Wir haben Genug!

Eine junge Avantgarde hat die Wegwerfgesellschaft satt. Sie tauscht, teilt, leiht – und
erfindet das Konsumieren neu.

Teilen ist frisch, urban, sauber und postmodernDer letzte Rest ist eine Offenbarung: Süßkartoffelkuchen und Orangenpolenta, Mango-Crumble und Schokokuchen mit Granatapfel stehen auf den blütenweißen Laken der Tafel im Betahaus, einem so genannten Co-Working-Space in Kreuzberg. Wo sich an Werktagen Kreative mit Laptops in Arbeitswaben setzen und Ideen, Gedanken und Arbeitskraft teilen, soll heute ein Austausch der anderen Art stattfinden: Leckereien gegen Bewusstsein. Sarah Mewes und Sandra Teitge sind schon ein paar Stunden hier und haben auf die Tische gepackt, was sie einige Tage vorher von verschiedenen Marktständen eingesammelt haben – ohne zu bezahlen. Sie holen von den Händlern, was nach einem Markttag übrig bleibt und als unverkäufliche Ware bestenfalls in die Biogut-Tonne der BSR wandern würde. Daraus zaubern sie Gerichte für eine ausgesuchte Tafelrunde und zeigen direkt auf dem Teller, dass in unserer Gesellschaft zu viel weggeworfen wird. „Es soll eher beiläufig der Gedanke einsickern, dass aus all den Leckereien eigentlich Kompost geworden wäre“, erklärt Sandra Teitge die Mission des Duos. „Dinner Exchange Berlin“ nennen sie ihre bewusstseinserweiternden Veranstaltungen. Wer einmal bei ihnen an der Tafel saß, merkt, dass es nicht um das geht, was weggeworfen wird, sondern das, was entsteht. Und meistens sind das intensive Gespräche, Begegnungen, Erlebnisse.

Die beiden jungen Frauen sind weder Köchinnen noch Aktivistinnen. Sahra Mewes, dichtes dunkles Haar, Strickkleid, Budapester-Schuhe, ist Finanzjournalistin in London. Sandra Teitge, blonder Dutt, enges Sakko, karamellfarbene Cordhosen, arbeitet als freie Kuratorin in Berlin. Sie beobachten, was in unserer Welt nicht stimmt, sie diskutieren es mit ihren Freunden – und sie wollen in der angenehmsten aller Formen ihren Teil dazu beitragen, dass sich etwas ändert.

Über die Hälfte aller Lebensmittel in Deutschland werden weggeschmissen. Viele davon wären eigentlich noch essbar, sind dem Kunden aber vermeintlich ästhetisch nicht zumutbar. Der Filmemacher Valentin Thurn zeigt in seinem Film „Taste the Waste“, wie auf deutschen Kartoffeläckern etwa 40 Prozent der Ernte liegen bleiben, weil die Kartoffeln für den Handel zu groß, zu klein oder zu knubbelig sind. Supermärkte sortieren ganze Paletten von Jogurts aus dem Regal, noch bevor das Haltbarkeitsdatum abläuft. Und Bäcker müssen ihr übrig gebliebenes Brot am Abend zum Heizen verwenden, weil ihre Kunden bis kurz vor Ladenschluss aus vollen Regalen auswählen wollen. Es ist eine perverse Verschwendung, die jeden Tag vor unseren Augen passiert. Und immer mehr junge Menschen möchten die nicht mehr mittragen.

An einem kalten Winterabend schwingt sich Clemens mit Rucksack und vielen leeren Plastiktüten auf ein rot umgestrichenes Postfahrrad. Zusammen mit vier Freunden will er zu mehreren Supermärkten aufbrechen. Als das erste, rote Firmenlogo einer Supermarktkette im Dunkel auftaucht, rollen die Jungs am Haupteingang vorbei bis zum Schild „Waren­annahme“. Dort stehen auch die Müllcontainer der Filiale in einem Metallverschlag. Clemens, der seinen Nachnamen nur an Klingelschildern erwähnt, rollt die grüne Tonne heraus, klappt den Deckel hoch und eine Geruchs-Peitsche aus Leben und Vergehen knallt heraus. Er verzieht keine Miene, stützt sich auf den Rand und lässt sich langsam nach vorn sinken. Matschige Mangos und erfrorene Gurken, Kaffeesatz, Blumenkohlgrün und Himbeerschalen schimmern am Grund. Routiniert überprüft Clemens, was davon noch essbar ist. Er ist ein Mülltaucher oder – wie es auf Englisch heißt – Dumpster-Diver. „Du findest alles da draußen“, sagt er. Nur in dieser Tonne ist nichts dabei. Die Gruppe räumt sie zurück in den Verschlag. Sie werden noch Besseres finden an diesem Abend. Dinge, die sie sich mit einem schmalen Studentenbudget nie leisten könnten. Das wissen sie aus Erfahrung.

„Es ist ganz unterschiedlich, wie die Angestellten des Supermarktes auf uns reagieren“, sagt er. „Die wissen, was wir machen. Manche vertreiben uns und manche stellen die Sachen extra so ab, dass wir einfach da rankommen.“ Mittlerweile komme er gar nicht mehr auf die Idee, sein Essen normal im Laden einzukaufen, seit er weiß, wie viel davon nahezu unversehrt in der Tonne landet.

WohnenClemens und seine Freunde öffnen die Rucksäcke und sortieren ihre Fundstücke: Brot und Brötchen in die Kiste auf das Postfahrrad, Gemüse in den Ikea-Beutel, Sahnebecher in die Tüten. Daraus werden sie heute Abend einen Eintopf kochen, alle zusammen. Denn Clemens hat zusammen mit seiner Freundin Elisabeth seine Wohnung in Friedrichshain zur „nomad base“ erklärt, also einem Basislager für all die globalen Nomaden, die sich mit dem Daumen im Wind durch die Welt bewegen. Über Internetplattformen wie Couchsurfing oder BeWelcome finden Menschen aus aller Welt bei ihm einen Platz zum Schlafen. Das Wohnzimmer sieht auch so aus: Es ist ein buntes Durcheinander von Matratzen, Schlafsäcken und Kissen. Ein Australier, ein Franzose, ein Pole und eine Deutsche sitzen dort zusammen, erzählen von ihren Reisen ohne Geld und jubeln, als Clemens die Gebäckkiste hereinträgt. Alles, was in diesen Wänden steckt, wird geteilt: Essen, Schlafplätze, Erlebnisse. Einfach nur etwas zu besitzen, ist hier nichts wert.

Clemens und die Frauen vom Dinner Exchange sind keine seltenen Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern die Pioniere eines Umdenkens. Über das Internet tauschen immer mehr Menschen ihr Essen, ihre Bücher, ihre Fahrzeuge, ihre Klamotten, ihre Wohnungen, ihre Werkzeuge, ihre Zeit. Die Illustrationen rund um diesen Text zeigen einen Ausschnitt aus der ständig wachsenden Welt des privaten Tauschens und Teilens. Dabei fällt auf: Im Grunde lässt sich fast alles teilen. In Tauschringen oder ihren digitalen Entsprechungen wie Exchange-me.de bieten Privatleute Dienstleistungen an, sammeln dafür Punkte statt Geld und können sich damit die Hilfe oder Sachen anderer „einkaufen“. Haareschneiden gegen Bürostuhl, Babysitten gegen Klavierunterricht – alles ist denkbar. Über Couchsurfing und Hospitality Club hopsen schon seit Jahren Rucksackreisende aus aller Welt kostenlos auf die Sofas fremder Menschen. Jetzt lassen sich auch ganze Apartments über Haustauschferien.com privat tauschen – oder gegen Geld über Airbnb oder Wimdu teilen.

Wie erfolgreich das Prinzip des Teilens ist, lässt sich besonders gut im Bereich der Mobilität ablesen. Das Auto gilt besonders im Technikland Deutschland als heiliges Statussymbol. Über das Auto konnte der Deutsche kommunizieren, wer er ist oder sein möchte. Doch irgendetwas muss passiert sein, dass in den Großstädten die Zahl derer, die sich lieber mit anderen ein Auto teilen oder bei Autoteilbörsen einsteigen, beständig steigt. Privat­leute teilen ihr Auto mit den Nachbarn, die Deutsche Bahn bestückt flächendeckend das Land mit einer eigenen Carsharing-Flotte. Selbst Automobilhersteller wie BMW mit Drive­Now und Daimler mit Car2go testen, ob gemeinsames Fahren die Zukunft des Verkehrs ist.

Der englische Times-Journalist John Naish erklärt in seinem Buch „Genug – Wie wir dem Überfluss entkommen“, dass unsere westliche Gesellschaft in einem „Post-Mehr“ angekommen ist. „Es ist der Punkt, an dem die Kurve der Befriedigung abfällt, die aus mehr Besitz, mehr Sein oder mehr Tun resultiert“, schreibt er. Warum also nach mehr Materiellem streben, wenn das Glücksgefühl ausbleibt? Die Zeiten, in denen laut einer Studie des Boston College ein durchschnittlicher Konsument alle fünfeinhalb Tage ein neues Kleidungsstück erwirbt, könnten bald vorbei sein. Selbst für Klamottenliebhaber.

FahrenTrendela Braun wühlt. Auf einem Holztisch türmen sich aussortierte Tops, T-Shirts und Pullover. Ständig ziehen andere Mitwühlerinnen Teile herunter oder legen neue dazu. Die 30-Jährige ist auf einer Kleidertauschparty in einem Leipziger Wächterhaus. Es läuft elektronische Musik, frischer Kuchen duftet vom Tresen, es wird gegrabbelt, übergestülpt, eingesackt. Bei Klamottentauschpartys – die man übrigens auch auf Portalen wie Klamottentausch.net findet – kann jeder seine abgeliebten Schrankschätze mitbringen, statt sie in einem anonymen Altkleidersack zu versenken, und dafür so viel mitnehmen, wie passt und gefällt. „Ich habe den Jagdtrieb des Shoppings auf den Klamottentausch verlagert“, sagt Trendela Braun. Besonders über die Internetseite Kleiderkreisel ersteht sie mittlerweile einen Großteil ihrer Garderobe. „Aber man darf den Aufwand nicht unterschätzen. Bis man jemanden findet, der bereit ist, seinen Schal gegen einen Rock zu tauschen, muss man viele E-Mails schreiben.“

Auf der Tauschparty hat Braun einen türkis-weißen Herrenpullover aus dem Haufen gezogen. Ihre Finger fahren über die Bündchen. „Die kann ich gut für Kinderhosen gebrauchen“, sagt sie und lacht. Denn die Mutter einer dreijährigen Tochter verlängert nicht immer nur das Leben eines Kleidungsstücks am eigenen Körper, sondern schenkt ihnen auch ein neues. Aus Männerhemden schneidert sie luftige Sommerhosen für Kinder, aus Kittelschürzen werden Kleidchen oder Kaschmirpullover werden bequeme Haremshosen. Die Kreationen verkauft sie über ihren DaWanda-Shop „FrohLocke“. „Als ich angefangen habe, wusste ich nicht, dass es dafür den Begriff Upcycling gibt“, sagt sie. „Und es ist vielleicht nicht die ökonomischste Art zu nähen, weil man keine großen Stückzahlen produzieren kann. Aber mit jedem Kleidungsstück habe ich neue Muster, neue Schnitte und neues Material. Das regt die Fantasie an.“

DingeUnd es schont die Ressourcen. Studien zeigen, dass die Menschheit allein seit 1980 ein Drittel der Ressourcen unseres Planeten ausgebeutet hat. Öl, Gas, Kohle, Wälder, Minerale. Der Autor Richard Heinberg spricht von einem „peak everything“. Wir hätten von allem bereits den Höhepunkt der Ausbeutung überschritten. Das 21. Jahrhundert sei ein Zeitalter des Schrumpfens, in dem wir unser Verhalten radikal ändern müssten: vom Exzess zur Bescheidenheit.

„Ich bin ein Konsummuffel“, gesteht der 30-jährige Nikolai Wolfert. Er sitzt mit seinem lilafarbenen Kapuzenpullover zwischen Vitrinen voller Geschirr, Töpfe, Gläser, Kinderholzspielzeug, Gesellschaftsspiele, Werkzeuge und Computerboxen. Vor ihm auf dem Tisch liegt sein derzeitiges Lieblingsbuch „Was braucht der Mensch?“. Der Techniksoziologe macht sich über diese Frage  viele Gedanken und ist überzeugt, dass wir jedenfalls nicht ständig neue Produkte brauchen. Deswegen hat er den ersten Leihladen Deutschlands gegründet. Das Konzept: Ein Mitglied bringt zum Beispiel einen Topf in den Laden ein und darf sich dafür beispielsweise eine Pfanne ausleihen. Die muss aber zurückgebracht werden, denn jede eingebrachte Ware wird vergesellschaftet. Anders als bei Umsonstläden: Dort werden zwar auch aussortierte Waren – meistens ohne Gegenwert – weitergegeben. „Aber die Gegenstände wechseln dann ja nur den Besitzer“, erklärt Wolfert. „Und bedienen damit weiterhin die alten Kategorien meins und deins.“ Und genau das will Wolfert aufbrechen. Als Inspiration dienten ihm Bibliotheken und Carsharing. „Ich habe Leihen und Teilen als geeignete nachhaltige Prinzipien erkannt“, sagt er. Denn wenn wir mehr gemeinsam nutzen, muss weniger produziert werden. Und dann bringt er das Beispiel von der Bohrmaschine: Fast jeder hat eine, aber die meiste Zeit des Jahres liegt sie ungenutzt in der Werkzeugkiste. „Wenn sich zehn Leute eine Bohrmaschine teilen, müssen neun weniger produziert werden“, sagt er.

EssenIn der Diskussion um Tauschen und Teilen ist die Bohrmaschine so etwas wie der Kronzeuge der Idee. Laut der Studie „Nutzen statt Besitzen“ der Heinrich-Böll-Stiftung ist eine gewöhnliche
Bohrmaschine für etwa 300 Stunden Nutzung ausgelegt. Durchschnittlich werde sie aber nur 45 Stunden genutzt. Mit Teilen ließen sich also sechs weitere ersetzen, die sonst 255 Stunden im Keller liegen. „Es geht uns um die Löcher, nicht den Bohrer“, formuliert es Rachel Botsman. Sie ist die Vordenkerin der so genannten Shareconomy-Bewegung, die im gemeinschaftlichen Konsumieren das Wirtschaftsmodell der Zukunft sieht. In ihrem Buch „Was meins ist, ist deins“ behauptet Botsman, dass eine junge Generation, die mit dem Teilen digitaler Inhalte via Internet aufgewachsen ist, das Prinzip jetzt auch auf materielle Güter überträgt. Die „Generation We“, wie sie die unter 30-Jährigen nennt, hätte sich vom Materialismus des letzten Jahrhunderts gelöst – ohne dabei auf ein gutes Leben verzichten zu wollen.

„Besitz hat mich noch nie gekickt“, formuliert es Philipp Gloeckler. Der 29-Jährige sitzt in einem Café in Mitte, vor ihm ein Teeglas mit Filzband, ein iPhone-Kopfhörer und ein amerikanisches Marketing-Büchlein. Er sieht nicht direkt aus wie ein Konsumverweigerer mit seiner Truckermütze und der Rahmenbrille, zumal er direkt nach seinem BWL-Studium an einer privaten Business-School den Avocado Store gegründet hat – einen Online-Marktplatz für nachhaltige Produkte. Aber Gloeckler befindet sich gerade im Konsumstreik. Er hat sich für dieses Jahr vorgenommen, keine Konsumartikel zu kaufen, sondern die Sachen seiner Freunde mitzunutzen. Passenderweise hat er dafür eine App entwickelt, die das Leihen und Verleihen unter Freunden erleichtert: Whyown.it heißt das Netzwerk, in dem jeder auf seinem Profil angeben kann, was in seinem Schrank ungenutzt herumliegt: Bücher, DVDs, Sportgeräte, Werkzeuge. „Wir können ja sehen, was die Leute so alles hochladen, und die Bohrmaschine fehlt tatsächlich bei kaum einem Mann im Profil“, sagt er.

Die Idee kam dem Internetunternehmer bei einem dreiwöchigen Urlaub in Kapstadt. Als er sich dort am Strand ausstreckte, fragte er sich, wer seiner Bekannten in der Stadt wohl ein Surfboard hätte, das er sich ausleihen könnte. „Das Ziel ist es, frei zu sein und trotzdem alles zu haben, was man möchte.“ Am liebsten hätte er nur zwei Koffer, in die all sein Besitz passt. Die Domain 2koffer.de hat er sich schon 2010 gesichert.

„Alternative Besitz- und Konsumformen, die häufig noch von sozialen Medien unterstützt oder erst ermöglicht werden, stellen einen neuen wünschenswerten gesellschaftlichen Trend dar“, heißt es in der Studie „Deutschland teilt!“, die die Plattform Airbnb für private Zimmervermittlung in Auftrag gegeben hat. Mittlerweile lässt sich über das Internet tatsächlich fast alles tauschen, teilen, leihen oder verleihen: Wohnungen, Klamotten, Fahrräder, Autos, Werkzeug, Bücher, Geld, Versicherungen, Büros, Gärten, Parkplätze. Die Zahl der Tauschbörsen ist unübersichtlich, so viele Angebote gibt es mittlerweile im Netz. „Teilen ist frisch, urban, sauber, postmodern“, schreibt die New York Times. Und deswegen gerade für eine wachsende Zahl von jungen Menschen interessant.

„So wirklich neu ist die Idee vom Tauschen und Teilen ja eigentlich nicht“, gibt Philipp Gloeckler zu. Wohl in allen vorangegangenen Jahrhunderten haben sich Menschen immer über informelle Netzwerke geholfen. Aber der Unterschied zu damals ist, dass wir nicht teilen, weil wir zu wenig haben, sondern zu viel.

TEXT Clara Bergmann | FOTOS Silke Weinsheimer| Illustration Juliane Filep

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