Supermarkttyp

Yüksel Aslan hat nicht nur ein Problem, sondern tausende: Plastiktüten. An den Kassen der türkischen Supermärkte in Berlin werden sie massenhaft an Kunden herausgegeben,
um die Einkäufe einzupacken. Wie kann man das stoppen?

Damit hat Yüksel Aslan wirklich nicht gerechnet. Mehr als eine Stunde hat er nun versucht, den Chef eines großen türkischen Supermarkts zu überzeugen, dass er an seinen Kassen keine kostenlosen Tüten mehr herausgibt. Hat von Umweltproblemen erzählt. Sogar mit den Öko-Prinzipien des Koran argumentiert. Und was fragt ihn der Filialleiter am Ende? Ob er in Wirklichkeit für einen Stoffbeutelhersteller arbeitet. Oder heimlich von Kaiser’s oder Edeka bezahlt wird und der vermeintlich gut gemeinte Tütenboykott in Wahrheit Kunden verprellen soll, damit die aus Trotz bei der deutschen Konkurrenz einkaufen gehen. „Ich hatte mich ja auf alles Mögliche vorbereitet“, sagt Aslan, „aber dass ich für einen Vertreter von Beutelproduzenten oder einen Marketing-Trickser deutscher Lebensmittelketten gehalten werde, das hat mich ziemlich überrascht.“

Yüksel Aslan, Ende vierzig, ist Schatzmeister der Türkischen Gemeinde Berlins – und einer der wichtigsten Vertreter der allmählich erwachenden türkischsprachigen Ökobewegung in der Hauptstadt. Seit mehr als einem Jahr treibt er mit vielen ehrenamtlichen Helfern die Initiative „Plastik Poşete Hayır!“ („Nein zu Plastiktüten!“) voran. Sie wollen den Plastiktütenwahn in den türkischen Supermärkten stoppen. Mal zieht er mit seinen Mitstreitern auf Wochenmärkten gegen die Kunststofftüte zu Felde, mal wirbt er in Moscheen für Stoffbeutel, Tragenetze oder rollende Einkaufstaschen. Ausnahmsweise ist es dann nicht der Imam, der spricht, sondern Yüksel Aslan, der eine Art Predigt in türkischer Sprache hält, bei der man hin und wieder sperrige deutsche Wörter wie „Mülltrennung“ oder „Nachhaltigkeit“ hört. Vor allem aber geht Aslan in die türkischen Supermärkte – Ada Market zum Beispiel, Bereket Market, Bolu, Eurogida, Istanbul Market oder Öz-Gida. „Dort gibt’s Tüten an der Kasse gratis. Die meisten Kunden nehmen deshalb nicht nur eine oder zwei, sondern gleich vier, fünf, sechs. Das müssen wir ändern.“

Die türkischen Einkäufer zu überzeugen, keine Plastiktüten mitzunehmen, ist nicht einfach. „Wenn eine deutsche Kleinfamilie Hackfleisch kauft, nimmt sie sich eine 250-Gramm-Schale aus der Kühltruhe – bestenfalls zwei“, sagt Aslan. „Wenn ich für meine Familie Hackfleisch kaufe, hole ich vier, fünf Kilogramm. Weil es diese Menge an der Fleisch­theke in meinem türkischen Super­markt natürlich nicht fertig verpackt gibt, reicht mir der Metzger das Ganze in einer Plastiktüte rüber. Was wir aber abschaffen können, sind die Unmengen an Einwegplastiktüten,
die man an der Kasse aufgedrängt bekommt.“

Sein größter Gegner im Kampf gegen die Tüte ist aber die Macht der Gewohnheit. „Als wir mit den Kunden in den Märkten gesprochen haben und ihnen anstelle der Tüten eine Tragetasche aus Stoff oder ein Einkaufsnetz anboten, haben wir etwas scheinbar Absurdes festgestellt: Viele lehnten dankend ab, weil sie so was schon im Auto liegen hätten“, sagt Aslan. „Wenn Türken in einem türkischen Supermarkt einkaufen, lassen sie sich an der Kasse kostenlose Plastiktüten geben.“ Wenn sie dagegen zu Aldi, Lidl, Netto oder Penny gehen, nehmen sie sich Taschen mit, weil sie dort ja für eine Tüte bezahlen müssten. „Wir müssen es deshalb schaffen, die Filialleiter zu überzeugen, dass sie künftig 10 oder 15 Cent für eine Plastiktüte nehmen“, so Aslan, und dass das dauern kann, weil natürlich kein Markt der Erste sein will. „Aber wir geben nicht auf.“

Text Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme