Transformer

Der Berliner Künstler Gerhard Bär macht aus Plastikmüll Plastiken. Er will damit den Blick auf unsere Abfälle verändern – und unseren Blick auf die Welt. Denn das sei der Anfang jeder Veränderung.

Es ist vielleicht nicht die Blaue Mauritius, kein lose gestempelter Schwarzer Einser oder ein postfrischer Satz Olympia-Marken der DDR von 1984, die Gerhard Bär da akribisch in seinen Schränken hortet. Statt sich eine raritätenreiche Briefmarkensammlung aufzubauen, hat der Künstler eine prächtige Kollek­tion an Plastiktüten: Wo immer der 56-Jährige auf der Welt auch gewesen ist, er brachte sich Kunststoffbeutel von dort mit. Große, kleine, bunte, einfarbige, unbenutzte und welche, die dreckig sind, löchrig, zerknüllt. Über die Jahre ist so ein eindrucksvolles Repertoire mit mehreren hunderttausend Stück entstanden, die der Wahlberliner mit der gleichen Mischung aus Leidenschaft und Akribie ergänzt, wie Philate­listen sich ein wertvolles Postwertzeichen nach dem anderen ins Album stecken: Eine gelb-rote Tragetasche aus Moskau zum Beispiel, auf der in Kyrillisch der Schriftzug der Nestlé-Marke Maggi steht. Ein halb transparenter Beutel mit den zwei Engelsköpfen des italienischen Mode-
labels Fiorucci aus dem Mailand der 1980er-Jahre. Oder ein einfaches, dünnes grasgrünes Sackerl von einem Gemüsehändler in Nepal.

Wer verstehen will, wofür jemand wie Gerhard Bär Plastiktüten sammelt, der muss raus aus Berlin fahren, Richtung Osten, wo die Straßen immer häufiger das Wort „Chaussee“ im Namen tragen. In Strausberg, auf einem Areal, das zu DDR-Zeiten die Hauptfernmeldestelle der Deutschen Post war, hat Bär sein Atelier im ehemaligen Heizhaus. Gestapelt in Obststiegen aus Pappe lagert dort seine gigantische Tüten-Vorratsspeicherung. Manche hat er nach Jahren sortiert. Andere nach Farben. Wieder andere nach ähnlichen Designs oder Marken. Anhand der Tüten von Karstadt, Kaufhof, Kaufring, Hertie, Horten und Wertheim ließe sich die Geschichte vom langsamen Niedergang der Kaufhäuser erzählen. Anhand derselben Marken auf Tüten, egal von wo sie stammen, ließe sich erklären, wie unerträglich uniform und verwechselbar die Innenstädte durch die großen Textilketten wie H&M, Mango oder Zara geworden sind. Aber Bär ist kein Erzähler, kein Erklärer. Er ist Künstler und Designer. Die Tüten sind sein Rohstoff. Er verarbeitet sie zu Collagen, Skulpturen, Lichtelementen oder Möbeln. Stühle beispielsweise, die aussehen, als habe jemand ein Tuch über sie geworfen, das dann erstarrt ist.

„Mein Prinzip ist das gleiche wie beim Recycling“, sagt Bär. „Ich nehme Plastikmüll und mache daraus etwas Neues. Allerdings koche ich aus den bunten Kunststoffabfällen nicht wie bei der herkömmlichen Methode einen graubraunen Einheitsbrei, aus dem dann Blumen­kübel oder Abflussrohre werden. Sondern schaffe Dinge, die am Ende immer auch einen neuen Blick auf den Abfall provozieren, der uns umgibt.“

Und davon gibt es jede Menge. Wie wohl kein anderes Utensil steht dabei die Plastik­tüte für unsere Wegwerfgesellschaft. Allein in Berlin gehen pro Stunde 30.000 über die Laden­theken. Gekauft, meist nur einmal benutzt, weggeschmissen.

Vergangenen Herbst stellten sich deshalb bei der Aktion „Berlin tüt was!“ mehr als 3.000 Menschen auf das Tempel­hofer Feld und hielten eine neun Kilometer lange Kette hoch, die aus dem hauptstädtischen Stundenverbrauch an Trage­taschen zusammengeknotet worden war. Die von Stiftung Naturschutz Berlin, Deutscher Umwelthilfe, Trenntstadt Berlin und Berliner Stadtreinigung organisierte Tütenschlange schaffte es erst als längste Plastiktütenkette der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde, dann in Gerhard Bärs Atelier: Bär schmolz die ganzen Beutel ein und formte zwei Skulpturen daraus. Zwei Plastiken gegen den Plastiktüten­wahn.

Wenn man Gerhard Bär fragt, wie das alles angefangen hat, erinnert er sich an den Anfang der 1990er-Jahre. Damals wurde zwischen Rügen und Zugspitze gerade das Duale System eingeführt. Deutschland wurde zum Land des Grünen Punkts und des Gelben Sacks. „Während sich die Republik mit dem Rausstellen der Säcke nicht nur ihrer Reste, sondern auch des Nachdenkens darüber entledigte, wollten wir wissen, was sich aus dem Material machen lässt – und damit den Müll wieder in die Gesellschaft zurückholen“, sagt er.

Wenn Bär „wir“ sagt, meint er Beata Bär und Hartmut Knell, mit denen er in Bad Wimpfen als Künstlergruppe Bär & Knell an der Wiedergeburt von Plastikmüll als Möbel­stück werkelte. Und weil sich niemand dafür interessierte, fuhren die drei Designer mit Stühlen aus recyceltem Kunststoff im Gepäck nach Mailand zur internationalen Möbelmesse. In Mailand lief es so gut, dass von da an große Designsammlungen die Objekte aus Müll kauften – das Vitra Design Museum in Weil am Rhein etwa, das Londoner Victoria & Albert oder das Amsterdamer Stedelijk.

Doch es ist nicht allein das Geld, das Gerhard Bär antreibt, der Erfolg, die Anerkennung oder dass seine Objekte in renommierten Museen zu sehen sind. „Auch wenn mich einige dafür als Träumer abtun“, sagt Bär: „Was mich moti­viert, ist dieses Gefühl, dass ich auf dieser Welt etwas anders machen kann.“

Egal, ob in Berlin-Neukölln oder Hamburg-Wilhelmsburg, in Mexiko, Syrien, Montenegro, Albanien, Rumänien oder bald in Nordkorea: Bär hat mit seinem Projekt „Social Plastics“
an vielen Orten auf dieser Welt kleine Werkstätten aufgebaut, in denen Menschen aus scheinbar wertlosem Plastik­abfall etwas Wertvolles machen. „Idealerweise etwas, das sie selbst gerade brauchen oder aber verkaufen können. In Mexiko-City ist so ein kleiner Betrieb entstanden, der mit Schalen, Hockern oder Papierkörben Umsatz macht und Arbeitsplätze schafft“, sagt Bär. „Es ist aber schwierig zu erklären, dass das Kunstwerk nicht das ist, was am Ende dabei herauskommt, sondern die Arbeit, die ich mit den Menschen mache“, sagt Bär. „Das Projekt selbst ist Kunst: eine soziale Plastik.“

Arbeit hat Gerhard Bär genug. Wir leben in einer Plastikwelt. Plastik ist, irgendwie, in fast allem. „Das Absurde ist, dass ich meine Arbeit im Grunde nur mache, damit sie irgendwann überflüssig wird.“

Text Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme