Schlechte Nachrichten

Der kanadische Wissenschaftler Dan Hoornweg befürchtet, dass wir im kommenden Jahrhundert immer mehr Müll produzieren werden. Aber es gibt einen Ausweg: Wir müssen dichter zusammenrücken.

Sie prophezeien, das wir bis 2025 unsere Müllmenge noch einmal verdoppeln. Wie kommen Sie denn darauf?
Meine Kollegen und ich sind von der Zahl der Menschen ausgegangen, die in Städten leben, denn diese sind in erster Linie für den Müll verantwortlich. Sie verdienen Geld, und ihnen stehen an jeder Ecke Konsumgüter zur Verfügung. Sie kaufen Dinge, sie werfen sie wieder weg. Zusätzlich haben wir das Wirtschaftswachstum für jedes Land der Erde prognostiziert, bis zum Jahr 2100. Wenn man die bisherigen Entwicklungen kennt, kann man das Müllaufkommen aus diesen beiden Faktoren gut abschätzen.

Waren Sie überrascht von dem Ergebnis?
Wir hatten die Annahme, dass um 2060 oder 2070 herum die Menge des Mülls wieder abnehmen würde. Es wird zwar irgendwann weniger werden, aber erst deutlich später. Auch Treibhausgase, Artensterben und Wasserverschmutzung: Sie alle nehmen noch eine ganze Weile zu.

Aber vielerorts gibt es doch schon ein Umdenken. Dazu gute Systeme, wie Müll wiederverwertet und beseitigt werden kann. Hilft das alles nichts?
Natürlich, aber dieser Wandel findet nur in den OECD-Ländern statt. Global spielt der Effekt der fortschreitenden Urbanisierung eine viel größere Rolle. 3,5 Milliarden Menschen leben bereits in Städten. In den kommenden 35 Jahren wird sich die Zahl verdoppeln. Zurzeit findet diese Entwicklung in Asien statt, vor allem in China. Bald wird Indien folgen und um 2050 die afrikanischen Länder südlich der Sahara. Die Urbanisierung Afrikas wird für uns alle zum Problem.

Wäre es also besser, wir würden alle auf dem Land leben?
Abgesehen davon, dass Sie die Urbanisierung nicht aufhalten können, wäre es wenig förderlich, wenn wir Menschen uns gleichmäßig über den Globus verteilen würden. Ideal sind große, dicht gebaute Städte. Dichte macht alles effizienter, wie das Beispiel New York zeigt. Dort werden pro Kopf weniger Treibhausgase und Abfälle produziert als in weitläufigen Städten. Wege sind kürzer, Wohnungen sind kleiner, auch Möbel, Autos, Verpackungen, einfach alles.

Eine Zukunft, in der die Menschen zusammengepfercht in Hochhäusern leben, erscheint Ihnen erstrebenswert?
Dichte ist nicht gleichbedeutend mit Hochhäusern. Gemeint ist eine effizientere Nutzung von Land. Paris ist eine sehr dicht gebaute Stadt. Und mir gefällt es da ziemlich gut. Genau wie Barcelona, das etwa zehnmal so dicht ist wie Atlanta und nur ein Viertel von dessen Treibhausgasen verbraucht. Überhaupt sollte man sich mehr an Europa orientieren als an den USA. Auch, was die Baukultur betrifft: In den USA wird viel abgerissen und neu gebaut, in Europa mehr restauriert.

Setzen sich Europäer bewusster mit Umweltproblemen auseinander?
Wie Städte wachsen, hängt mit Energiekosten zusammen, mit Steuerpolitik und damit, wie leicht oder schwer es ist, Kredite zu bekommen. Ein ganzes Bündel aus Faktoren spielt eine Rolle. In meiner Heimatstadt Toronto weiß die Stadtverwaltung sehr genau, dass eine kompakt gebaute Stadt die bessere Variante wäre. Trotzdem entwickelt sich alles in die falsche Richtung. Warum? Weil Grundstücksentwickler so ihr Geld verdienen und die Stadtverwaltung auf diese Weise mehr Steuern einnimmt. In Spanien hat das zu einer riesigen Immobilienblase geführt. Da leben auch nicht mehr Heilige als in Amerika. Man müsste an vielen Schrauben drehen, um etwas zu ändern.

Gibt es ein besonders vorbildliches Land?
Japan, zum Beispiel, wo sehr viele Menschen auf einer kleinen Insel mit wenig Ressourcen auskommen müssen. Mit dem Ergebnis, dass die Japaner pro Kopf ein Drittel weniger Müll produzieren als US-Amerikaner – bei einem vergleichbaren Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Je eingeschränkter man ist, desto weniger Material wandert durch die Gesellschaft und desto weniger wirft man weg.

Sie entwerfen in Ihrer Studie drei Szenarien. Eines, in dem Sie die aktuellen Wirtschafts- und Bevölkerungstrends fortsetzen, dazu ein optimistisches und ein pessimistisches Modell. Selbst unter der zuversichtlichsten Annahme kommen Sie auf den Spitzenwert von rund 8,5 Millionen Tonnen Müll am Tag im Jahr 2075. Wäre das denn überhaupt noch eine Menge, die wir ertragen können?
Was heißt das, ertragen? Vor allem stellt sich doch die Frage, wie wir eigentlich leben wollen. In einer Welt, in der jeder Fleck von Menschen beeinflusst ist, selbst der scheinbar entlegenste Ort? Denken Sie an die Massen an Plastik, die im Pazifik herumtreiben und die von Fischen, Vögeln und anderen Tieren verschluckt werden. Wenn es so weitergeht, wird der Plastikmüll sich noch verdrei- bis vervierfachen. Man kann ja schon fast zu Fuß über den Ozean gehen!

Das klingt nach Endzeit…
Ich glaube eher, es ist Halbzeit, wie beim Fußball. Wir sollten innehalten und uns fragen: Wenn wir der Erde schon heute so viel Schaden zufügen, glauben wir wirklich, dass der Planet zwei- bis dreimal so viel Umwelteinflüsse verkraften kann? Die meisten würden sagen: Eher nicht. Und auch wir betonen mit unseren Ergebnissen, dass der Planet die Belastungen, die mit dem Müll einhergehen, nicht beliebig lange aushalten kann.

Ist denn der Müll der entscheidende Faktor? Was ist mit Treibhausgasen, Artensterben?
Ich betrachte Müll als Näherungswert menschlicher Auswirkungen auf die Welt. Er ist die Spitze des Eisbergs. Er zeigt, wie etwas, das sehr lokal aussieht, einen globalen Effekt hat.

Das müssen Sie erklären…
Müll steht nicht für sich. Ein Stück Papier, das weggeworfen wird, können Sie zwar recyceln. Aber das bringt nicht den Baum zurück, der dafür gefällt wurde. Genauso ist es bei Essen oder Metall. Alles, was weggeworfen wird, wurde zuvor produziert. Dadurch gehen Arten verloren, Treibhausgase werden freigesetzt und Wasser verbraucht. Wasserknappheit wird früher oder später zu einem sehr großen Problem werden. Und die Belastung unserer Nahrung durch Schwermetalle, Hormone und andere Spurenstoffe wird uns in Zukunft noch weitaus mehr beschäftigen als heute. Mein Punkt ist: All diese Probleme sind miteinander verbunden. Unser Ziel sollte es daher sein, insgesamt weniger Schaden anzurichten.

Einen Lichtblick gibt es in Ihrer Studie, nämlich den, dass die tägliche Müllmenge auch wieder abnehmen wird. Wie kommt das?
Weil die Weltbevölkerung früher oder später wieder schrumpft. Sehen Sie sich die Zahlen in Deutschland, in fast ganz Europa an. Russland schrumpft derzeit um zwei Prozent im Jahr, auch in Japan sinkt die Bevölkerungszahl. Es wird immer gesellschaftliche Veränderungen geben, die in Richtung niedrige Geburtenrate gehen, aber auch Krankheiten, Kriege und Umweltkatastrophen, die Bevölkerungen dezimieren oder sie nach und nach schrumpfen lassen.

Welche Bedingungen müssten erfüllt werden, damit Ihr optimistisches Szenario Realität wird?
Dafür setzen wir die Annahme voraus, dass die Weltbevölkerung eher früher als später abnimmt, dass wir im Jahr 2100 zu 90 Prozent urbanisiert sind und dass Städte dichter gebaut und besser verwaltet sind als bisher.

Ist das denn realistisch?
Das ist wie mit der Frage: Wie viel Rente werde ich haben, wenn ich in soundso viel Jahren in den Ruhestand gehe? Ein vorsichtiger Mensch rechnet eher mit dem pessimistischen Szenario. Aber die nachhaltigere Variante ist eben auch immer noch möglich. Doch es zeigt auch: Etwas Besseres werden wir nicht bekommen. Sogar unter den besten Bedingungen sieht unsere Zukunft ziemlich widerlich aus.

So etwas herauszufinden und zu publizieren – ist das nicht ziemlich deprimierend?
Nicht wirklich. Wir sitzen in einem Boot und nähern uns einer gefährlichen Stromschnelle. Anstatt sich mit Bedacht darauf vorzubereiten, was zu tun ist, schreien alle wild durcheinander. Die einen spekulieren: Wir erreichen den Wasserfall in einer Stunde, andere sagen: Nein, in 45 Minuten. Statt sich darüber zu streiten, wer Recht hat, sollte man sich auf die Situation vorbereiten. Je länger wir zögern, desto schwerer machen wir es unseren Enkeln. Das ist es, was mich frustriert.

Was sollten wir also tun?
Die Industriestaaten müssen afrikanischen Ländern helfen, sich zu stabilisieren und nachhaltig zu urbanisieren, und das so schnell wie möglich. Zurzeit wachsen Afrikas Städte unkontrolliert, das schlechteste Beispiel ist Johannesburg, eine der am wenigsten dichten Städte überhaupt. Die Art, wie afrikanische Städte am Ende gebaut werden, ist wahrscheinlich der größte Faktor für globale Nachhaltigkeit, den wir haben, und damit unsere größte Chance. Gezielte Entwicklungsprojekte, wie die der Weltbank, für die ich lange tätig war, können vieles bewirken.

Ohne die Eigeninitiative der betroffenen Länder und Städte wird das nicht klappen.
Natürlich. Es ist ein Geben und Nehmen. Städte müssten sich andere Städte zum Vorbild nehmen. Dafür gibt es zum Glück schon sehr gute Netzwerke. In C40 etwa, einem weltweiten Netzwerk, tauschen sich Großstädte in aller Welt über nachhaltiges Wachstum aus. Ein anderer Weltverband, der beste vielleicht, ist Metropolis. Es ist, wie wenn Sie sich vornehmen, Sport zu treiben. Sie wissen, was zu tun ist, aber alleine ziehen Sie es nicht durch. Zu viert oder zu fünft ist es leichter.

Wie lässt sich Nachhaltigkeit staatlich steuern?
Entsorgungsgebühren für die Industrie machen einen großen Unterschied. Noch effektiver wäre es allerdings, Energiesubventionen abzuschaffen. Wäre Strom teurer, würden wir weni-ger davon verbrauchen und weniger produzieren. Genau wie weniger Essen weggeworfen würde, würde die Landwirtschaft nicht subventioniert.

Und welche Rolle spielen die Konsumenten? Kann der Einzelne etwas bewirken?
Ja und nein. Auf zu viele Menschen zu hoffen, die bewusst mit ihrem Müll umgehen, ist nicht realistisch. Es kommt auch vor, dass sich jemand ein Bier kauft oder einen Softdrink, und dann ist kein Mülleimer in der Nähe, um die Dose loszuwerden. Da sind die Städte in der Pflicht. Sie müssen es ihren Bürgern einfacher machen, sich korrekt zu verhalten. Es muss genauso einfach sein, zu recyceln, wie es nicht zu tun. Dazu gehört eine effiziente Stadtverwaltung mit einer funktionierenden Abfallwirtschaft. Und nicht nur gut durchdachte Gesetze, sondern natürlich auch ein politisches System, in dem Gesetze auch eingehalten werden.

Gibt es darüber hinaus auch technische Entwicklungen, die Hoffnung machen? Zum Beispiel, um Abfälle noch effizienter zu recyceln?
Natürlich. Aber die Wunderwaffe, die die Gesetze der Thermodynamik überwindet, werden Sie nicht bekommen. Es führt kein Weg daran vorbei: Die Menschheit muss lernen, weniger Material zu verbrauchen.

Dan Hoornweg war bis 2012 fast 20 Jahre lang für die Weltbank tätig, zuletzt als der führende Stadtexperte der Bank. Heute bloggt er bei der Weltbank zum Thema nachhaltige Stadt und lehrt und forscht als Professor für Energiesysteme an der University of Ontario. Zudem berät er als Sicherheits- und Risikobeauftragter die kanadische Provinz Ontario.

INTERVIEW Bastian Henrichs | FOTOS Anne Schönharting