Trennschärfer

Abfälle sind Rohstoffe am falschen Ort.
Recycling soll sie an den richtigen Ort bringen. Martin Winter erklärt Menschen, warum die Devise „im Zweifel in den Restmüll“ falsch ist – und wie sie mit korrektem Sortieren Geld sparen.

Wenn es stimmt, dass jede Epoche an ihrem Müll zu erkennen ist, dann kann man Martin Winter getrost einen Archäologen der Gegenwart nennen. Statt in Überbleibseln steinzeitlicher Pfahldörfer zu wühlen oder das Erdreich um mittelalterliche Fundstücke herum Schicht für Schicht abzupinseln, schaut Winter den Menschen von heute in den Mülleimer – und damit ganz nebenbei die allerjüngste Vergangenheit an. Martin Winter, 45, ist Abfallberater.

Braun für Bio, Blau für Papier, Gelb oder Orange für Wertstoffe, Grau für den Rest – eine bunte Mülltonnenparade steht in Berlin mittlerweile vor Wohnhäusern und auf Hinter­höfen. Flaschen müssen zum Glascontainer oder zur Glastonne am Haus, ausgedienter sperriger Schrott zum Wertstoffhof, Sperrmüll wird nach Bedarf sogar abgeholt.

Alles perfekt geregelt. Oder?

Martin Winter ist trotzdem unzufrieden. Seit 2012 arbeitet er ehrenamtlich als einer von 30 Energie- und Abfallberatern für den BUND Berlin, den Bund für Umwelt und Natur-schutz. Insgesamt 700 Haushalte haben die Berater seit 2010 besucht und 9.000 Menschen am Infostand beraten.

„Berliner Abfallcheck“ heißt das Projekt, das von der Stiftung Naturschutz Berlin aus Mitteln der Trenntstadt Berlin gefördert wird. „Wir Deutschen sortieren unseren Müll zwar so gründlich, dass ausländische Besucher oft den Kopf schütteln über so viel Mühe mit dem eigenen Dreck“, sagt Winter. „Aber noch immer landet zu viel in der grauen Tonne für den vermeintlich unbrauchbaren Rest.“ Mehr als eine halbe Million Tonnen Hausmüll fallen in der Hauptstadt pro Jahr an. Das sei zu viel, findet Winter. „Beim Sortieren geht noch mehr.“

Ein- bis zweimal in der Woche ist Winter deshalb zwischen Spandau und Köpenick unterwegs, um Menschen zu erklären, wie sie ihren Müll besser trennen können und warum das nicht nur gut für die Umwelt ist, sondern auch gut für das Portmonee. Denn Müllgebühren sind Kosten, die Vermieter über die Betriebskosten auf die Hausbewohner umlegen. Je weniger Hausmüll anfällt, desto geringer die Nebenkosten. „Durch besseres Sortieren ließe sich die Hälfte des Hausmülls einsparen“, schätzt er.

Winter ist kein Müll-Sheriff. Er ist kein Besserwisser. Auch keiner, der mit erhobenem Zeigefinger auftritt. Er weiß, was es heißt, mit wenig Geld auskommen zu müssen.
Er selbst ist Hartz-IV-Empfänger.

Text Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme