Ufo in der Lücke

Das Pop-up-Restaurant „Lücke“ in Weimar besetzt gleich zwei Nischen: eine bauliche und eine kulinarische. Das Häuschen ist aus Bauresten zusammengezimmert, und auf den Tisch kommt, was an Zutaten gerade so da ist. Ein Muster an Nachhaltigkeit.

Der Chef steht hinterm Tresen und schnippelt Möhren. Die hat der Händler erst vor zwei Stunden gebracht und damit den Speiseplan an diesem Sommerabend in der „Lücke“ bestimmt: Möhrenrisotto. Es ist kurz vor 18 Uhr, die ersten Gäste des Restaurants trudeln ein. Hannes Schmidt gibt das Gemüse in aller Ruhe in einen riesigen silbernen Topf und rührt. Nicht nur die Speisekarte, alles in dem kleinen Lokal funktioniert nach dem gleichen Prinzip: „Wir nehmen das, was da ist, und machen das Beste draus“, sagt der 29-Jährige.

Seinen Gästen serviert Schmidt Lebensmittel aus der Region. Die knapp acht Meter lange Tafel, an der sie sitzen, ist aus einem Bauzaun gefertigt, genau wie die lange Hängelampe an der Decke. Das Holz für die Fassade stammt von einer Scheune im Nachbardorf, die Fenster wurden in Abrisshäusern zusammengesammelt, und die Fußböden kommen aus aussortierten Lkw.

Und so stand plötzlich dieses zusammengezimmerte Häuschen da, eingequetscht zwischen zwei Betongebäuden mitten in der Weimarer Innenstadt. Wie ein Ufo, das hier aus Versehen gelandet ist. Im Baum daneben quietscht ein selbstgebautes Leuchtschild an einer Metallkette, auf dem „Lücke“ steht – der Standort und zugleich der Name des Restaurants. Die Wände sind verglast, die Türen stehen offen, überall kann man hineingucken, auch in die Küche. Das macht viele Vorbeilaufende neugierig.

Die lange Tafel im Innenraum füllt sich schnell, auch die Plätze draußen an den großen Gartentischen aus Europaletten sind schnell belegt. Dazwischen stehen Hochbeete mit Kräutern, die direkt auf den Tellern landen. Die Gerichte sind einfach, bio und trotzdem besonders: Es gibt Quiche mit Spargel, Zitronentarte, selbstgemachte Limonade, Spinatklöße oder Schmorbraten. Dazu viel Holz, viel Grün. Romantik schwebt in der Luft – für ein Dinner zu zweit ist trotzdem kein Platz. Zweiertische gibt es nicht.

„Wir wollten einen Ort, an dem man zusammen sitzt und zusammen isst und nicht jeder für sich allein“, sagt Hannes Schmidt. Er ist hier Chef, Koch, Bauherr und Erfinder: Das Res­taurant ist als Abschlussprojekt seines gerade beendeten Architekturstudiums entstanden. Er hat sich alles genau überlegt: Er will aus Altem Neues machen und das möglichst in Gemeinschaft. Nur deshalb funktioniert sein Projekt auch. Weil viele mitmachen, einfach so – auch wenn die Arbeit sehr anstrengend ist.

Susann Paduch, die an diesem Abend kellnert, studiert noch, wie Schmidt bis zuletzt auch, an der Bauhaus-Universität, sie hat die Lampen und Tischböcke entworfen. Dafür hat sie Schweißen gelernt und auf der Baustelle alles selbst zusammengebaut. „Das Schöne ist, dass die Sachen hier real werden“, sagt sie. „An der Uni verschwindet vieles in der Schublade.“

Auch die Küchenschürzen und die Servicekleidung wurden für die „Lücke“ entworfen und genäht, der Kräutergarten wurde extra angelegt. Das Porzellan hat die Produktdesign-Studentin Irene Nitz mit der Hand gefertigt. Es fügt sich gut ein ins Gesamtkonzept: Es ist schlicht und viel leichter als industrie­gefertigte Teller.

Hannes Schmidt hat das Motto vorgegeben: einfach loslegen. Eigentlich wollte der gebürtige Schwabe mit dem Häuschen nur sein Studium möglichst praxisnah zu Ende bringen. Sein Professor mochte die Idee, und die Behörden genehmigten die Nutzung des Geländes. Allerdings nur für kurze Zeit. Die Verlängerung ist aber beantragt.

Am letzten Tag, spätestens zum Ende des Sommers, können die Teller und Möbel gekauft werden.

Pop-up-Restaurants wie dieses, Lokale, die nur kurz da und dann wieder weg sind, sind für Berufseinsteiger wie Schmidt ideal, um sich auszuprobieren. Hannes Schmidt mag das Wort Pop-up nicht besonders. Das klingt ihm zu schnell und zufällig – immerhin haben er und rund 20 Freunde und Helfer zweieinhalb Monate an der „Lücke“ gebaut. Doch er sieht auch die Chance, die in der zeitlichen Verknappung liegt. „Die Leute fragen nach, wie lange es das noch gibt“, sagt er. „Keiner will was verpassen.“ Deshalb ist die „Lücke“ oft voll: Um 19 Uhr ist das Gulasch aus Zebu-Rind aus, und alle müssen aufs Risotto umsteigen. Nichts gibt es hier im Übermaß.

Drei ältere Damen sitzen an der langen Tafel und loben das Reisgericht. Ihnen hatte jemand auf der Straße von der „Lücke“ erzählt. Bisher waren sie nur dort, wo alle Touristen in Weimar hingehen, im Elephantenkeller und im Residenz Café. Das Essen dort sei thüringisch, also rustikal mit Klößen und Braten – das kleine temporäre Restaurant empfinden sie als gute, moderne Alternative zu den vielen geschichtsträchtigen Orten in dieser Stadt.

Wenn die „Lücke“ Geschichte sein wird, will Hannes Schmidt die 10.000 Euro, die er in das Projekt investieren musste, wieder eingenommen haben. Auch deshalb bewegen sich die Preise oberhalb des Studentenniveaus: Das Fleischgericht kostet 13 Euro aufwärts. Verkauft wird so lange, bis nichts mehr da ist, erst dann wird ein neues Gericht gekocht. So entsteht kein Abfall. Und der soll auch vermieden werden, wenn Schmidt und seine Helfer die „Lücke“ wieder abbauen.

Am letzten Tag, spätestens zum Ende des Sommers, können die Teller und Möbel gekauft werden. Das Holz für das Haus ist teilweise nur geliehen und wird zurückgebracht. Am Ende bleibt nichts übrig. Nur ein paar Fotos, Erinnerungen – und Schmidts Abschlusszeugnis. Note: 1,0.

TEXT Claudia Euen | ILLUSTRATION Katalin Pöge und Michael Zander