Leergutinsel – Paradies aus Abfall

Eine schwimmende Oase mit Palmenstränden und Wohnhaus. Doch dann fand Richart Sowa seinen Traum aus Müll am Strand – in Stücke gerissen.

Mit dem Ufo hatte alles angefangen: Im Sommer 1977 saß Richart Sowa auf dem Balkon seines Mietshauses im baden-württembergischen Pfullendorf und zeichnete eine fliegende Untertasse. Eigentlich war der junge Brite kein Künstler. Er war mit seiner Familie aus Middlesbrough nach Deutschland gezogen, um Arbeit als Zimmermann zu finden. Doch sein Job für die Firma Alno Einbauküchen lastete ihn kreativ nicht aus. Also malte er in seiner Freizeit und verdiente sich mit Auftragsarbeiten ein wenig Geld dazu. Oft malte er Naturmotive: Wälder, Seen, Regenbögen und Tiere.

Aber das Bild, das jetzt auf seinem Skizzenblock entstand, war kein Auftrag, sondern spontane Eingebung. Sowa ahnte nicht, dass die Skizze ziemlich genau den Ort zeigte, der 20 Jahre später seine Heimat werden sollte. Nie hätte er vorhersehen können, dass er um die halbe Welt ziehen würde, um seine eigene Karibikinsel zu bauen – ein grünes Paradies, erbaut auf schwimmendem Abfall.

Zunächst jedoch nahm sein Leben eine gar nicht paradiesische Wendung: Als er seinen Job bei Alno aufgab, um sich ganz der Malerei zu widmen, gab es zu Hause immer mehr Streit. Die Ehe zerbrach, und seine Frau zog mit den Kindern zurück nach England. Sowa stürzte in eine Lebenskrise. Er begab sich auf Sinnsuche quer durch alle Religionen. Er trat den Mormonen bei, ließ sich als Zeuge Jehovas taufen, diskutierte mit Anhängern der Erweckungsbewegung. Er begann, durch Europa zu reisen. Als Straßenmusikant sang er jahrelang in den Fußgängerzonen Deutschlands, Englands, Italiens und Portugals oder malte auf der Straße Porträts. Dann reiste er durch die USA, bis er 1996 in Mexiko landete. Es war die Geschichte dieses Landes, die ihn an sein Ufo erinnerte: „Die aztekischen Bauern um das heutige Mexiko-Stadt herum bauten früher ‚Chinampas‘, schwimmende Inseln aus Schilf, auf denen sie Äcker anlegten und sogar Hütten bauten.“ Noch heute sind die letzten dieser schwimmenden Gärten eine Touristenattraktion. Sowa kam ins Grübeln: Was, wenn er sich selbst eine solche Insel baute, so wie das Ufo auf dem Bild?

In Zipolite, einer kleinen Hippiegemeinde an der Westküste, bekannt für ihren FKK-Strand und Marihuanakonsum, machte er sich an die Arbeit. Er bündelte leere Plastikflaschen in Obstnetze und band sie an die Unterseite einer drei Meter breiten Pappmascheeschale. Darauf errichtete er dann mit Ästen eine kleine, igluförmige Hütte. „Einige Dorfbewohner störte es. Sie dachten, das würde nie funktionieren, für sie war es nur schwimmender Müll. Also riefen sie die Polizei.“ Die stoppte seine Bauarbeiten. Desillusioniert packte Sowa seine Sachen und verließ das Dorf. Drei Tage später zog Hurrikan „Pauline“ über den Ort und machte die Siedlung dem Erdboden gleich.

An der Ostküste, in Puerto Aventuras, einer neu entstehenden kleinen Siedlung an einem Kanalsystem, startete er einen zweiten Versuch. Wieder verwendete er Flaschensäcke, über die er dieses Mal aber Bambus und Sperrholzplatten legte. Auf die Platten schüttete er Sand, auf manchen pflanzte er kleine Mangroven. Deren Wurzeln wuchsen durch die Paletten hindurch und um die Flaschensäcke herum, so dass die ganze Insel bald unter Wasser von einem dichten Wurzelgeflecht zusammengehalten wurde. Spiralförmig baute er seine Insel zu den Rändern immer weiter – bis sie groß genug war, um eine Hütte aus Palmwedeln darauf zu errichten. Dieses Mal hatte er sich von den Stadtplanern der Siedlung zuvor eine Genehmigung geholt: „Sie erlaubten es, aber sie sagten von Anfang an: ‚Wenn Leute am Ufer Grundstücke kaufen und es sie eines Tages stören sollte, dass du da bist, dann musst du weg!‘“ Vier Jahre lang schleppte der braungebrannte Zimmermann Flaschensack für Flaschensack an, baute neue Ausleger an und verwandelte das Eiland mit Bäumen, Blumen und Gemüsegärten in ein grünes Paradies mit drei Sandstränden. Seine Hütte war inzwischen zu einem zweistöckigen Haus mit Dachterrasse, Aussichtsturm, selbstkompostierender Toilette und einem Solarbackofen in Form eines riesigen Parabolspiegels angewachsen. Umweltschutz war Sowa ein wichtiges Anliegen.

„Spiral Island“, wie er die Insel nannte, wurde immer bekannter. Touristen kamen, um sie zu besichtigen oder um Sowa zur Hand zu gehen. Sogar TV-Sender berichteten. Doch nicht jeder war so begeistert. Seine Nachbarn beklagten, er habe nicht die nötigen behördlichen Papiere, um dort zu leben. „Sie drohten“, so Sowa, „die Insel aus dem Wasser zu holen und auf die Müllkippe zu werfen.“ Sowa musste vor Gericht. Am Ende zog er seine Insel zur Mündung des Kanals hinaus, wo sie fern aller Nachbarn vor der Küste vertäut wurde.

Am 17. Juli 2005 wurde eine Warnung ausgegeben: Hurrikan „Emily“, der in der Karibik schwere Verwüstungen angerichtet hatte, zog direkt auf Puerto Aventuras zu. „Ich wollte auf der Insel bleiben. Aber ein Freund redete auf mich ein: ‚Ich fahr nach Süden – komm mit!‘ Also packte ich meinen Hund Bonga und stieg mit ein.“ Eine Entscheidung, die ihm wahrscheinlich das Leben rettete. Der Hurrikan hatte seine Insel an die Küste geschmettert. Die Holzbalken, Bretter und Platten, aus denen er sie über Jahre erbaut hatte, lagen zersplittert über den Strand verteilt. Genau wie die rund 250.000 Flaschen, auf denen sein Lebenstraum geschwommen war.

Doch dann kam unerwartete Rettung: Oscar Constandse, Leiter eines lokalen ökologischen Parks, war so begeistert von der Vision einer selbstversorgenden Umwelt-Insel aus recyceltem Müll, dass er Sowa 20.000 Dollar für eine neue Insel gab. Weitere umweltinteressierte Investoren stießen dazu, und bald hielt Sowa 40.000 Dollar Startkapital in den Händen. Regelmäßig führt Sowa heute Besuchergruppen gegen eine kleine Spende über seine Insel. Wer „Joysxee“ mit seinen meterhohen Mangroven, Palmen, dem Gemüsegarten, dem dreigeschossigen Hauptbau mit Gästezimmer, Massagepavillon und schwimmendem Doppelbett sieht, kann kaum glauben, dass all dies aus Müll gebaut wurde.

Nachdruck aus  Spiegel Online 10/2012

TEXT Danny Kringiel | ILLUSTRATION Julia Fernández

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