Amtsschimmel frisst Goldesel

Vor neun Jahren war Thomas Adamec drauf und dran, den Elektro-Recycling-Markt zu revolutionieren. Heute ist der fränkische Unternehmer finanziell ruiniert.

Adamec, der aus Fürth kommt, hatte eine Anlage entwickelt, die Elektronikschrott zu 95 Prozent wiederverwertbar macht, schadstoffhaltige von schadstofffreien Kunststoffen trennt und die unbelasteten Kunststoffe dann wieder zurück in den Rohstoffkreislauf bringt. Ein erstaunlicher Wiederverwertungsquotient, wenn man bedenkt, wie elektronische Altgeräte sonst gemeinhin entsorgt werden: Je nach Schätzungen produziert die Menschheit jedes Jahr zwischen 20 und 50 Millionen Tonnen Elektromüll: Smartphones, Rechner, Bildschirme, Drucker. Die Warenwelt unseres ständig steigenden Technologiekonsums wird immer leistungsstärker – und immer schneller entsorgt: Unternehmer und Kommunen verkaufen den Wohlstandsmüll an Recycling-Unternehmen, die die Geräte grob zerlegen. Die Bruchstücke gehen dann an Firmen, die auf die Rückgewinnung von Eisen, Kupfer oder Kunststoffe spezialisiert sind. Alle Bestandteile, die diese nicht verwerten können, landen in der Müllverbrennung. In Thomas Adamecs Anlage hingegen bleibt von einem Computer gerade mal ein Häufchen Staub übrig. Aber auch damit gab er sich nicht zufrieden. Sein Ziel: 100 Prozent Wiederverwertung. 100 Prozent Recycling von Kühlschränken, Computern, Haartrocknern und Elektroherden. Eigentlich eine Goldgrube.

Gefällt Ihnen das TrenntMagazin?

Vom Schrotti zum Schredder
Adamec ist gelernter Schrotthändler. Er sieht aus wie Manfred Krug, in fränkischer Ausführung: mit Handschlagqualität. In Hemdsärmeln, wenn möglich. Im Anzug, wenn nötig. 1988 übernahm er eine gut gehende Firma von seinem Vater. Am Anfang stand nicht das Bemühen um Nachhaltigkeit oder grüne Kreislaufwirtschaft, sondern einfach nur: Technikbegeisterung. Tüftlerei. 2003 kaufte Adamec ein 3.000 Quadratmeter großes Grundstück mit einer Halle auf 2.000 Quadratmetern. Hier baute er mit schon vorhandenen, aber entsprechend modifizierten Maschinen seine Recycling-Anlage.

Das Mahlen ist des Recyclers Lust
Noch heute bekommt er leuchtende Augen, wenn er seine Anlage beschreibt: vom Schredder am Anfang – „wie man ihn aus der Automobilverwertung kennt, allerdings kleiner und mit neuartigen Mahlwerkzeugen“ – über selbst entwickelte Kabeltrommeln bis zu einem Sieb, das Kupferdrahtmaterial ausgeschleust, und einem „Wirbelstromabscheider“, der Aluminium und Grobstahl sortiert herausgefiltert habe. Übrig blieben nur Kunststoffe und Leiterplatinen. Auch für die hat Adamec ein Verwertungsverfahren entwickelt: Spezialmagneten trennten die letzten Eisenteile von den Platinen, worauf der Kunststoff in einem Röntgentrenn- und Sortierverfahren von Metallresten befreit und die Platinen vermahlen wurden. Auf diese Art, sagt Adamec, habe er neu zu verwendenden Stahl ebenso gewonnen wie Aluminium, Edelstahl, Kunststoffgranulate und edelmetallhaltige Materialien, hoch angereichert mit Gold, Silber, Platin und Palladium. „Und wenn meine Mitarbeiter alle 14 Tage die Kabeltrommel auskratzten, dann haben wir aus den Rückständen sogar noch etwa fünf Tonnen hochwertiges Neodym-Magnetmaterial gewonnen. Gleichzeitig forschten wir zusammen mit den Fraunhofer-Instituten daran, wie man aus den fünf Prozent Reststaub noch seltene Erden filtern könnte.“

Adamec ist immer noch stolz darauf, dass seine Anlage weniger gesundheitsschädlich als andere war und mit einem erheblich höheren Rückgewinnungsanteil gearbeitet habe. „Was andere Unternehmen dieser Art selbst mit Handarbeit nicht erreichen“, sagt er, „das konnte meine Anlage mit ganz wenig Personal.“ Dass „sowohl die einzelnen Verfahrensschritte mit den dazu jeweils vorgesehenen Apparaten als auch das technische Gesamtkonzept“ realisierbar erschienen, bestätigte ihm 2004 das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Und 2008 bescheinigte ihm ein unabhängiger Gutachter, dass die Adamec-Anlage ein „wesentlicher Schritt in eine Zukunft“ sei, „in der wir unsere wertvollen Ressourcen endlich wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll zu nutzen wissen“.

In der Warteschleife der Behörden
Zwölf Jahre lang baute Adamec Teile ein, aus, um. Er entwickelte seine Anlage immer weiter; er investierte rund 10 Millionen Euro. 2011 nahm er den Testbetrieb auf. Die KfW-Bank gab ihm 1,5 Millionen Euro aus ihrem Umwelt-Förderprogramm, freigegeben durch den damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Von fünf Beschäftigten war die Firma auf 24 Mitarbeiter gewachsen. Das Umweltamt der Stadt Nürnberg genehmigte seine Anlage im Jahr 2011 für die Verarbeitung von 35.000 Tonnen an Elektrogeräten pro Jahr. „Meine damalige Sachbearbeiterin war sehr kompetent und hat toll mit uns zusammengearbeitet“, sagt Adamec heute. „Dann baute ich einen kleinen Teil der Anlage wieder aus: eine überflüssige Mühle, die zudem sehr viel Strom verbrauchte und deren Verarbeitung in der großtechnisch umgesetzten Recyclinganlage nicht mehr nötig war.“ Eigentlich hätte diese nebensächliche Veränderung – nach Auffassung von Adamecs Beratern – innerhalb von 14 Tagen genehmigt werden müssen. Wurde sie aber nicht. Aus für ihn unerfindlichen Gründen, möglicherweise durch eine Änderung der Zuständigkeiten im Umweltamt der Stadt Nürnberg, habe plötzlich sogar die gesamte Anlage auf dem Prüfstand gestanden. 2012 wurde ihm beschieden, dass eine Änderungsgenehmigung notwendig sei – doch die Genehmigung ließ auf sich warten: erst ein paar Wochen, dann Monate, schließlich Jahre. Weshalb die Genehmigung nicht erteilt wurde, konnten Thomas Adamec auch seine Berater nicht erklären.

Vier Jahre schwankte Adamec zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Immer wieder neue Auflagen, neue Genehmigungen, neue Analysen, neue Gutachten. Er spielte auf Anraten seines Rechtsanwaltes – wenn auch zähneknirschend – mit. „Streiten Sie sich nicht mit der Stadt“, habe man ihm gesagt, „das dauert Jahre. Bis dahin sind sie längst am Ende.“ Tatsächlich hielt Adamec bis ins Jahr 2015 durch, dann musste er Insolvenz anmelden.

Tod durch Papiertiger
Seine Anlage steht still. Besonders bitter: Während Adamec auf die Änderungsgenehmigung wartete, die nicht kommen wollte, wurde seine Anlage als besonders innovativ und nachhaltig ausgezeichnet: 2011 bekam er den Deutschen Nachhaltigkeitspreis, 2012 den Sea Award in Österreich, 2013 den Deutschen Rohstoffeffizienz-Preis des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

TEXT Annette Lübbers | ILLUSTRATION Christoph Mett

Gefällt Ihnen das TrenntMagazin?