Der Händler

Als Nils Busch-Petersen letztens aus dem Urlaub nachhause zurückkam, fand er im Kühlschrank einen Jogurtbecher, der seit sechs Wochen abgelaufen war. Er öffnete ihn, guckte, ob sich Schimmel gebildet hatte, fand keinen, dann aß er ihn. „Natur­jogurt, schmeckte etwas reifer, aber lecker“, erinnert er sich. Vom Mindesthaltbarkeitsdatum lässt er sich nicht beeindrucken. „Es ist kein Verfallsdatum. Man kann etwas in den allermeisten Fällen auch dann noch essen, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.“ Busch-Petersen ist Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Er sagt, dass selbst der Einzelhandel das schon seit Jahren predige. Aber bei vielen Konsumenten ist die Botschaft offenbar noch immer nicht angekommen.

Nicht nur wegen ethischer Aspekte wollen die Händler so wenig Lebensmittel wie möglich wegwerfen. Es kostet sie einfach auch Geld. „Jeder Apfel, den wir nicht verkaufen, sondern entsorgen müssen, ist für uns ein Verlustgeschäft“, sagt Busch-Petersen. Es gibt also genug Gründe, alles dafür zu tun, Lebensmittelabfälle zu vermeiden.

Daher wenden sich die Händler auch an die Konsumenten und versuchen in Aufklärungskampagnen über das Mindesthaltbarkeitsdatum aufzuklären. Sie bewerben stärker regionale Produkte, die wegen der kürzeren Transportzeit meist länger haltbar sind. Sie bieten zunehmend kleinere Verpackungs­größen an, damit der Kunde nur das zu kaufen braucht, was er in naher Zukunft essen wird. Sie versuchen den Warentransport noch mehr zu beschleunigen, so dass die Ware noch frischer ins Regal gestellt werden kann. Und einige geben Waren, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist, gesondert gekennzeichnet zu einem günstigeren Preis ab. „Wir versuchen an allen Fronten aufzuklären und Abhilfe zu schaffen“, sagt Busch-Petersen.

Dabei sind Lebensmittelabfälle gar nicht so sehr das Problem des Handels. Tatsächlich stammen nur fünf Prozent der weggeworfenen Lebensmittel vom Handel. Mehr als doppelt so viel werfen die Restaurants und Industrieküchen weg. Für den Mammutanteil von mehr als 60 Prozent aber sind die Verbraucher verantwortlich.

Es sei ähnlich wie mit den Verpackungen, sagt Busch-Petersen. Ein kleiner Teil hat tatsächlich immer einen Jutebeutel beim Einkaufen dabei, andere nehmen jedes Mal eine neue Plastik­tüte vom Supermarkt mit. Die meisten aber kämen mal mit, mal ohne eigene Tasche, sie kauften Bio-Obst, das aber in Folien eingeschweißt sei. „Das ist eine Art Hybridverhalten. In manchen Belangen sehr bewusst, in anderen wieder einfach gedankenlos“, sagt Busch-Petersen. Ein klassisches Verhaltens­muster der menschlichen Natur: Man beruhigt ein Stück weit sein Gewissen – und macht dann mit diesem Alibi in der Tasche weiter wie vorher. Der Mensch schafft es offenbar nur selten, den verführerischen Angeboten an Bequemlichkeit zu widerstehen, die die Moderne mit sich gebracht hat.

TEXT Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann