Glück in Dosen

Der Blick aus dem Fenster ist versperrt, jetzt, wo sie den Müllberg haben. Sie sehen den hinteren Garten nicht mehr, das Haus der Nachbarn: alles weg.

Vor den Fensterscheiben von Peter Geyer und Andrea Parrish stapeln sich Plastiksäcke zu kleinen Gebirgen, weiße, schwarze, so hoch, dass kaum ein Son­nen­strahl mehr in die hinteren Zimmer dringt. Wenn es warm wird in Spokane, am Rande des Bundes­staats Washington, dann riecht es hier auch. Aber Andrea und Peter lieben diesen Müllberg. Er ist ihr Schatz, er hat sie berühmt gemacht, und die Welt, das finden sie, ein kleines bisschen besser.

Andrea Parrish, aufgewachsen in einer Kleinstadt, 25 Jahre alt, groß, füllig, freundlich, hatte noch nie viel für Konsum übrig. Sie macht die Dinge gern selbst, baut Gemüse an, vor ihrer Haustür zieht sie Kräuter. Sie näht, strickt. Getränke aus Dosen mag sie nicht besonders, zu viel Abfall, sagt sie, schlecht für „Mutter Erde“.

Amerika ist ein Land des Softdrinks, der Plastiktüte, des Weg­­werfens. Jedes Jahr produzieren Amerikaner 250 Millionen Tonnen Müll. Recycling ist vielen US-Bürgern eher fremd, Andrea Parrish stand mit ihrem Umweltbewusstsein lange ziemlich allein da.

Dann traf sie Peter Geyer. Sie saß in einer Bar und sah ihn, diesen kleinen Mann mit dem krausen Vollbart, dem Mittelscheitel in seinem langen Haar. Sie redeten bis in die Morgenstunden, sie stellten fest, dass sie ihre Vorliebe für mittelalterliche Feste teilten, aber auch für die Natur, fürs Selbermachen, für ein genügsames Leben, und Andrea verstand: Sie hatte jemanden gefunden, der die Welt mit ihren Augen sah.

Sie wurden bald ein Paar, zogen zusammen, in das kleine Haus im Stadtteil Hillyard. Sie belegten einen Handarbeitskurs, in den sie einmal die Woche gingen. Pflanzten Gemüse, kauften Bier in wiederbefüllbaren Kanistern, recycelten. Die paar Getränkedosen, die sie hatten, schmolzen sie im Vorgarten ein und machten daraus Kunstgegenstände. Ein einfaches Leben, das nah bei Mutter Erde war.

Sie waren glücklich, Andrea und Peter, im Oktober entschieden sie zu heiraten. Kurze Zeit später fing die Sache mit dem Müllberg an. 4.000 Dollar, so viel würde ihre Hochzeit kosten. Sie wollten nichts Großes, eine einfache Zeremonie, einen Ort mit Platz für 100 Freunde und die Familie. Ein Kleid. Aber 4.000 Dollar, das war viel Geld für Peter und Andrea. Sie dachten an einen Kredit, aber das Haus musste noch abbezahlt werden. Sie dachten daran, ihre Eltern zu fragen, aber auch die hatten nicht viel Geld. Andrea und Peter gewöhnten sich an den Gedanken, dass sie ihre Hochzeit verschieben müssen.

Dann aber, es war schon ein Uhr in der Nacht, hatte Andrea noch eine Idee: Sie hatten doch die Dosen in der Garage, die Peter für seine Kunst einschmelzen wollte. In Washington, das wusste Andrea, bekommt man rund einen Cent pro Dose, die man zum Recycling bringt. In Washington, das wusste Andrea auch, schmeißen die meisten Leute ihre Dosen einfach in den Müll. Was, wenn sie diesen Müll in Geld umwandeln könnten?

Sie setzten sich an den Tisch, in ihrem kleinen Haus, an dieser kleinen Straße im kleinen Städtchen Spokane, und fingen an zu rechnen. Sie würden 400.000 Dosen in sieben Monaten brauchen, das macht 57.143 Dosen im Monat, 14.286 die Woche und 2.041 Dosen am Tag. Andrea und Peter standen jetzt unter Druck.

Sie richteten eine Internetseite ein, weddingcans.com. Sie posteten die Idee auf Facebook, sie fragten Freunde, Nachbarn, Firmen nach ihren Dosen, sie fingen an zu twittern und organisierten Sammelstellen in der Stadt.
Die ersten Dosen kamen von ihren Trauzeugen, Cola-Dosen, Bier-Dosen, Red-Bull-Dosen, ein paar Tüten voll. Bald spendeten auch Nachbarn, die Bewohner eines Altenheims fingen an, für sie zu sammeln, die ersten Journalisten riefen an.

Der Berg vor ihrer Tür wuchs. Im Januar meldete sich eine Recyclingfirma: Man wolle 150.000 Dosen spenden, das macht 1.500 Dollar. Menschen aus ganz Amerika schickten jetzt Dosen. Ende Juni hatten sie es geschafft: 400.000 Dosen, 4.000 Dollar, genug für eine Hochzeit in Spokane.

Sie hätten ihr Ziel schneller erreichen können, in anderen Bundesstaaten bekommt man zehn Cent pro Dose. Aber der Weg dorthin wäre schlecht für ihre Öko-Bilanz, fanden Peter und Andrea. Der Müllberg wurde abgetragen und ins Recycling­zentrum gebracht. Es melden sich Menschen aus der ganzen Welt, die diese Idee kopieren wollen, Dosen sammeln, für Hochzeiten, Adoptionen. Einer sammelt für eine Lebertransplantation.

Am 31. Juli werden sich Peter Geyer und Andrea Parrish trauen lassen, in einem Kunstzentrum auf einem Hügel gelegen. Peter wird eine selbst genähte Weste tragen, die Blumendekoration hat die Schwägerin gepflanzt. Das Buffet wird mit Gemüse aus dem Garten zubereitet werden, und die Gäste, das ist der Traum, essen von kompostierbaren Tellern.

TEXT Dialika Krahe | ILLUSTRATION Alexandra Klobouk