Weniger ist YEAH!

Immer mehr Menschen in Deutschland fragen sich, wie viel sie wirklich zum Leben brauchen. Kaufe ich zu viele Klamotten ein? Esse ich zu viel Fleisch? Vermülle ich unseren Planeten mit Plastik? Eine Gruppe von 15 Berlinern hat 2014 das Projekt „Mein Jahr ohne“ gestartet, in dem jeder auf etwas verzichten sollte, das vorher ein wichtiger Bestandteil des Lebens war.
Im TrenntMagazin erzählen drei der Experimentierfreunde,
wie es ihnen ergangen ist, was sie am meisten vermisst haben und wie es jetzt weitergeht.

Jens Hilgenberg hat sich ein Jahr lang ohne Plastikbeutel durchgeschlagen – und wäre fast an den Mülltüten gescheitert.

Jens Hilgenberg hat sich ein Jahr lang ohne Plastikbeutel durchgeschlagen – und wäre fast an den Mülltüten gescheitert.Ich hatte eine ganze Schublade voll. Und diese quoll schon so langsam über: Tüten jeglicher Größe, Dicke, Farbe. Die meisten davon waren sehr dünne Tüten vom Einkauf auf dem Wochenmarkt, auf den ich eigentlich gegangen war, um Verpackungsmaterial einzusparen. Das musste ein Ende haben. Ich nahm es mir also vor, eine Jahr ohne zu leben: ohne Plastikeinkaufstüte, ohne Gefrierbeutel, ohne Mülltüten. Gekauft hatte ich mir ohnehin schon seit Jahren keine Tüten mehr, einzig etwa eine Rolle Gefrierbeutel pro Jahr. Jetzt lehnte ich aber darüber hinaus alle kostenlosen Tüten ebenfalls ab und ließ die schon vorhandenen Tüten dort, wo sie waren, in ihrer Schublade.

Im Bereich des täglichen und gelegentlichen Konsums war dies überhaupt kein Problem. Ein, zwei oder drei Baumwolltaschen gehörten zu meinen ständigen Begleitern. Kleinere Papiertüten, beispielsweise vom Brötchenkauf, wurden aufgehoben und wieder verwendet. Ein Problem hatte ich allerdings: Ohne die dünnen Plastiktüten vom Markt hatte ich auch keine Mülltüten mehr. Wie sollte ich das kompensieren? Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen erwiesen sich die kostenlosen Zeitungen als Lösung des Problems, die trotz des „Bitte keine Werbung“-Aufklebers in meinem Briefkasten landeten. Der Mülleimer wurde (und wird noch immer) damit ausgekleidet und je nach Abfallzusammensetzung eben einmal öfter zur Mülltonne gebracht und öfter mal gereinigt. Das habe ich mir wirklich schlimmer vorgestellt. Auch die Reaktionen der Verkäufer und Verkäuferinnen waren durchweg positiv. Natürlich gab es Situationen, in denen ich doch gegen mein Gelübde verstoßen habe. Einmal, als es den ersten Spargel gab und ich unbedingt welchen wollte, aber keine andere Transportmöglichkeit für die nassen Stangen hatte. Und einmal in Warschau, als meine Verzichtserklärung schlichtweg an meinen äußerst rudimentären polnischen Sprachkenntnissen scheiterte. Alles in allem kann ich aber sagen: Aus meinem Jahr ohne könnte ein Leben ohne werden. Versuchen werde ich es zumindest!

Sarah Häuser hat sich ein Jahr lang keine neuen Klamotten gekauft – und ihren Kleiderwunsch stattdessen mit Tauschen erfüllt.

Sarah Häuser hat sich ein Jahr lang keine neuen Klamotten gekauft – und ihren Kleiderwunsch stattdessen mit Tauschen erfüllt.Ein paar Situationen gab es schon, in denen ich mir 2014 gewünscht hätte, shoppen gehen zu dürfen: eine Dienstreise nach Vilnius, bei der mir bewusst wurde, dass es ein wesentlicher Bestandteil meiner bisherigen Städtetrips war, durch die Geschäfte zu bummeln. Oder nach dem gut gelaufenen Bewerbungsgespräch für meinen neuen Job, für das ich mich gerne mit einem neuen Teil belohnt hätte. In den letzten Monaten des Jahres habe ich mich in schwachen Momenten auch ziemlich unschick gefühlt. Aber wenn ich jetzt zurückschaue, muss ich sagen: Alles in allem, mein Jahr ohne neue Klamotten ging rum wie im Flug.

Gründe, mal etwas kürzerzutreten, gab es genug: ein voller Kleiderschrank, das Bewusstsein, dass unser Kaufwahn auf Kosten von Menschen und Umwelt geht, und auch die Heraus-forderung, ob ich das schaffe, ein ganzes Jahr stark zu bleiben. Schließlich geht es beim Shoppen meist nicht darum, dass man wirklich etwas Neues braucht. Es ist häufig nur eine Ersatzbefriedigung, wie beim Frustshoppen. Eine Illusion, dass das Leben in genau diesem Kleid aufregender, glamouröser, besser wird. Oder eine Freizeitbeschäftigung. Oder der Wunsch, sich für etwas zu belohnen, das gut geklappt hat. Nur leider hält das Glücksgefühl meist nicht lange an und ein neues Objekt der Begierde muss her. Ein Teufelskreis, der durch Kleider zum Spottpreis noch befeuert wird.

Und jetzt? Bin ich geheilt von jeglichem Konsumwahn? Na ja, nicht ganz. Ich habe mich schon darauf gefreut, im Januar das Klamottenfasten zu brechen, und mir auch das eine oder andere Teil gekauft. Aber alles in allem bin ich viel wählerischer geworden. Ich kaufe nur noch, was mir wirklich gut gefällt. Ich halte Ausschau nach fair und ökologisch produzierten Klamotten und nach schönen Secondhand-Teilen. Gerne beibehalten will ich das Kleidertauschen – die einzige Möglichkeit für mich 2014, an ein neues Teil zu kommen. Eins meiner persönlichen „Mein Jahr ohne“-Highlights war deshalb auch die Kleidertauschparty, die die Kampagne für Saubere Kleidung als Protestaktion zur Eröffnung der neuen Primark-Filiale am Alexanderplatz organisierte: Die Schlange der Tauschwütigen war viel länger als die der Fast-Fashion-Victims!

Nikolai Miron verzichtete ein Jahr lang auf industriell produziertes Fleisch, um gute von bösen Schnitzeln unterscheiden zu lernen.

Nikolai Miron verzichtete ein Jahr lang auf industriell produziertes Fleisch, um gute von bösen Schnitzeln unterscheiden zu lernen. Ich esse gerne Fleisch. Trotzdem, oder gerade deshalb, habe ich mich dazu entschieden, ein Jahr weitgehend auf Fleisch zu verzichten. Weitgehend? Für meine vegetarisch lebenden Freunde hat sich diese Ankündigung vor einem Jahr sehr halbherzig angehört. Warum nicht gleich ganz auf Fleisch verzichten?
Ich wollte herausfinden, ob es möglich ist, mit gutem Gewissen Fleisch zu essen. Ich machte mich also auf die Suche nach dem ökologisch und sozial korrekten Fleisch. Doch was soll das eigentlich sein und wie würde ich es erkennen, wenn es auf meinem Teller liegt? Ich kann verraten: Auch nach einem Jahr im Selbstversuch konnte ich diese Frage nicht abschließend beantworten.

Wieso überhaupt auf Fleisch verzichten? Klar, da geht es um Tierwohl und fragwürdige bis unhaltbare Zustände auf Bauern-höfen, für die „Tierfabriken“ der treffendere Begriff wäre. Da waren die zahlreichen Lebensmittelskandale der letzten Jahre und da war die Erkenntnis, dass mein Fleischkonsum verheerende soziale und ökologische Konsequenzen weltweit hat. Wie unter­scheide ich also das gute vom bösen Schnitzel? Ich klapperte also samstags Marktstände Brandenburger Bauern ab, recherchierte im Internet, lernte tolle, engagierte Landwirte kennen, besuchte Biobauernhöfe und kleine, versteckte Läden und wurde auch schließlich fündig. Ansonsten bin ich mit meinen hohen Ansprüchen im Alltag schnell an Grenzen gestoßen: Klar kann man im Restaurant fragen, woher das Fleisch kommt, ob es bio ist und welches Biosiegel es hat. Man kann es aber auch sein lassen – ich habe zumindest nach einigen ernüchternden Versuchen aufgehört zu fragen und gleich die vegetarische Alternative bestellt. Überraschend auch, dass selbst in Biosupermärkten das Personal nicht immer auskunftsfähig war. In mir reifte die Erkenntnis, dass es einfacher ist, gleich ganz vegetarisch zu leben, als den Mittelweg „Fleisch ja, aber…“ zu suchen. Denn darauf lief es auch bei mir hinaus: Am Ende habe ich mich weitgehend vegetarisch ernährt, weil es zu aufwändig ist und ich selten die Informationen bekam, die ich wollte. Gelohnt hat es sich in jedem Fall, denn ich kenne jetzt meine Läden und Marktstände, wo ich ohne schlechtes Gewissen einkaufen kann. Merke: Das beste Qualitätssiegel ist, Landwirt und Bauernhof zu kennen, von dem dein Fleisch kommt. Mein Einkaufstipp: „Meine kleine Farm“ in Neukölln.

ILLUSTRATION  Tidian Camara