Rundlauf mit Hindernissen

Einige Unternehmen werben damit, kaputte Schuhe zurückzunehmen und sie umweltgerecht weiterverarbeiten zu lassen. Unsere Autorin wollte den Weg ihrer alten Turnschuhe verfolgen. Ein sportliches Vorhaben.

In einem Reno-Schuhgeschäft in Hamburg. In der Nähe der Kasse erblickte ich einen orangefarbenen Behälter. Die Verkäuferin erzählte mir, dass man dort seine alten Schuhe hineinwerfen kann und dafür einen Einkaufsgutschein erhält. In den nächsten Monaten fielen mir ähnliche Behälter und Boxen in anderen Geschäften auf, darunter H&M, Puma, Desigual. Auf Werbezetteln und -seiten stand: Mit der Wiederverwertung von Schuhen werde etwas für eine bessere Umwelt getan.
Ressourcen geschont, Abfallberge verkleinert. Eine gute Sache, dachte ich: Allein in Deutschland landen jedes Jahr mehr als 380 Millionen Paar Schuhe im Hausmüll – ob kaputt oder einfach nicht mehr gewollt.

Ich recherchierte, wer hinter all diesen Rückgabekisten steckt: die Firma I:Collect. Das international tätige Recyclingunternehmen will den Altkleidermarkt revolutionieren. Es verspricht, bis 2020 alle Sammelmengen an Schuhen, Kleidung, Bettwäsche und Gürteln in einen geschlossenen Materialkreislauf zu bringen und darin zu halten. Ziel ist ein so genanntes Upcycling, bei dem aus einem Produkt ein gleich- oder höherwertiges Produkt wird. Aus einem alten Sneaker könne zum Beispiel ein neuer werden.

Allein in Deutschland landen jedes Jahr mehr als 380 Millionen Paar Schuhe im Hausmüll – ob kaputt oder einfach nicht mehr gewollt.

I:Collect ist eine Tochter von Soex, einem weltweit führenden Unternehmen für Alttextilvermarktung und -recycling. Eine neuartige Upcycling-Anlage im Werk Wolfen, Sachsen-Anhalt, soll dafür sorgen, dass sämtliche in Schuhen verarbeiteten Materialien weiterverwendet werden können. Das wäre die erste Maschine ihrer Art. Ich überlegte: Im Keller lagen meine kaputten Sportschuhe herum. Vielleicht könnte ich sie ja im Geschäft abgeben und ihre Reise ins – gelobte – unendliche Leben verfolgen. Mit Experten über Rücknahmesysteme im Einzelhandel sprechen und über die Erfahrungen berichten.

Also kramte ich die alten Treter heraus und hob sie prüfend in die Höhe: Aufgerissen und ausgelatscht, wie sie waren, ließen sie sich weder reparieren noch war es jemand zumutbar, sie weiterhin zu tragen. Am nächsten Tag schleppte ich sie zur nächsten Reno-Filiale. Im Eingangsbereich stand ein Automat mit einer Klappe. Ich zog daran, stellte die Sportschuhe auf eine vorgesehene Fläche mit zwei Fußabtritten und schloss die Klappe wieder. Mit einem dumpfen Geräusch fielen die Schuhe in die Höhle des Behälters, der dann Sekunden später einen Gutscheinbon über 50 Cent ausspuckte. „Umweltbewusstsein zahlt sich aus!“ stand auf dem Zettel. Das war das Letzte, was ich jemals von ihnen sah.

Rundlauf mit Hindernissen

Ich schrieb den Unternehmensvertretern von I:Collect und Soex Mails, dass ich meine Treter begleiten wolle, mit dem Paketboten bis nach Wolfen fahren wollte. Sie hielten mich mit einem Termin über Monate hin: Zunächst argumentierte die Marketing-Frau damit, dass Besuche wegen Umbaumaßnahmen im Werk vorerst nicht möglich seien. Einige Wochen später stellte sie eine Werksführung in Aussicht, meldet sich dann aber nicht. Nach weiteren Kontaktversuchen teilt mir der PR-Mann mit, dass der Verantwortliche im Werk Wolfen für die Upcycling-Anlage krank sei. Zudem müsse der Wissenschaftler der teilnehmenden englischen Universität bei einer Besichtigung mit anwesend sein.

Seitdem war Funkstille. Fragen beantwortete der PR-Mann schriftlich eher allgemein: Die eingesammelten Schuhe werden händisch sortiert. Der größte Teil – noch tragbare Schuhe – wird als Secondhandware weltweit weitervermarktet, also wiederverwendet. Ein Teil der nicht mehr tragfähigen Schuhe wird entsorgt. Diese landen also über Umwege doch noch in klassischen Verbrennungsanlagen.

Ewiges Leben, adieu! Ich fragte mich: Was wäre eigentlich aus meinen Schuhen geworden, wenn ich sie bei Nike abgegeben hätte? Der Sportartikelanbieter zählt zu den Rücknahme-Pionieren von Schuhen im Handel: In den USA zum Beispiel nimmt Nike sie seit 1990, in Deutschland seit 2007 zurück. Beim so genannten „Reuse-A-Shoe“-Programm sammelt der Konzern Sportschuhe jeder Marke ein, die nicht mehr tragbar sein sollen.

Der Konzern behauptete auf seiner Website: „Schuhe recyceln ist extrem einfach.“ Doch auch bei Nike stieß ich auf Hürden: Zu Programmbeginn konnte man seine abgetragenen Sportschuhe noch in Nike-Geschäften in Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main und Zweibrücken lassen, in Hamburg war dies später nicht mehr möglich. Eine Nachfrage vor Ort ergab, dass es dort tatsächlich mal eine Box gab, in die man Ausgedientes werfen konnte. Warum das inzwischen nicht mehr möglich ist, lässt Nike unbeantwortet.

Zum Zeitpunkt meines Versuchs konnte man die Schuhe nur direkt zu einem Recycling-Werk von Nike im belgischen Meerhout schicken. Damit hätte man aber den ökologischen Nutzen des Recyclings geschmälert, wie der Konzern selbst auf seiner Website zugab. Zudem übernahm Nike keine Versandkosten. Dieses Werk hätte ich – wie das von Soex – gerne näher angeschaut. Ein PR-Mann teilte mir dazu mit, dass die Nike-Kollegen in den USA zuständig seien. Die jedoch haben, trotz mehr­fachen Nachhakens, keine Fragen zum Recycling und zu einem möglichen Besuch des Nike-Werks in Belgien beantwortet.

So blieben folgende Informationen: Im Recycling-Werk werden die Schuhe als Ganzes gemahlen; das gewonnene Material gelangt danach durch eine Reihe von Separatoren und wird zu „Nike Grind“ verarbeitet. Dieser Grind aus dem Gummi der Laufsohle, Schaumstoff aus der Mittelsohle und Gewebe aus dem Obermaterial wird teilweise von Nike in Textilien und Sohlen neuer Schuhe verwendet, hauptsächlich aber von anderen Unternehmen als Bodenbelag für Sport- und Spielplätze. Es findet also wiederum „nur“ ein Downcycling statt. Weltweit gab es zum Zeitpunkt des Versuchs 450.000 Plätze aus diesem Material, rund 28 Millionen Paar Sportschuhe waren dafür abgegeben worden.

Der Versuch hat gezeigt: Ein hochwertiges Recycling der Schuhe gibt es bisher kaum, auch wenn das manche Unternehmen versprechen. Ob meine Fitnessschuhe, die ich bei Reno auf eine Reise geschickt habe, nun irgendwo als Reste im Straßenbelag stecken oder doch verbrannt wurden, bleibt offen. Es ist natürlich löblich, wenn Firmen technische Verfahren zur Wiederverwertung von Schuhen austüfteln. Aber vollmundige Werbeaussagen helfen nicht weiter. So kündigte I:Collect bereits 2013 in einer Pressemitteilung selbstbewusst an, „innerhalb eines Jahres die Wiederverwertung aller in Schuhen verarbeiteter Materialien [zu] erreichen“. Die Anlage dazu soll nun Ende 2016 regulär arbeiten, heißt es inzwischen von Unternehmensseite.

Ein hochwertiges Recycling der Schuhe gibt es bisher kaum.

Eine Energiebilanz steht also noch aus. Und auch die Schuhhersteller müssen mitspielen. Denn ein ewiger Kreislauf macht ökologisch nur Sinn, wenn bereits im Design begonnen wird, die Schuhe fürs Recycling zu entwickeln, und Materialien verwendet werden, die endlos wiederverwertet werden können. Ziel: Schuhe, deren einzelne Materialien unbedenklich sind und sich leicht wieder voneinander trennen lassen. Das ist derzeit häufig nicht der Fall – auch wenn immer mehr nachhaltige Modelle auf den Markt kommen, teilweise „made in Germany“, wie ich erfuhr. Diese finden sich leider meist nicht in herkömmlichen Schuhgeschäften. Dort treffe ich vor allem auf Exemplare „made in China“ sowie „made in Vietnam“, die weit um die Erde gereist sind und aus Materialien bestehen, die ich schwer einschätzen kann.

Mehr Transparenz für die Verbraucher wäre hilfreich. Klar, jeder Schuhhersteller ist gesetzlich verpflichtet, seine Schuhe – dem Material entsprechend – zu kennzeichnen; dies kann er in Form eines Piktogramms oder Textes machen. Aber was ist mit anderen Inhaltsstoffen? Verbraucher können zwar kostenlos beim Händler, Hersteller oder Importeur nachfragen, welche „besonders besorgniserregenden“ Stoffe in ihrem Produkt enthalten sind. Doch wer macht sich schon die Mühe? Ich jedenfalls nicht. Und es wäre wohl naiv zu glauben, in jedem Fall wahrheitsgemäße Infos über alle Stoffe zu erhalten, die der Umwelt oder dem Menschen schaden.

Was ich bei der Schuhauswahl auch kaum überblicken kann: ob Sozialstandards in den Fabriken tatsächlich eingehalten werden. Entsprechende Qualitätszeichen, Zertifikate und Siegel sind zwar auf dem Markt, fallen mir in herkömmlichen Filialen aber kaum auf. Ich schaue mich daher in jüngster Zeit öfter in speziellen Onlineshops und auf Ranking-Websites um, die nachhaltige Kriterien genau beschreiben: die etwa darüber informieren, ob die Modelle fair und sozial produziert wurden, wie hoch der Anteil umweltfreundlicher Materialien ist und ob CO₂ gespart wurde. Geprüft durch ein unabhängiges Institut.

Noch sind nachhaltige Schuhe kein Mainstream-Thema, während Verbraucher bei Klamotten und vor allem bei Lebensmitteln längst verstärkt auf „öko“ oder „bio“ achten. Zugegeben: Auch ich habe faire Alltagsschuhe bisher nur angeschaut, noch nicht gekauft. Das liegt erstens daran, dass lange keins meiner Paare kaputtgegangen ist, und zweitens, dass mir das ständige Kaufen – ohne die Sachen wirklich zu brauchen – immer weniger gibt. Weniger Konsum ist halt mehr, und mein Schuhschrank quillt sowieso über.

Rundlauf mit HindernissenHinten im Schrank habe ich nun noch „vergessene“ Sportschuhe gefunden. Statt sie in eine Kiste zu stellen, die offenbar mehr Werbung als wirkliche Ressourcenschonung verspricht, trage ich sie lieber noch ein Weilchen weiter. Das scheint mir nach meiner Odyssee durch die Pressestellen der Sportartikelhersteller im Moment der größere Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

Unter dem Titel „Straßenbelag statt neuer Treter“ hat sich Tanja Busch auf dem Portal WiWo Green mit der Frage beschäftigt, ob und wie heutzutage Schuhrecycling möglich ist. Der Text entstand im Rahmen des Journalisten-Stipendiums „Nachhaltige Wirtschaft“.

TEXT Tanja Busch | FOTOS Jann Klee