Das Picasso-Euter

Wie kommt man eigentlich darauf, Flüssigkeiten in Pappkartons abfüllen zu wollen? Der Getränkekarton erzählt die Geschichte von ständigem Kopieren und gekonntem Verpacken.

Ruben Rausing war ein kluger Mann. Nicht genial, das nicht. Aber doch so weitsichtig, dass er erkannte: Im zwanzigsten Jahrhundert wird es die Form sein, die oft über den Inhalt siegt. Und wo lässt sich das besser in bares Geld verwandeln als in der Verpackungsindustrie?

Der Schwede aus Raus – weshalb er sich auch selbst den eingängigen Namen Ruben Rausing gab – arbeitete als junger Mann in einer Druckerei, die Verpackungen bedruckte. Dem Absolvent einer Handelshochschule war das zu wenig, mit einem Stipendium ging er nach New York. Dort pulsierte das Leben am Beginn der Zwanzigerjahre, dort wurden die Ideen für ein neues Jahrhundert geboren. Zum Beispiel die ersten Supermärkte. Rausing, der nur die kleinen Tante-Emma-Läden, die Fleischer, Bäcker und Gemüsehändler aus Schweden kannte, war fasziniert von der Idee, alle Arten von Lebensmitteln unter einem Dach zu stapeln. Keinen Krämer, der jedes Produkt einzeln abfüllte oder verpackte, sondern breite Flure mit hohen Regalen. Um Platz zu sparen, müsste man auch Getränke in Kartons füllen, dachte er. Er fuhr heim – und entwickelte den Getränkekarton.

Das Wort „Tetrapak“ gilt heute in Deutschland als Synonym für Getränkekartons schlechthin. Und tatsächlich ist der deutsche Ableger des Unternehmens Tetra Pak der größte Anbieter von Kartonverpackungen für Milch, Saft und stille Getränke. 2010 verkauften sie 5,7 Milliarden Verpackungen in allen Formen und Größen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass laut Umweltbundesamt Block-, Giebel- und Zylinderpackungen ökologisch sinnvoll sind – wenn sie in der Gelben Tonne entsorgt werden. Es liegt deshalb nah, zu glauben, dass Tetra Pak auch der europäische Pionier in Sachen Getränkekartons ist. Als das Unternehmen dieses Jahr 60 Jahre Markteinführung des Tetrapaks feierte, jubelten viele Medien mit. Sie berichteten darüber, wie es der Schwede schaffte, dank einer hauchdünnen Aluminium-Beschichtung der Kartons Milch und Sahne auch ohne Kühlung lange haltbar zu machen. Und wie viel billiger es war, nicht mehr Glasflaschen transportieren, befüllen, zurücknehmen, reinigen und prüfen zu müssen. Das war die Innovation, die Tetra Pak groß machte. In Deutschland habe man die pyramidenförmigen Getränkekartons – so genannte Tetraeder – „Picasso-Euter“ getauft, heißt es in einer Broschüre des Unternehmens. Und mit Sunkist schafften es die Schweden in den 70er-Jahren, ihre dreieckigen Kartons auch bei durs- tigen Kindern in Schulranzen zu platzieren – und allmählich zum Marktführer aufzusteigen.
Dabei gibt es Getränke in Kartons in Deutschland schon viel länger: Die „Perga-Packung“ des Düsseldorfer Unternehmers Günter Meyer-Jagenberg rühmt sich, der erste Getränkekarton Europas zu sein. Wie auch schon der Schwede Rausing machte sich der Spross eines Papierhändlers in den Zwanzigerjahren auf den Weg nach Amerika. Zuhause hatte Günter Meyer-Jagenberg mit seinem Bruder Emil Maschinen konstruiert, mit denen Papier zum Beispiel zu Faltschachteln verarbeitet werden kann. Als er in den amerikanischen Selbstbedienungsläden sah, dass man auch Getränke in Kartons packen kann, verfing sich auch bei ihm der Gedanke, es den Amerikanern gleichzutun.

Wieder zuhause in Düsseldorf entwickelte er die Faltschachteln weiter und beschichtete sie innen mit Paraffin. 1929 meldete er das Warenzeichen für eine „koni­sche Fetttüte“ an, ein Jahr später beantragte er das Patent für die „Perga“ – ein wasserdichtes Papiergefäß mit Faltverschluss und Vorrichtung seiner Herstellung.

Sowohl Ruben Rausing als auch Günter Meyer-Jagenberg haben sich also um die Verbreitung des Getränkekartons in Deutschland verdient gemacht. Aber beide waren nur gute Kopierer, die ihr Plagiat zu, nun ja, verpacken wussten. Die wirklichen Wurzeln der papiernen Getränkeverpackungen sind schwer auszumachen.

Bereits 1896 hat ein Hervey Thatcher aus New York die Nachteile von Glasflaschen beim Transport von Milch erkannt und schlug einen mit Wachs beschichteten Einmal-Karton vor. Sein Patent wurde aber nicht zertifiziert. Etwa zehn Jahre später versuchten es James Kimsey aus Philadelphia und Alonzo Kingsbury und George Maxwell aus San Francisco getrennt voneinander mit zylinderförmigen Milchflaschen auf dem amerikanischen Markt. Zu erfolgreich – denn sie wurden gleich von der Amerikanischen Papierflaschen Gesellschaft einverleibt.

Der wohl wirklich erste Erfinder eines viereckigen Kartons soll aber John Van Wormer gewesen sein, ein Spielzeugfabrikant aus Toledo, Ohio. Als ihm eines Morgens eine Flasche Milch aus der Hand rutschte und auf dem Boden zerschlug, war er der Legende nach davon angeblich so angenervt, dass er sich über eine Alternative Gedanken machte, schließlich 1915 sein „Pure-Pak“ erfolgreich patentierte und heute als Erfinder des Getränkekartons gilt. Ob das am Ende ganz stimmt, ist dabei egal – es geht schließlich um die richtige Verpackung.

TEXT Clara Bergmann | FOTO Tetra Pak