentzel Workshops an, dort lernen die Teilnehmer, selbst ein transportables Minihaus zu bauen.

Vor drei Jahren wurde auch Simon Becker gefragt, ob er so ein Mikrohaus errichten könne. Becker hatte Architektur an der Technischen Universität Berlin studiert und begonnen, sich mit neuen minimalistischen Wohnformen zu beschäftigen. Mit dem Architekten Andreas Rauch gründete er 2016 das Start-up Cabin Spacey. Die Verulkung des Namen des US-Schauspielers („House of Cards“) wurde zum einprägsamen Label und Wortspiel. Da konnten die Start-up-Gründer noch nicht ahnen, dass die Polizei einmal gegen Kevin Spacey wegen sexueller Belästigung und Nötigung ermitteln werde.

Die Minihäuser können überall stehen

Becker und Rauch sammelten per Crowdfunding erfolgreich für ihr Minihaus-Projekt. Sie beteiligten sich am „Urban Pioneers“-Wettbewerb, ihr Projekt kam unter die ersten drei und erntete viel Aufmerksamkeit. Im Juni 2018 stand das Minihaus auf der Tech Open Air, einem Technologie- und Musikfestival in Berlin.

Zu dem Start-up gehören heute vier Mitarbeiter, zwei Investoren finanzieren das Projekt. Sie glauben an den Erfolg des High-Tech-Häuschens auf Berliner Dächern. Auch eine temporäre Nutzung sei möglich. „Brachen, Nischen, Dächer, urbane Restflächen – die Minihäuser können überall stehen“, sagt Simon Becker.

TEXT  Stefan Strauß | ILLUSTRATION  Édith Carron

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