Wurzelbehandlung

Seit fünf Jahren unterstützt die „Trenntstadt Berlin“ Menschen und Initiativen dabei, mit kleinen Schritten große Probleme zu lösen. In unserer Titelgeschichte zeigen wir Beispiele und erklären, wo Teilhabe anfängt: an der Wurzel.

Da steht er also, der Mensch, wie ein Grashalm im Wind. An ihm ziehen die Notwendigkeiten des Lebens, er wird erschüttert von Existenzängsten, umhergeworfen von Fragen der Zukunft, berieselt von schlechten Nachrichten, umgepflügt vom Zweifel, ob die Welt ein guter Ort ist. Ein Grashalm allein ist ein einsames Etwas. Erst wenn er mit anderen ein Büschel bildet, wird er widerständiger und kann sich wehren gegen das, was da so alles auf ihn eindrischt.

In diesem Text soll es um Menschen gehen, die so gesehen Büschel bilden. Menschen, die sich mit anderen zusammenschließen, um etwas zu verändern: sozial, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Die sich nicht damit zufriedengeben, dass die Welt nicht gut genug ist oder sogar schlecht, sondern aus dem, was sie vorfinden, etwas Besseres machen wollen. Wie wohl wir alle fragen sie sich, wie diese Gesellschaft eine andere werden kann. Und wenn sie eine Antwort darauf gefunden haben, dann fangen sie einfach an. Wir nennen sie Graswurzelaktivisten, weil sie im Kleinen etwas Großes bewirken wollen.

„Graswurzel“ – ein Wort, auf das man außerhalb von Botanik-Büchern selten stößt. Es ist ein alter politischer Begriff, geboren im Jahr 1912, dem Jahr, in dem die Titanic auf ihrem Weg in die Neue Welt sinkt. Dort drüben, in den Vereinigten Staaten, droht im selben Jahr noch ein anderer Koloss zu sinken und in der politischen Unwichtigkeit zu verschwinden: der frühere US-Präsident Theodore Roosevelt. Weil er sauer ist, dass seine Republi-kanische Partei zur anstehenden Präsidentschaftswahl nicht wieder ihn als Spitzenkandidaten auserkoren hat, sondern mit dem Amtsinhaber William H. Taft antreten will, gründet er seine eigene Partei, die Progressive Party, und schwört seine Anhänger auf ein neues, großes Gemeinschaftsgefühl ein. Einer seiner Unterstützer heißt Albert J. Beveridge. Der ehemalige Senator gilt als brillanter Redner und auf dem Parteitag, bei dem sich Roosevelt nominieren lässt, peitscht Beveridge den 2.000 begeisterten Delegierten ein, man sei eben keine etablierte Partei, sondern komme von unten, gewachsen aus den Bedürfnissen der Menschen, neu und fortschrittlich – eben eine Graswurzelpartei.

Das ist bei einer Partei, die ein Ex-Präsident gründet, um wieder an die Macht zu kommen, natürlich reine Politrhetorik. Wenn etwas graswurzelt, dann von unten nach oben – nicht umgekehrt. Beveridges Satz war eine dreiste Behauptung. Er hat den Begriff Graswurzel eingeführt, aber dabei gleichzeitig schon missbraucht. Und dennoch: Wenn wir heute von Graswurzelbewegungen reden, dann wegen ihm. Er hat das Wort in die Welt gebracht und bei Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern und Aktivisten wurde es schnell zur gängigen Vokabel, wenn es um politische oder gesellschaftliche Initiativen geht, die aus der Basis der Bevölkerung entstehen.

Es mag belanglos scheinen, dass der Ausdruck seine Karriere in den USA begann. Ist es aber nicht. Denn Beveridges Zu­hörern kam beim Wort „Graswurzel“ (im Englischen: „grass roots“) nicht etwa ein scherengestutzer Rasen in den Sinn. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass sie die Landschaften des Mittleren Westens vor Augen hatten. Präriegras kann hoch wachsen, vor allem aber wächst es tief. Bis zu zehn Meter reichen die Wurzeln in den Boden. Dieses Bild vom Tiefverwurzeltsein hat den Begriff so populär gemacht. Heute steht er als Synonym für alle Bewegungen, die sich an der Basis engagieren. Und das kann sehr unterschiedlich aussehen.

Allen Initiativen gemeinsam ist ein gefühlter Widerspruch zwischen dem „Was ist“ und dem „Wie es sein könnte“, zwischen dem „Jetzt“ und einem „Noch nicht“. Es ist die Unzufriedenheit mit den gegebenen Umständen und die Hoffnung darauf, dass es bessere Alternativen gibt. Dieser Optimismus kann ein großartiger Impuls dafür werden, dass sich tatsächlich etwas ändert. Den gängigen Pessimismus entlarven Graswurzelaktivisten letztlich als nichts anderes als bloße Faulheit zu denken und vor allem: zu handeln. Sie suchen nicht nur nach Fehlern im Bestehenden, sondern danach, wie sie eine positive Entwicklung anstoßen und weiter vorantreiben können. Jede Gesellschaft braucht Graswurzelbewegungen. Kleine Schritte, die zusammengenommen viel bewegen können.

In Deutschland haben sich solche Bewegungen vor allem in den 1980er-Jahren ausgebreitet. Die 1970er-Jahre waren ein Jahrzehnt der Wirtschaftskrisen gewesen. Der erste Ölschock 1973 und der zweite 1979 hatten den Fortschrittsoptimismus der Nachkriegsjahrzehnte gebrochen. Auf einmal wurde klar: Das Wachstum hat Grenzen. Auf das folgende Phlegma der damaligen bundesrepublikanischen Regierung reagierte eine bunte und bewegte Gegen­kultur. Die Friedens-, die Umwelt- und die Frauenbewegung mischten die Politik auf, hatten großen Zulauf und veränderten die Gesellschaft. In Gestalt der Grünen-Partei zog ein Teil dieser neuen Bewegungen 1983 in den Bundestag ein. Es war eine Zeit der Politisierung der Bürgerschaft, die Radikales forderte.

Graswurzelinitiativen kommen nicht nur von unten, sie gehen auch an die Wurzel. Graswurzelaktivisten sind Wurzelbehandler. Wurzel heißt auf Lateinisch „radix“. Wer sich die Wurzel vornimmt, ist also radikal. Ein Radikaler ist jemand, der von Grund auf neu denkt. Der Weg über die Wurzel führt in einen neuen, anderen Zustand.

Der Glaube an eine Welt, die von unten wächst, ist auch der Glaube an  eine Machtverschiebung, die dem Einzelnen einen Einfluss gibt, den er zuvor nicht hatte. Wer etwas ändern will, ändert jedoch nichts, wenn er sich jeden ersten Mittwochabend im Monat mit Gleichgesinnten im ausgebauten Hobbykeller zu hitzigen Diskussionen trifft. Die unaufhaltsame Entwicklung der Menschheit liegt in ihrer Fähigkeit zur Vernetzung. Nur so können Ideen aufeinandertreffen und sich verknüpfen, sich Kräfte bündeln, vervielfachen, optimieren. Aus den Einzelnen muss ein Wir werden. Es reicht nicht, wenn alle wissen, dass etwas getan werden muss; sie müssen es dann auch gemeinsam tun.

Nur für Pessimisten klingt das nach Träumerei. Graswurzelaktivismus ist harte Arbeit. Deswegen sind Graswurzelbewegungen auch so empfindlich. Ihr größtes Problem: Sie gehen schnell wieder ein. „Oft geht den Machern über kurz oder lang die Puste aus“, sagt die Wissenschaftlerin Nina Langen von der Universität Bonn. Es reicht nicht, wenn man nur fulminant startet. Sähe man sich die Arbeit von Graswurzelinitiativen nach einiger Zeit in einer Art Diagramm an, würde sich bei den meisten die berüchtigte Sägekurve zeigen: Steil nach oben, dann in winzigen Zähnchen nach rechts weg – weitere Sprünge finden nicht mehr statt. Weil Nina Langen wissen wollte, wie sich das verhindern lässt, hat sie Gründer von Ini­tia­tiven über deren Motivation befragt. „Denn“, sagt sie, „wer versteht, was Menschen antreibt, sich zu engagieren, der kann sinnvolle Initiativen zielgerichtet fördern.“

Einer von Langens wichtigsten Befunden (siehe Interview auf Seite 36): Für Graswurzelinitiativen gilt, was Hobbygärtner in jedem Baumarkt als Tipp für ihren Rasen bekommen, wenn sie darüber klagen, dass die Halme langsam ihre Farbe verlieren, kaum noch wachsen, immer mehr aus­dünnen. „So wie viele Rasenflächen unter Nährstoffmangel leiden, brauchen die meisten Graswurzelinitiativen Dünger“, so Langen. Nur dass da natürlich kein Cocktail aus Stickstoff, Phosphor und Kalium hilft. „Der Nährstoff, der am besten wirkt, heißt Anerkennung.“

Damit die unten ankommt, braucht es manchmal ein bisschen Hilfe von oben. Die Berliner Stadtreinigung hat zusammen mit ihren Partnern Alba, Berlin Recycling und Stiftung Naturschutz Berlin die Initiative Trenntstadt Berlin ins Leben gerufen. Deren Förderfonds Trenntstadt Berlin unterstützt originelle und innovative Ideen zum Thema Müllvermeidung, Mülltrennung, Müllverwertung.
Außer an große Verbände schickt er seinen ideellen und finanziellen Nährstoff auch an kleine, lokale Graswurzelinitiativen. Er spürt diese Leute auf, gibt Inspi­ration, neue Perspektiven. Hilft Menschen, das zu tun, was sie für richtig halten. Und stößt auf diese Weise Veränderungen an.

Fast drei Millionen Euro flossen in den vergangenen fünf Jahren in mehr als 80 Vorhaben. Ein paar davon stellen wir auf den kommenden Seiten vor: Wir haben eine 15-Jährige gefragt, warum sie in Berliner Grundschulen geht und Erstklässler dazu motiviert, von Mama und Papa
zu fordern, nur noch Recyclingpapier zu kaufen. Eine Regisseurin erzählt, wie sie durch Müllberge gestapft ist, um ein Theaterstück für Kinder auf die Bühne zu bringen. Wir haben einen Mann getroffen, der türkische Supermärkte in Berlin abklappert, weil er die Plastiktütenflut stoppen will. Und einen Künstler in seinem Atelier besucht, der aus Plastik Plastiken macht. Wir wollten von einem Abfallberater wissen, wieso er anderen Menschen erst in den Abfalleimer schaut und dort erkennt, wie sie Geld sparen könnten. Und mit einem Umweltschützer haben wir uns gestritten, warum wir keinen Kaffee mehr aus Pappbechern trinken sollen.

Text Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme