Zirkeltraining

In der Natur gibt es keinen Müll. Nur der Mensch hinterlässt etwas, das angeblich überflüssig ist. Doch in Zeiten knapper werdender Rohstoffe beginnt ein Umdenken. Immer mehr Menschen entdecken eine ein­fache wie radikale Idee wieder: Kreisläufe. Revolutionärer Ansatz oder fragwürdiger Öko-Hype? Eine Rundschau.

Wer die Buntbarsche und Basilikumbüschel von Christian Echternacht sehen will, muss zu einem ausrangierten Schiffs­container kommen. Weiß lackiert steht die Stahlbox auf einem Brauereigelände in Berlin-Tempelhof. Früher wurden Wein­flaschen darin um die Welt verfrachtet, Turnschuhe, Kühlschränke oder Schnittblumen. Heute schwimmen im Inneren Fische in einem Becken, während obendrauf unter Plexiglas Tomaten, Auberginen und Minze wachsen. „Wir haben hier einen Kreislauf wie in der Natur nachgebaut“, sagt Echternacht. Und das mitten in der Stadt.

In Zirkeln zu denken, ist das älteste und ursprünglichste Prinzip der Welt. Unser Körper besteht aus Blut- und Hormonkreis­läufen, das Wasser zirkuliert auf der Erde zwischen Verdunsten und Abregnen, alles Stoffliche folgt dem ewigen Prinzip aus Werden und Vergehen. Nur einer hatte sich mehr als ein Jahrhundert dem Prinzip entgegengestellt: der menschliche Wille nach mehr. Die Industrialisierung machte es möglich, dass mehr abgebaut, produziert und weggeworfen wurde als nötig. Müll entstand – und mit ihm eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen. Seitdem aber Öl, Metalle und Böden allmählich immer knapper werden und die Weltbevölkerung gleichzeitig wächst, findet ein Umdenken statt: in der Wirtschaft, Wissenschaft, Landwirtschaft, im sozialen Sektor und sogar im Kreativbereich.

Wir machen uns auf den Weg zu Menschen, für die das Denken, Leben und Wirtschaften in Kreisläufen zur Lebensaufgabe geworden ist. Ihr ehrgeiziges Ziel ist nicht weniger als ein neuer Umgang mit dem, was wir zur Verfügung haben. Da gibt es einen Materialforscher, der Plastik aus Kartoffeln herstellt. Ein Architekt baut recycelbare Häuser. Ein Informationsrevoluzzer will Betriebsgeheimnisse öffentlich in Umlauf bringen. In einer Papierfabrik lernen wir, warum sich mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben lassen. Und wir begleiten eine Frau, die dafür sorgt, dass mit den Essensresten der einen die Bäuche der anderen gefüllt werden. Oder wir gucken in die Fischbecken der ausgemusterten Frachtbox von Christian Echternacht.

Der 42-Jährige ist Mitgründer von ECF. Wie die meisten Jungunternehmer mit guten Ideen, aber ohne Geld haben er und seine Kompagnons ihrer Firma einen englischen Namen verpasst. Der wird vielleicht hierzulande nicht gleich verstanden, dafür aber überall auf der Welt von Investoren. Und so steht das E in ECF für „Efficient“, das C für „City“ und das F für „Farming“. Unten Fischtank, oben Gewächshaus – das war die Idee. Das Abwasser der Fische sollte hoch zu den Pflanzen gepumpt werden, sie bewässern, düngen und danach geklärt wieder runter ins Fischbecken laufen. „Das aber“, sagt Echternacht, „hat sich schnell als alles andere entpuppt als ein simpler Rundlauf.“ Denn das optimale Wasser ist für Fische und Pflanzen nicht dasselbe. Damit die Pflanzen gut wachsen, muss das Fisch­abwasser unter anderem mit Nährstoffen aufgepeppt werden.

„Wir haben den Kreislauf zwischen unten und oben deshalb so gebaut, dass er aus zwei kleinen Kreisläufen besteht“, sagt Echternacht: „Aus einem für die Fische und einem für die Pflanzen.“ Über Schläuche und Rohre sind beide miteinander verbunden, durch Ventile getrennt. „So können wir jeden Tank, jeden Ka­nister, jedes Becken einzeln regulieren.“ Dahinter steckt patentierte Technologie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei, kurz IGB. Die Forscher mit Sitz am Müggelsee griffen auf die Arbeit von DDR-Wissenschaftlern zurück, die Fischzucht (Aquakultur) und Gemüsezucht (Hydroponik) schon vor 30 Jahren in einem Wasserkreislauf gekoppelt hatten. Die Kombination wird heute „Aquaponik“ genannt.

Vorteile hat das viele. „Durch die Doppelnutzung des Wassers brauchen wir 90 Prozent weniger davon“, so Echternacht. „Außerdem kommen wir ohne Antibiotika aus, belasten die Umwelt nicht mit Abwässern und verursachen so gut wie keine Emissionen, weil die Pflanzen ja das Kohlendioxid binden, das die Fische produzieren.“ Was ECF anbietet, ist ein Gegenentwurf zu der Horror-Vorstellung, die viele von konventioneller Landwirtschaft haben: in der das Saatgut von Agrar-Multis kommt, in der auf Plantagen und Felder Unmengen Dünge- und Pflanzenschutzmittel von Chemie-Riesen gekippt werden und am Ende aromafreie Früchte und aromafreies Gemüse geerntet werden, die nach unverhältnismäßig langen Transportwegen und energiefressenden Kühlketten zu Spottpreisen im Discounter landen. „Die Leute haben es satt, dass ihr Essen von irgendwo herangekarrt wird“, sagt Echternacht. „Mit unseren Farmen werden Gemüse und Fisch da produziert, wo sie konsumiert werden: in der Stadt. Da alles im Direktvertrieb vermarktet wird, bleiben nicht nur die Produkte frisch, sondern auch der Umsatz beim Betreiber.“

Ein Gegenentwurf zu noch verbliebenen romantischen Vorstellungen von Landwirtschaft und urbanen Farmern, die mitten in der Stadt auf Dachterrassen, an Kreisverkehren oder in Baulücken gärtnern, ist das ECF-Konzept aber auch. Hier geht es ums Geschäft. Echternacht und seine Freunde wollen nicht selbst zu Stadtfarmern werden. Sie müssen nur zeigen, dass es geht, um dann komplette Farmen zu verkaufen. An Handelskonzerne zum Beispiel. Die könnten sich welche auf die Dächer ihrer Supermärkte stellen oder auf Stelzen damit die Parkplätze von Einkaufszentren überdachen. Wie sinnvoll es sein kann, Kreisläufe der Natur zu nutzen, hat sich nicht nur im hippen Berlin herumgesprochen. Im ganzen Land beschäftigen sich Forscher mit der Frage, aus welchen Stoffen die Produkte unserer Zukunft bestehen müssen. Denn die richtigen Materialien zu finden ist eine der größten Hürden für Produktentwickler. Einer, der das ändern will, ist Thomas Wodke, 49 Jahre, vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen. Wodke und seine Kollegen entwickeln Bio-Plastik.

In den Oberhausener Labors arbeiten sie daran, Kunststoffe statt aus Erdöl aus Kartoffeln, Holz, Weizen, Mais oder Zuckerrüben herzustellen. Wodke sagt: „Solange Öl billig war, hat es sich nur einfach nicht gelohnt, es anders zu machen.“ Wodkes Vision: Ackerfolien, die Landwirte nach der Ernte mit den Pflanzen- resten unterpflügen und von denen nach einer Weile nichts übrig bleibt als Wasser und Kohlen­dioxid. Medizinische Implantate, die Patienten eine OP zur Entfernung ersparen, weil deren Abbaugeschwindigkeit im Körper dem Heilungsverlauf entspricht.

Liefert Thomas Wodke das Material, aus dem die schöne neue Kreislaufwelt gebaut sein könnte? Im Gegensatz zu ihren konventionellen Verwandten ist der Vorteil von Bio-Plaste, dass sich ihre Rohstoffe einfach anbauen lassen. Außerdem hat sie eine ausgeglichene Kohlendioxid-Bilanz: Beim Verfall wird nicht mehr Treibhausgas freigesetzt, als die Rohstoff-Pflanzen vorher aus der Luft gebunden haben. So entsteht ein Zirkel ohne Extra-Emissionen.

Doch die Vorsilbe „Bio-“ in Bio-Plastik ist trügerisch. „Es ist Blödsinn zu glauben, dass man Einkaufstüten aus Bio-Plastik einfach in den Wald werfen kann, weil die da schon irgendwie verrotten“, sagt Wodke. „Nur weil Plastik aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellt wird, ist es nicht automatisch umweltfreundlicher. Bio-Plastik ist nicht gleich kompostierbarer Kunststoff, der sich langsam auflöst.“ Ob Kunststoffe biologisch abbaubar sind oder sogar kompostierbar, hängt also nicht davon ab, woraus sie gemacht wurden? „Nein“, sagt Wodke. „Es ist völlig egal, ob sie aus Erdöl gewonnen wurden oder aus nachwachsenden Rohstoffen. Entscheidend ist, welche chemische Struktur wir ihnen geben. Es gibt auch erdölbasierte Kunststoffe, die biologisch abbaubar sind.“ Bauchschmerzen bereitet Bio-Plastik-Herstellern aber noch eine weitere Kritik. Es ist die gleiche wie beim Biosprit. Der wurde auch erst als ökonomisches und ökologisches Wunder gepriesen: Er sichere Bauern verlässliche Einkommen, beseitige Überschussproduktionen, mache unabhängiger vom teuren Erdöl und schütze obendrein das Klima. Hieß es. Bis die Kritiker kamen und monierten, dass wir damit Kraftstoffe aus Nahrungsmitteln produzieren, während Menschen anderswo zu wenig Geld haben, um sich Essen zu kaufen. Dass wir mit unserer Förderpolitik die Nachfrage für Energiepflanzen erhöhen. Dafür sorgen, dass im Ausland Ackerflächen für den Export von Biosprit-Pflanzen genutzt werden und nicht mehr für die Lebensmittelproduktion. Und damit die Preise auf den Weltmärkten in die Höhe treiben.

Je länger man mit Materialforscher Wodke über das alles spricht, desto klarer wird: Plastik aus Pflanzen könnte herkömmliches Plastik aus Erdöl irgendwann ablösen, weil Öl zu teuer zu werden droht. Je länger man mit ihm aber auch über die Ökobilanzen von Bio-Plastik redet – vom Anbau der Rohstoffe über die Herstellung der Materialien bis zur Entsorgung von Produkten –, desto klarer wird auch: Metall und Glas sind gutmütige Rohstoffe, perfekt für Kreisläufe. Stahl beispielsweise kann unendlich oft eingeschmolzen werden, ohne seine Qualität zu verlieren. Bio-Plastik dagegen ist oft noch nicht besser, sondern leider meist nur genauso schlecht wie herkömmliches Plastik. Und weniger schlecht ist eben noch lange nicht gleich gut. Hier hilft Recycling wenigstens, die neu produzierten Mengen zu drosseln; Plastik, das in der Wertstofftonne landet, wird so am Ende teilweise wieder zu neuen Produkten. Das ökologisch beste Plastik aber ist immer noch: kein Plastik.

Es gibt ja auch so viele andere natürliche Materialien da draußen, aus denen wir unsere Alltagsgegenstände herstellen könnten. Nicht alles muss mit viel Energie synthetisch hergestellt werden und am Ende mit viel Energie wieder recycelt werden. Dafür müssten wir einfach das Wissen unserer Vorfahren anzapfen. So wie Eike Roswag.

Der Berliner Architekt ist ein Kreislaufbaumeister. Seine Häuser sollen keine schützenden Bollwerke gegen die Umwelt sein, sondern ein Teil davon. Wenn er ein Gebäude entwirft, denkt er währenddessen auch immer schon die Rückgewinnung der Materialien mit. Nicht Beton, Glas oder Ziegel gehören deshalb zu Roswags bevorzugten Materialien, sondern natürliche Baustoffe. Er arbeitet mit Holz, Bambus und vor allem Lehm. In dem uralten Gemisch aus Sand, Ton und Schluff sieht Roswag einen Stoff der Zukunft: leicht zu gewinnen, schadstofffrei, dämmt Schall gut, speichert ausgezeichnet Wärme und reguliert Luftfeuchte besser als jede Klimaanlage. „Während Deutschland seine Häuser mit den Wärmeverbundsystemen des Massenmarkts in Sondermüll einpackt“, sagt Roswag, „lassen sich die Baustoffe unserer Häuser komplett recyceln.“ Früher war Lehm ein Zeichen für Armut, nun erlebt er eine Renaissance. „Sie glauben gar nicht, wie viel Wissen da in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen ist“, sagt Roswag. In einem eigenen Baustofflabor steckt er zusammen mit seinen Partnern Christof Ziegert und Uwe Seiler deshalb viel Zeit in Forschung.

So, wie Roswag arbeitet, macht er den heutzutage überstrapazierten Begriff „Nachhaltigkeit“ nicht zur gutklingenden Formulierung in der Projektpräsentation. Bei ihm ist das „nachhaltig“ eingebaut in die Art, wie er denkt, entwirft, baut. „Gebäude schlucken beim Bau und beim Betrieb enorm viel Energie, sie verbrauchen Material, produzieren Müll“, sagt Roswag. „Wir Architekten und Bauingenieure sind also meist nicht die Lösung, wir sind das Problem.“

Roswag, Jahrgang 1969, will mit seinen Entwürfen dagegenhalten. Sein bislang bekanntestes Projekt ist eine Schule in Bangladesch. Zusammen mit der Architektin Anna Heringer verwendete er vor Ort übliche Baumaterialien, baute mit Handwerkern aus der Region, griff alte Techniken auf und entwickelte neue, um aus Lehm und Bambus ein ungewöhnlich großes Gebäude zu bauen. Anfangs wurde Roswag dafür von anderen Architekten belächelt und sein Vorhaben als Selbsterfahrungstrip abgetan. Inzwischen gibt es weltweit keine ernstzunehmende Architekturzeitschrift, die das Projekt nicht besprochen hat. Etliche Preise hat Roswag eingeheimst, auch den in der Architekturszene hoch angesehenen Aga-Khan-Preis. Der machte Eike Roswag schlagartig zum international anerkannten Lehmbau-Experten.

Was mit dem beliebig oft wiederverwendbaren Baustoff möglich ist, zeigte Roswag mit seinem damaligen Büropartner Guntram Jankowski bei der historischen Festungsanlage aus Lehm und Palmmaterial in den Emiraten. Bei der Sanierung verwendeten sie fast nur vorhandenes Material. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt feierte die Festung in der Oase als eines der besten Bauwerke aus Deutschland.

Mit Lehm baut Roswag aber nicht nur anderswo, sondern hierzulande. Im brandenburgischen Ihlow verwandelte sein Team eine verfallene Feldsteinscheune in ein modernes Wohnhaus aus Holz, Lehm und Hanf. Im Berliner Westend steht eine weiße Villa, die ein Lehmhaus mit Schilfrohrdämmung ist. Der Kreis. Kein Anfang, kein Ende. Jeder Punkt gleich entfernt vom Mittelpunkt. Sinnbild für Ganzheit, Vollkommenheit, Unendlichkeit. Aber auch Gleichgewicht, Gemeinschaft und Schutz. Der Zirkel gilt als Werkzeug des Maßes und der Ordnung. Was in einem Kreis läuft, wandelt sich stetig und ist doch auch eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Hätte Lars Zimmermann eine Fernbedienung, mit der er uns in eine Kreislaufwelt vorspulen könnte, er würde die Taste sofort drücken. Der 33-jährige Wahlberliner ist Ökonom, Künstler und Hacker. Er findet es schönundgut, wenn Menschen das Ladegerät aus der Steckdose ziehen, wenn der Handy-Akku voll ist, oder zwei Blatt Toilettenpapier benutzen statt drei. Aber ihm gehen solche Alibi-Gesten nicht weit genug. Er sagt: „Eine bessere Welt kriegen wir nur hin, wenn wir das Kreislaufprinzip auch auf Wissen anwenden. Eine Kreislaufwirtschaft kann nach und nach nur entstehen, wenn wir zum Beispiel öffentlich machen, wie Produkte aufgebaut sind.“

Zimmermann ist Anhänger der Open-Content-Bewegung, die sämtliche Informationen frei zugänglich machen möchte. Wissen wäre ein Wertstoff, der zirkuliert wie Papier, Glas oder Metall – und würde nicht von Patenten und Urheberrechten eingedämmt. „Kreisläufe“, sagt er, „brauchen Kommunikation. Und dazu braucht man Information.“

Losgelöst von jeder Nachhaltigkeitsromantik hat er auch deshalb die „Offene Ökologische Umwelt & Wirtschaft“, kurz OWi, gegründet. Weil es die Fernbedienung für Kreisläufe nicht gibt, soll das Forschungsprojekt so etwas sein wie eine Vorspultaste.

Wer verstehen will, wofür der OWi-Mann in Vorträgen und Seminaren wirbt, kann ein x-beliebiges Gerät nehmen – Toaster, Kaffeemaschine, Fernseher. Man muss kein Recycling­experte sein, um zu erkennen, dass die aus zig Materialien bestehen, die sich nicht oder nur schlecht und mit großem Aufwand trennen lassen. „Mit Kreislaufdesign“, sagt Zimmermann, „bei dem alles einfach zerlegbar ist und alle Materialien verwertbar, haben die alle nichts zu tun.“ Und er fragt: „Warum setzen wir nicht einen Prozess in Gang, der uns Einsichten hinter die Fassaden von Produkten erlaubt? Warum lassen wir Ideen nicht herumschwirren und sorgen dafür, dass sie Inspirationsquelle und Bausatz für neue Ideen sind? Für einen kreislauffähigen Toaster zum Beispiel?“

Fragen wie diese drängen sich auf. Denn warum warten, bis auch der letzte Hersteller angefangen hat, seine Produkte so zu produzieren, dass sie kreislauffähig sind? Warum nicht einfach daran mitarbeiten? Doch so sehr, wie sie sich aufdrängen, so sehr zielen sie auch auf eine empfindliche Stelle: Niemand gibt freiwillig seinen vermeintlich wichtigsten Produktionsfaktor preis und liefert Blaupausen für die Konkurrenz. „Die Realität ist doch heute aber, dass Entwürfe kopiert werden, egal ob sie offen oder geschützt sind“, kontert Zimmermann. „Statt Geld, Zeit und Energie zu verschwenden, meine Ideen zu schützen, würde ich lieber dafür sorgen, dass Leute sie so oft wie möglich kopieren, verbreiten und weiterentwickeln.“

Der Informationsrevoluzzer will seine Ideale der freien Kreisläufe in Unternehmen tragen. Zumindest was Materialien angeht, sind sie dort oft schon angekommen. Denn für die Industrie hat das Wirtschaften im Kreislauf einen entscheidenden Vorteil: Es spart Rohstoffe. Ein gutes Beispiel dafür ist die Papierbranche.

In den riesigen Hallen der Papierfabrik Leipa im branden­burgischen Schwedt wird aus gebrauchtem wieder neues Papier produziert. Vom Sammelcontainer gelangt das Altpapier zu einer Sortieranlage, wird zu Ballen gepresst und ab in die Papierfabrik transportiert. Dort wird es in riesigen Mixern in Wasser verrührt, zerfasert und von allem befreit, was stört: Druckfarben genauso wie Büroklammern oder eingeklebte Shampoo-Proben. Aus dem Faserbrei macht eine Maschine schließlich frisches Papier.

„Als Hersteller sorgen wir dafür, dass Papier im Kreislauf bleibt“, sagt Rico Karolow. Der 37-Jährige ist Umweltchef bei Leipa. Er gehört nicht zu der Sorte von Umweltbeauftragten, die nach ein paar Monaten im Amt wieder abgesägt werden, weil sie die ganze Zeit wollsockig gegen die Geschäfts- führung in den Kampf gezogen sind. Er ist aber keiner der Sorte „scheinheilig“, die an den grünen Mäntelchen mitnähen, die sich Unternehmen so gerne umhängen, um ihr Image zu verbessern. Karolow ist vielmehr einer, der mit sachlicher Leidenschaft über die Vorteile von Kreisläufen referieren kann. „Mit Kreisläufen“, sagt er, „schaffen wir nämlich beides: schwarze Zahlen und grüne Ziele.“

774.000 Tonnen Papier, Wellpappe und Karton haben die 750 Mitarbeiter vergangenes Jahr in Schwedt produziert – und dafür vor allem Altpapier als Rohstoff eingesetzt. Nicht weil sie sich in der Firma als verkappte Umweltschützer sehen. Sondern weil, wie Karolow es sagen würde, Altpapier eben schwarz und grün ist: Es ist günstiger ist als frischer Zellstoff. Und es sorgt dafür, dass weniger Holz verbraucht wird, weniger Wasser, weniger Energie.

Altpapier – neues Papier – Altpapier – neues Papier. Das ist der große Kreislauf. Damit der rundläuft, gibt es viele kleine. Einen für Wasser: Das kommt in Schwedt zum Großteil aus der Oder. Es wird gereinigt, genutzt, wieder gereinigt und geht an die Natur zurück. „Sauberer, als wir es entnommen haben“, so Karolow. Es gibt einen Kreislauf für das, was sonst Müll wäre: ausgewaschene Farben, aussortierter Kleber, das ganze Metall und all das Plastik. Was aus dem Papierkreislauf fliegt, wird in der Metallindustrie oder bei Baustoffproduzenten verwendet oder es wird Wärme oder Strom daraus. Denn es gibt bei Leipa auch einen Kreislauf für Energie. Dafür betreibt die Firma ein Kraftwerk, in dem Reste aus der Produktion verbrannt werden. Damit kann ein Teil des enorm hohen Energiebedarfs gedeckt werden, der für die Papierherstellung benötigt wird.

Sind Kreisläufe nun aber ein Umwelt- oder ein Wirtschafts­programm? Für manche Befürworter liegt darin kein Widerspruch. Kritiker halten beides für utopisch. Stoffkreisläufe, sagen sie, lassen sich nie vollständig schließen. Immer gehe Material und Energie verloren. Wachstum und Umweltbelastung lassen sich nicht entkoppeln. Aus einer Konsumgesellschaft wird nie eine Konsum-mit-gutem-Gewissen-Gesellschaft werden. Was bedeuten würde: Kreisläufe kurieren nur die Symptome, nicht die Krankheit. Um unsere Umweltsorgen zu lösen, müssten wir doch lernen, auf manches zu verzichten, und unseren Konsumhunger bändigen.

Weniger? Mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Wachstum ist der Refrain von Politik und Wirtschaft. Der Wohlstand eines Landes wird immer noch am Wachstum gemessen, nicht am guten Leben oder am Einklang mit der Natur. Kapitalismus ohne Wachstum? Das gilt als Horrorvorstellung. Eines gerät dabei manchmal in Vergessenheit: Es gibt immer irgendetwas, was der Mensch braucht.

Der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-Architekt William McDonough fordern weder Maßhalten noch Verzicht. Sie wollen stattdessen „intelligente Verschwendung“ in einem völlig abfallfreien Wirtschaftskreislauf. Produkte sollten am Ende ihres Lebens nicht mühsam entsorgt, aufbereitet oder verbrannt werden, sondern von vornherein so gestaltet werden, dass ihre Bestandteile entweder schadstofffrei kompostierbar sind oder vollständig wiederverwertet werden können. „Cradle to Cradle“ haben die beiden ihr Kreislaufkonzept genannt; „von der Wiege zur Wiege“ also statt von der Wiege bis zur Bahre, sprich Müllhalde. Was sich wie eine Mischung aus Öko-Spinnerei und Science-Fiction anhört, halten sie für das einzig zukunftsfähige Produktdesign und Wirtschaftsprinzip. Die Anzahl der Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip wächst, ist aber noch überschaubar. Trigema etwa verkauft ein kompostierbares T-Shirt, Gessner essbare Flugzeugsitzbezüge, HeidelbergCement einen feinstaubbindenden Beton, Bau­fritz einen Bio-Dämmstoff aus Hobelspänen, Steelcase einen wiederverwertbaren Bürostuhl und Schwan-Stabilo einen Filzstift komplett aus recycelten Materialien.

Braungart und sein amerikanischer Mitstreiter skizzieren eine Zukunft, in der alle Materialströme miteinander vernetzt sind und in der der Abfall des einen zum Rohstoff des anderen wird. In einer Welt des ewigen Kreislaufs, sagen sie, können Menschen ihrem Konsumhunger so oft nachgeben, wie sie wollen. Wachstum sei nicht schlecht. Es komme eben nur darauf an, was wachse.

Das klingt nach einer seltsamen Sicht auf den Fortschritt. Wer jedoch Braungart einmal ein, zwei Stunden lang zugehört hat, fängt plötzlich wirklich an zu glauben, dass „Cradle to Cradle“ eine neue industrielle Revolution auslösen könnte. Vor allem die US-Amerikaner lieben seine Philosophie, denn sie liefert einen fertigen Weltrettungsplan. Wann immer aber eine Idee das Potenzial zum Hype hat, stellt sich Skepsis ein. Die vertieft sich, wenn man weiß, dass Unternehmen, die das „Cradle to Cradle“-Zertifikat erhalten wollen, die Beraterfirmen Braungarts anheuern müssen. Und auch Zertifikate und deren Wahrheit können nicht die komplexen Probleme unserer Welt allein lösen.

Dass Kreisläufe vielleicht nicht die Welt retten, aber doch ein bisschen besser machen können, zeigt der Zirkel, an dem Sabine Werth seit 20 Jahren dreht: einer für Lebensmittel. 1993 war die Sozialpädagogin und Inhaberin einer Pflegefirma auf den New Yorker Essensdienst „City Harvest“ gestoßen – und machte es zu Hause in Berlin nach: Mit ihrem Geländewagen klapperte sie Obst- und Gemüsehändler ab, sammelte ein, sortierte aus und was noch essbar war, brachte sie zu den Obdachlosenküchen der Hauptstadt. „Mit der Berliner Tafel ist so nach und nach ein Kreislauf entstanden“, sagt sie, „zwischen denen, die zu viel, und denen, die zu wenig haben.“ Indem sie den Wertstoff Nahrung zirkulieren lässt, hat Sabine Werth auch einen gesellschaftlichen Kreislauf geschaffen.

Soll man sich freuen, dass es inzwischen überall in Deutschland so viele davon gibt? Oder soll man traurig sein, weil so viele nötig sind? Sind sie noch immer eine Notlösung? Oder haben wir uns mit den Tafeln auch an einen erodierten Wohlfahrtsstaat gewöhnt? Ist die Spendierfreude der großen Handels­konzerne gutgemeinte Hilfe oder senkt sie nur die Kosten für die Lebensmittelentsorgung? Geht es den Tafeln noch um die Essens­verteilung zum Nulltarif? Oder sind sie selbst zu kleinen Sozialkonzernen geworden? Man muss sich darüber nicht moralisch erheben. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Fest dagegen steht: Die Deutschen verbrauchen längst nicht mehr, was sie kaufen. Jedes Jahr werfen sie 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Abfall. Der Verstand nennt das Verschwendung, das ökonomische Kalkül nennt das Wachstum. So hat auch Werths Kreislauf immer mehr zugenommen. 1993 war er die erste Tafel Deutschlands. Heute ist er die größte. Anfangs belieferte er nur Obdachlosenheime. Inzwischen sorgen täglich um die 100 Helfer dafür, dass jeden Monat 650 Tonnen überschüssige Lebensmittel von kleinen Läden und großen Supermärkten stadtweit über mehr als 300 soziale Einrichtungen an fast 125.000 Menschen verteilt werden.

Seit einiger Zeit arbeitet Sabine Werth daran, eine weitere Lücke im Berliner Tafel-Kreislauf zu schließen. Die Lücke, die fast 350 Tonnen faules Obst und schimmeliges Gemüse jeden Monat reißen, die die Sortierer in ihrer Lagerhalle auf dem Großmarkt im Norden der Stadt heraussuchen und wegwerfen müssen. „Daraus könnten wir mit einer entsprechenden Anlage Biogas machen und damit unsere Transporter betanken“, sagt Sabine Werth. Eine Lücke, die wohl vorerst bleiben wird. Denn das Stück, um den Kreislauf zu schließen, würde 2,5 Milli­onen Euro kosten.

Vom Berliner Großmarkt in der Beusselstraße bis zur Malzfabrik in der Bessemerstraße sind es Luftlinie gut zehn Kilometer. Wären es weniger, könnten Sabine Werth und Christian Echternacht ihre beiden Kreisläufe verknüpfen. Denn auch die Stadtfarm-Verkäufer von ECF träumen von einer Biogas-Anlage. „Mit den Abfallprodukten von Fischen und Pflanzen könnten wir so einen Teil der Energie erzeugen, die unsere Farm zum Funktionieren braucht“, sagt Christian Echternacht.

Doch für solche Träume ist die Aquaponik-Anlage in der Tempelhofer Malzfabrik noch zu klein. Dafür braucht es mehr organisches Material, mehr Fläche, mehr Umsatz. Die jetzige Farm ist aber auch nur die Bonsai-Ausgabe von dem, was dem urbanen Bauern eigentlich vorschwebt: Auf einer Brache mitten in Berlin, unweit des weiß gestrichenen Containers, will er bald eine professionelle Fisch- und Pflanzenfarm aufbauen, die tausende Fische und 35 Tonnen Gemüse im Jahr erzeugt. „In dem Maßstab kann das Gewinn abwerfen“, sagt Echternacht. Die Idee mit dem Kreislauf, so scheint es, funktioniert.

TEXT Max Gehry | FOTOS Barbara Dietl