„Ich will nicht nur die Salatköpfe retten…“ – Im Interview: Valentin Thurn

Der Journalist Valentin Thurn hat mit seinem Dokumentarfilm „Taste the Waste“ ganz Deutschland wachgerüttelt. Er enthüllte, dass die Hälfte aller Lebensmittel bei uns in der Tonne landen. Mittlerweile hat er sich auch zum Aktivisten entwickelt und animiert tausende Deutsche, ihre ungeliebten Lebensmittel via Internet zu teilen.

Herr Thurn, niemand gibt gern zu, Lebensmittel wegzuschmeißen. Tatsächlich werfen die Deutschen aber laut Ihrer Recherchen über 80 Kilogramm pro Kopf und Jahr weg. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?
Ganz einfach: Wir haben es verdrängt. Die Warenwerbung verführt uns dazu, immer ein bisschen mehr zu kaufen, als wir eigentlich brauchen. Zwei zum Preis von einem! Extra große Packungen. Und wenn wir das Produkt nicht mehr mögen, haben wir mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum immer eine gute Ausrede, es wegwerfen zu dürfen.

Sie sind kein großer Fan von Haltbarkeitsdaten?
Überhaupt nicht. Wenn man ein bisschen seinen Sinnen vertrauen würde, sieht man, dass man die meisten Sachen noch problemlos essen kann – auch wenn das Datum abgelaufen ist. Aber das trauen sich die meisten einfach nicht mehr zu.

Hat die Industrie uns das Verschwenden anerzogen?
Es ist eigentlich verrückt. Vor gerade einmal zwei Generationen hat besonders die Stadtbevölkerung in unseren Breiten Hunger gelitten. Das waren harte Winter nach dem Krieg. Meine Eltern haben immer darauf bestanden, dass wir Kinder alles aufessen. Mich hat das damals genervt, weil doch alles im Überfluss da war.

Warum sollte man auch aufessen, wenn keine Hungersnot herrscht?
Das hat mit einem Bewusstsein zu tun. Wenn man Essen wertschätzt, dann überlegt man sich genau, was man einkauft. Das ist dann vielleicht auch teurer, aber davon schmeiße ich dann auch weniger weg.

Können wir es uns als Gesellschaft überhaupt leisten, so verschwenderisch mit unseren Lebensmitteln umzugehen?
Den meisten tut das finanziell nicht weh. Die Lebensmittel sind bei uns so billig wie nie zuvor. Aber das wird sich ändern.

Was steht uns bevor?
Seit etwa zehn Jahren kann man davon ausgehen, dass die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten nicht mehr sinken, sondern nur noch steigen. Bei uns hat sich das noch nicht so gravierend ausgewirkt, weil unsere Lebensmittelpreise zum größten Teil aus Arbeitslöhnen bestehen. Aber der Trend ist gebrochen. Über kurz oder lang werden wir wirtschaftlich gezwungen sein, anders mit unseren Ressourcen umzugehen. Aber das wird eben noch ein Weilchen dauern und es besteht die Gefahr, dass wir bis dahin einen Großteil aufgebraucht haben. Deswegen sollten wir die Umkehr früher schaffen – dann hätten unsere Kinder auch noch was davon.

Wir können es langsam nicht mehr verdrängen?
Absolut. Alle sprechen immer vom Peak Oil – dem Ölförder­maximum, das wir bereits erreicht haben. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit sind wir aber auch am Peak Phosphor angekommen. Das ist ein wichtiges Düngemittel für Pflanzen. Wenn die Hälfte der Vorräte davon abgebaut ist, werden sich nur noch sehr wenige Phosphor leisten können. Das wird unsere industrielle Landwirtschaft extrem verändern, weil nicht mehr so gedankenlos Unmengen an Kunstdünger auf die Felder gehauen werden können, um die Erträge zu steigern. Deswegen ist es so absurd, darauf zu warten, bis es zu spät ist. Die Fakten liegen auf dem Tisch.

Wer muss reagieren: Politik, Landwirtschaft, Handel, Verbraucher?
Das hängt ja alles miteinander zusammen. Niemand von denen kann es allein machen. Wenn zum Beispiel ein Supermarkt beschließen würde, natürlich gewachsenes Gemüse anzubieten, hat er zwei Probleme: Auf der einen Seite wird er im Großmarkt gar nicht mehr solche Gemüse im Angebot finden. Auf der anderen Seite erschrickt der Verbraucher, wenn er eine Möhre mit drei Beinen sieht, und fragt sich: Hä, ist die jetzt mutiert?

Also muss es doch die Politik in die Hand nehmen.
Ja, das glaube ich unbedingt. Fünf Tage nachdem mein erster Film „Frisch auf den Müll“ im Fernsehen gelaufen ist, meldete sich der Umweltminister von Nordrhein-Westfalen und sagte, dass er Landwirte, Handel und Verbraucher an einen Runden Tisch bringen möchte. Der hat jetzt drei Mal getagt. Kurz darauf kündigte Bundesernährungsministerin Ilse Aigner an, eine Studie in Auftrag zu geben, um vernünftig politisch handeln zu können. Das waren direkte Reaktionen auf unseren Film – und hat uns alle sehr ermutigt.

Im Film zeigen Sie, wie aufwändig in Japan Lebensmittel recycelt und zu Tierfutter verarbeitet werden. War das mit einer politischen Forderung verbunden, das auch wieder bei uns in Europa zu machen?
Definitiv. In Europa gibt es aus Angst vor Tierseuchen das Verbot, Lebensmittelreste an Tiere zu verfüttern. Das hängt damit zusammen, dass im Jahr 2000 gleich zwei Seuchen ausgebrochen sind: die Maul- und Klauenseuche, die sich aber vermutlich nicht durch das Tierfutter ausgebreitet hat. Und BSE, die tatsächlich durch das Futter ausgelöst wurde. Damals wurde Pflanzen­fressern auch Nahrung aus Tierabfällen gegeben. Das könnte man aber durch ordentliches Recycling ausschließen – wie es die Japaner bereits machen.

In „Taste the Waste“ stellen Sie auch einen Bäcker vor, der seine überschüssigen Brote verbrennt. Ist das eine gute Idee?
Ich persönlich empfinde es bis heute pervers, Brot zu verbrennen. Aber dieser Bäcker im Film gehört noch zu den Engagiertesten seiner Branche, weil der sich schon in der Produktion darum kümmert, dass möglichst wenig übrig bleibt. Und davon gibt er ein Drittel an die Tafel, ein weiteres Drittel wird zu Tierfutter verarbeitet und was er gar nicht mehr loskriegt, nutzt er energetisch.

Wie sieht die ideale Verwertung von Lebensmittelresten aus?
Das kann man sich als Pyramide vorstellen: Ganz oben steht das Vermeiden – also gar nicht erst so viele Lebensmittel produzieren. Aber wenn man schon unter hohem Energieaufwand wertvolle Nahrungsmittel produziert hat, sollte man sie auf der zweiten Stufe mit anderen Menschen teilen. Wenn sie für die nicht mehr gut sind, sollten sie an Tiere verfüttert werden, damit man wenigstens noch das Eiweiß nutzt. Und erst danach, auf der letzten Stufe also, kommt für mich die energetische Verwertung. Hauptsache, sie landen nicht auf der Deponie.

Passiert das überhaupt noch, dass Lebensmittel deponiert werden?
10 bis 15 Prozent des Restmülls ist Essen. In Teilen Südeuropas und in Großbritannien landet das auf der Müllkippe. Und das ist besonders schlimm, weil die Lebensmittel dort unter Luftabschluss Methangas bilden – ein Klimagas, das zigfach so potent ist wie CO2. Zum Glück hat der Gesetzgeber in Deutschland dafür gesorgt, dass gemischter Müll verbrannt und seine Energie und Wärme genutzt wird.

Sie sind vom Filmemacher zum Aktivisten geworden und haben die Social-Media-Plattform Foodsharing gegründet. Was soll das?
Das ist ein spielerischer Ansatz, Menschen dazu zu bewegen, ihr überschüssiges Essen nicht einfach wegzuschmeißen, sondern an andere weiterzugeben. Auf der Seite kann sich jeder eintragen und seine Lebensmittel anbieten oder nach Essenskörben anderer Ausschau halten. Der Hintergedanke dabei ist, dass sich jeder die Frage stellt, warum er selbst schon wieder zu viel eingekauft hat oder warum andere noch essbare Sachen verschmähen. Wir wollen nicht nur die Salatköpfe retten, sondern auch die Köpfe der Menschen ändern.

Was sind das für Menschen, die ihre Lebensmittel übers Internet verteilen?
Ganz unterschiedlich. Es gibt sehr ökologisch Orientierte, junge Leute, die sonst vielleicht auch mal mülltauchen gehen, es gibt technikfremde Ältere und finanziell Bedürftigere. Da mischen sich wirklich die sozialen Milieus. Das ist ja auch das Schöne daran, dass sich da Leute über das Thema Wertschätzung von Essen kennenlernen, die sonst nie etwas miteinander zu tun hätten.

Die ich getroffen habe, wollten gar nicht nur ihr Pumpernickel loswerden, sondern waren vor allem neugierig, wer da auf der anderen Seite sitzt.
Das war auch unsere Hoffnung, dass Foodsharing nachbarschaftliche Netzwerke stärkt. Es gibt eine interessante Dynamik, dass sich die Hotspots – also dort, wo die Lebensmittel an neutraler Stelle übergeben werden können – mittlerweile zu Nachbarschaftszentren entwickeln. In Kleinstädten sind das oft die Vereinsheime von Kleingartenanlagen. In Großstädten ist das immer unterschiedlich. Manche Leute geben dort einfach so ihre Sachen ab und tragen das gar nicht mehr im Internet ein. Da gehen Mengen über den Tisch, die wir gar nicht erfassen. Selbst die Tafeln geben an manche Hotspots ihre Reste ab.

Das klingt ja nach ziemlichen Massenbewegungen.
Letztens hatten wir 15.000 Jogurtbecher in der Markthalle in Berlin. Die waren in anderthalb Stunden weg, nachdem wir das über Facebook verbreitet hatten. Interessanterweise kann man bei diesem Hotspot gar nicht mit dem Auto vorfahren und massig hamstern. Die Leute haben wirklich nur so viel mitgenommen, wie sie für sich brauchten. Aber es kamen einfach entsprechend viele.

Haben Sie auch schon einen Essenskorb zusammengestellt?
Ja, mehrfach. Die letzte größere Ladung waren drei riesengroße Tüten tolles Fallobst aus meinem Garten. Davon hatte ich zu viel und es war leider nicht lagerfähig. Dafür habe ich ungefragt sogar ganz frischen Mangold geschenkt bekommen, was mich sehr gefreut hat. Und als Nächstes biete ich eine halbe Kiste alkoholfreies Bier, das ich einfach nicht so richtig mag.

Das wird schwierig …
Nein, nein. In Köln geht alles weg.

Gibt es auch absurde Angebote?
In Köln gab es mal einen Mülltaucher, der zwei Flaschen Raki angeboten hat verbunden mit der Frage, ob das nicht jemand mit ihm trinken mag.

Sie beschäftigen sich jetzt seit mehreren Jahren mit dem Thema Lebensmittelverschwendung. Haben Sie es nicht langsam satt?
Überhaupt nicht. Ernährung ist das Thema unseres kommenden Jahrhunderts. Und ich bin immer wieder geschockt und erstaunt, welche Fakten da bislang ignoriert werden. Ich bereite gerade eine Kinodokumentation über die Welternährung vor, in der ich kurz gesagt beantworten will, wie wir die zehn Milliarden Menschen satt kriegen, die Mitte des Jahrhunderts unsere Erde bevölkern werden.

Sie wollen kämpfen?
Es lohnt sich! Zehn Prozent aller Klimagase werden durch unseren Lebensmittelmüll produziert. Das ist genauso viel wie der gesamte Transportsektor mit Schiffen, Flugzeugen und Autos zusammengenommen. Und darin sind sich alle Experten einig: Das können wir reduzieren, ohne dass irgendjemand seinen Lebensstandard aufgeben muss. Für mich war das der Moment zu sagen: Da bleibe ich dran.

Hinweis:

Valentin Thurn ist freier Filmemacher in Köln. Seine Dokumentation „Taste the Waste“,
die das perfide System der Lebensmittel­vernichtung der westlichen Welt be­leuchtet, sahen in Deutschland mehr als 120.000 Menschen im Kino. Der Film lief auf über 30 Festivals weltweit und gewann zwölf nationale und internatio­nale Preise. Außerdem arbeitete Thurn an zwei Sachbüchern mit und war einer der Initiatoren der Internetplattform Foodsharing.de, auf der Privatpersonen und Organisationen ihre noch essbaren Lebensmittel mit ihren Nachbarn teilen können.

Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn:
Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist Kiepenheuer & Witsch

Valentin Thurn/Gundula Oertel
Taste the Waste. Rezepte und Ideen für Essensretter
Kiepenheuer & Witsch

www.foodsharing.de

INTERVIEW: Clara Bergmann | FOTOS: Silke Weinsheimer

 

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