Müll in Aktion

Das Schülertheater-Projekt Die vom Hinterhof erweckt Müll zum Leben und soll Jugendlichen den richtigen Umgang mit Abfall nahebringen.

Ahmet ist ein Gurkenglas und tanzt mit seinem Zwillingsbruder Ibrahim, der Zitro­nenpresse, zu HipHop-Beats. Ein Rasierapparat wähnt sich am falschen Ort und diskutiert mit den Tonnen die Trennung.
Im Theaterprojekt „Die vom Hinterhof“ bekommt der Müll eine Stimme. 26 Schülerinnen und Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule und des Lessing-Gymnasiums haben über neun Monate Texte geschrieben und auswendig gelernt, Choreografien eingeübt und Musik komponiert. Unter der Leitung von Diplom-Theaterwissenschaftler und Regisseur Jürgen Bonk entstand ein „Roxical“, eine Mischung aus Theater und Musical, das Müll und Mülltonnen zum Leben erweckt und die Probleme und Vorteile der Abfalltrennung spielerisch darstellt. „Mülltrennung ist für die Jugendlichen erst einmal uncool“, sagt Barbara Kopka vom Förderfonds Trenntstadt Berlin, der das Projekt finanziell unterstützt. „Die Schüler haben das Thema selbst aufgegriffen und in ihre Sprache übersetzt. So versuchen wir, Jugendlichen die Wichtigkeit der Mülltrennung nahezubringen.“
Bei den Schauspielern ist das längst angekommen. Auch die generelle Abneigung und ein leichter Ekel gegenüber Abfällen haben sich verflüchtigt. Alle Schüler haben einen Migrationshintergrund und völlig unterschiedliche Erfahrungen mit Müll. Sie sprachen mit ihren Familien in ihren Heimatländern und entwickelten nach und nach das Bewusstsein, dass Abfälle fast überall
achtlos weggeschmissen werden. Plötzlich fiel ihnen auf, wie viel Müll auch auf den Schulhöfen herumliegt. Und nachdem ein Vertreter der BSR an der Schule einen Vortrag über Mülltrennung
hielt, ging es sogar so weit, dass die Schüler Menschen ansprachen, die ihren Müll einfach auf die Straße warfen, und sie zu ihrem Theaterstück einluden. „Viele Jugendliche haben sich noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt. Durch das Stück und die Diskussionsrunden nach der Aufführung bringen wir sie zum Nachdenken“, sagt Regisseur Bonk.
Gleichzeitig ist das Stück zu einer Milieustudie Berlins geworden. Wenn die Polin Jessica aus dem Fenster heraus mit rauer Stimme spielende  Kinder aus dem Hinterhof vertreibt, weil die Horde mal wieder die Mülltonnen umgekippt hat, und wenn sich eine der farbigen Tonnen darüber beschwert, dann geht Bonk das Herz auf. „Die schauspielerische Leistung ist hervorragend“, sagt er. „Ich war erstaunt über das Engagement der Schüler.“ Jeder hat seinen Teil beigetragen. „Wir hätten ein Sechs-Stunden-Musical machen können, so viel Material haben die Schüler geliefert.“
Bonk bewarb sich um die finanzielle Unterstützung des Förderfonds, der insgesamt 2,7 Millionen Euro bis Ende 2012 zur Verfügung stellt, um Projektideen zu verwirklichen, die sich mit der Vermeidung von Abfall beschäftigen. Er hatte Erfolg. „Ohne den finanziellen Zuschuss hätten wir das Projekt in dieser Qualität und Größe nicht bewerkstelligen können“, sagt er. „Das Bühnenbild ist sehr aufwändig, wir mussten Instrumente besorgen und viel Zeit investieren.“
19-mal ist die Theatergruppe bislang aufgetreten, im Oktober startet die zweite Tournee durch Berliner Schulen und Theater. Der Aufwand hat sich gelohnt. Es gab viel Applaus, Lob und Anerkennung. Und Bonk hat das Gefühl, dass die Aufklärungsarbeit fruchtet. Deshalb plant er schon das nächste Stück. In zwei Jahren will er mit Schülern einen Müllkrimi fürs Theater entwickeln.

Aufführungstermine finden Sie auf der Website des Schülertheater-Projekts.

TEXT Felix Schnegg | FOTO  Kristine Luther-Goldmann

Links zum Artikel:
www.theater-spiel-schule.de

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