Grüne Vorkämpfer

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Erschöpfte Rohstoffe, erschöpfte Böden, erschöpftes Klima. Wie gut, dass es zumindest noch ein paar muntere Menschen gibt, die jetzt anfangen zu handeln. Ein Besuch bei Jungunternehmern, die mit ihren Ideen die Welt verändern können.
Zumindest ein bisschen.

Hell und freundlich soll er sein, herzlich und einladend. Pflanzen, ein Café, Kacheln an den Wänden. Und alles nicht so überfrachtet, lieber ausgewählte Produkte. Sara Wolf hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie der Supermarkt der Zukunft aussehen wird. Ihr Supermarkt. Das Wichtigste daran: Es gibt keine Verpackungen. Alle Waren befinden sich in Gläsern, Körben oder verchromten Metallbehältern. Ihre Getränke zapfen sich die Kunden selbst ab. Alles wird nach Gewicht abgerechnet. Um ihre Einkäufe nachhause zu transportieren, können sich Kunden Behälter leihen, sie kaufen oder – das wäre am besten – ihre eigenen mitbringen. Wegwerf-Plastik gibt es in diesem Laden nicht, keine Kunststoffverpackungen, keine Tetra­paks, weder Wurst noch Käse sind abgepackt. Alles ist frisch, alles sichtbar. Im Sommer soll er eröffnen: der erste Vollsortiment-Supermarkt Deutschlands, der ohne Verpackungen auskommt: „Original unverpackt“.

Wolf und ihre drei Kolleginnen begegnen damit gleich drei drängenden Problemen: Sie ermöglichen ihren Kunden, nur so viel zu kaufen wie nötig. Wo es keine Verpackungen gibt, da ist auch nicht festgelegt, dass Mehl nur kiloweise zu haben ist.

Sie vermeiden Abfall. Und sie sparen Rohstoffe ein, die für alle Verpackungen verbraucht werden, die sich sonst in einem Supermarkt befinden. Von Rohöl für die Plastikverpackungen über Holz, Papier und Pappe bis hin zum Aluminium für die Deckel der Jogurtbecher.

Überfluss, Abfall und Ressourcenverschwendung hängen eng zusammen. Wir kaufen mehr als nötig und produzieren dadurch mehr Abfall, der die Umwelt belastet. Um unseren Konsumdrang zu befriedigen, werden immer mehr Rohstoffe der Erde angezapft – und häufig sind diese endlich. Wann uns welcher Rohstoff ausgeht, darüber streiten die Wissenschaftler. Sicher ist nur: Die Nachfrage nach ihnen steigt weiter. Im Jahr 2009 wurden 68 Milliarden Tonnen Rohstoffe verbraucht, zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 50 Milliarden. Es heißt, dass dafür die wachsende Weltbevölkerung und der steigende Wohlstand in den Schwellenländern verantwortlich seien. Doch es gibt mit den Verpackungen noch ein anderes Problem: Sie müssen nicht nur aufwändig hergestellt, sondern auch wieder abgebaut werden. Und das können unsere Ökosysteme nur begrenzt. Eine Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) kommt zu dem Schluss, dass die Rohstoffknappheit auch ihr Gutes hat: Sie entpuppe sich als „Nährboden, um Innovationen für mehr Ressourceneffizienz, Substitution und Recycling voranzutreiben“.

In Deutschland hat bereits ein Umdenken eingesetzt. Junge Unternehmer brechen auf und wollen Produkte ganz neu denken. Sie wollen Produkte anbieten, die zwar weniger Rohstoffe verbrauchen, dafür aber mehr an Lebensqualität erzeugen.
Wollen sich an Sachen rantrauen, die nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Umwelt nützen. Menschen wie Anke Domaske, die aus Milch Textilien und Kunststoffe herstellt, leisten Pionierarbeit. Genau wie die drei Gründerinnen des ersten „Upcycling Fashion Stores“ Deutschlands, die Mode aus Reststoffen designen. Christian Wolf bekämpft die ausufernde Produktion von digitalen Elektrogeräten, indem er gebrauchte Geräte ankauft, sie repariert und dann „wie neu“, wie er sagt, weiterverkauft. Der Geschäftsführer des Unternehmens Cone Pal hat die lange Zeit unumstrittene Europalette neu entwickelt und wesentlich energieeffizienter und ressourcenschonender gemacht. Und schließlich die vier Unternehmerinnen von „Original unverpackt“, die erkannt haben, dass es auch ohne Verpackungen geht. So unterschiedlich die Branchen, Tätigkeitsfelder und
Lösungen dieser Menschen sind, so ähnlich sind ihre Motive.

„Ich hatte schon immer das Bedürfnis, etwas zu ändern“, sagt Sara Wolf von „Original unverpackt“. Die 30-Jährige ist in ihrem provisorischen Büro in Berlin-Kreuzberg mit einem potenziellen Investor verabredet. Das Konzept für den Supermarkt steht, der Businessplan ist geschrieben und mehrfach ausgezeichnet, die Idee hat eine Menge positiver Reaktionen hervorgerufen. Facebook sei „explodiert“, sagt Wolf. Aber noch fehlt das Geld für die passende Immobilie, für den Innenarchitekten und die Waren. Trotzdem ist sie sicher, dass sie und ihre Mitstreiterinnen ihren Supermarkt noch in diesen Sommer eröffnen können.

Seit Mitte letzten Jahres verbringt sie jeden Arbeitstag mit der Umsetzung ihrer Idee. Sie kündigte ihren Job in einer Kommu­nikationsagentur, ihre Kollegin Milena Glimbowski tat es ihr gleich. Die beiden haben die Idee während eines „süffigen Abends“ gemeinsam entwickelt. Beim Kochen ärgerten sie sich über die überflüssigen Verpackungen, erzählt Wolf, die grundsätzlich kein Essen wegschmeißt. „Was ich nicht verzehre, bekommen die WG-Bewohner.“

Wolf und Glimbowski recherchierten und fanden Vorbilder in England und den USA, aber nicht in Deutschland. Das überraschte sie – und ließ sie kurz zögern. Sie fragten sich, ob die Leute bereit seien für die Zukunft des Einkaufens. Nach all den positiven Reaktionen sind sie davon überzeugt und bauen auf Kunden, die mitdenken und geplant einkaufen. Zwar sollen vor allem tierische Produkte aus der Öko-Landwirtschaft stammen, doch legen die Gründerinnen Wert darauf, dass Einkaufen bei „Original unverpackt“ für jeden erschwinglich ist. Das geht, weil sie so genannte Bulk-Ware einkaufen, Reis in großen Säcken etwa, und weil sie mit regionalen Anbietern koope­rieren. Sie wählen ihre Produkte genau aus, neben Regionalität spielen Geschmack und Qualität, Lieferbedingungen und Umweltfreundlichkeit eine Rolle.

Wolf und ihre Kolleginnen haben sich hohe Ziele gesetzt. „Wir wollen irgendwann in jedem Kiez präsent sein“, sagt die Berli­nerin und hält kurz inne. „Und in jeder größeren Stadt.“ Und wer weiß, was danach kommt. „Die Idee nimmt kein Ende. Es ist durchaus vorstellbar, dass es nicht bei einem Supermarkt bleibt.“

Dass sich gute Ideen schnell verbreiten, hat auch Anke Domaske erfahren. Sie hat ein Verfahren entwickelt, in dem sie aus alter Milch frische Textilfasern spinnt. Doch bevor es so weit war, passierte erst etwas Schreckliches: Ihr Stiefvater erkrankte an Leukämie, er konnte kaum mehr einen Pullover oder ein T-Shirt tragen. Seine Haut reagierte allergisch auf die chemischen Zusatzstoffe im Material. Auch reine Baumwolle, Seide, Kaschmir – es half nichts. Die Diplom-Mikrobiologin Domaske, die mit 19 Jahren bereits ihr eigenes Modelabel gegründet hatte, setzte sich in den Kopf, für ihn Kleider aus chemiefreien Natur­stoffen herzustellen. Sie stieß auf ein Verfahren, das schon in den 30er-Jahren angewendet wurde: die Herstellung von Kasein­fasern aus saurer Milch. „Das dauerte allerdings sehr lang und war sehr chemikalienlastig“, sagt die 30-Jährige. Sie probierte es trotzdem. Ihre Vision: eine Faser, die ohne Chemie und ohne Abfallprodukte entsteht.

„Probieren Sie mal“, sagt Domaske und strahlt mit fast kindlicher Freude. Zum Tee im Konferenzraum ihres Unternehmens Qmilk liegt ein Bündel Fasern auf dem Tisch. „Die können Sie essen!“ Im Mund lösen sich die weißen Fäden langsam auf, sie schmecken nach nichts. „Milch ist unheimlich flexibel“, sagt sie. „Sie enthält 200 verschiedene Stoffe, und es macht Spaß, sie alle zu entdecken.“

Nach dem ungewöhnlichen Imbiss zeigt Domaske, was sie mit den Fasern noch alles vorhat. Sie stapft über den Industriehof hinüber in die neue, 1.500 Quadratmeter große Produktionshalle.
Anders als die Unternehmerinnen von „Original unverpackt“ hat sie bereits Investoren gefunden, die fünf Millionen Euro für Maschinen zur Verfügung gestellt haben.

Viel ist davon allerdings noch nicht zu sehen, einzelne noch verpackte Maschinenteile stehen herum, dazwischen eine Palette Schlagsahne mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Wie würde diese sich in einen Pullover verwandeln? Domaske streckt die Hand aus und lässt die frisch aus einer kleineren Test­maschine kommenden Fasern über ihre Hand laufen, fast zärtlich, doch sie zerreißen trotzdem. Das war nur eines der Probleme. Die Reißfestigkeit. Um Textilien daraus herzustellen, muss die Faser aber auch wasserfest sein. Und temperaturbeständig, möglichst über 60 Grad. Sie hat es geschafft, mit einem einfachen Verfahren: Wenn Milch versauert, entsteht Molke. Darauf setzen sich weiße Flocken ab: Kasein, ein Milchprotein. Das wird abgeschöpft, getrocknet und pulverisiert. In einem großen Rührbottich wird das Pulver mit Wasser und anderen natürlichen Zutaten vermischt – welche das sind, verrät sie nicht. Die richtige Mischung – 1.800 Rezepte hat sie in den vergangenen drei Jahren dokumentiert – ist schließlich ihr wertvollstes Kapital. Die klebrige Masse wird nun durch eine Lochplatte gepresst und heraus kommen: dünne Fasern. Für ein Kilo Milch-Gewebe benötigt sie gerade mal zwei Liter Wasser. Zum Vergleich: Bei der Herstellung von einem Kilo Baumwolle werden rund 12.000 Liter Wasser verbraucht.

Im April soll die Produktion starten. 25 Mitarbeiter werden dann in der Halle arbeiten. Schon jetzt stehen die Kunden Schlange. Nicht nur aus der Bekleidungsindustrie. „Es fasziniert mich, was Leute alles aus den Fasern machen wollen“, sagt sie. Zum Beispiel Lautsprechermembranen, Tapeten, Teppiche, Wundauflagen oder Teebeutel.

Auch die Verpackungsindustrie zeigt großes Interesse. Nicht an den Fasern, sondern an ihrer Vorstufe, dem klebrigen Teig. Aus diesem Biopolymerwerkstoff kann Granulat hergestellt werden, das sich problemlos wieder einschmelzen und in jede beliebige Form gießen lässt. Gartenstühle oder Legosteine aus Milch­resten? Eine Revolution. Auf diese Erkenntnis hat sie schnell reagiert, einen Teil der Milchmischung wird sie an Kunststoffhersteller liefern. Doch die Nachfragen großindustrieller Kunden kann sie noch nicht bedienen, vor allem wegen der schwankenden Lieferungen der sauren Milch, die sie direkt von den Bauern und Molkereien bekommt. „Zwei Millionen Tonnen werden jedes Jahr in Deutschland entsorgt. Die würde ich am liebsten alle haben“, sagt sie. Das funktioniert aber nicht so einfach. Die Reste zu entsorgen ist für die meisten einfacher, als sie sinnvoll zu verwerten.

Und der Stiefvater? „Dem geht es besser. Er ist mein größter Fan“, sagt sie. „Und er trägt nur noch Kleidung aus meinen Fasern.“
Auch bei Perry Sommer hat die Idee, die den Handel verändert, in der Familie angefangen. Sein Vater, ein Verpackungshersteller, bekam bei jeder Warenlieferung Unmengen von unhandlichen und schlecht zu lagernden Paletten geliefert. Das nervte nicht nur – es verbrauchte auch Unmengen an Platz und Material und stieß jede Menge CO2 aus. Vater Sommer über­­legte, ob es auch anders ginge, und entwickelte die ressourcen­schonende Palette „Cone Pal“. Aus recycelbarer Pappe, mit konischen, hohlen Füßen, um sie Platz sparend ineinander­zustecken. „Das war noch laienhaft“, sagt der Sohn, der 2007 einstieg und ein eigenes Unternehmen für die Paletten­produktion gründete, um die Cone Pal profes­sio­nell zu produ­zieren. „Im Moment arbeiten wir an der Cone Pal 2.0“, sagt Perry Sommer. „Die neue Variante wird noch stabiler und die Füße halten dann auch extremen, nicht alltäglichen Beanspruchungen stand.“

Die Nachfrage ist längst größer als die Produktionskapazität. Kein Wunder bei all den Vorteilen, die die Cone Pal gegenüber der herkömmlichen Europalette aus Holz bietet: Nicht nur, dass sie sich im Presscontainer entsorgen und zu 100 Prozent recyceln lässt, die Nutzung spart bis zu 70 Prozent CO2-Emissionen ein, rechnet Sommer vor. Durch die Möglichkeit, sie ineinanderzustecken, ist das Liefervolumen sehr viel geringer. Was sonst in vier LKW-Ladungen geliefert werden musste, passt jetzt in eine einzige. Zudem ist die Cone Pal günstiger – 5,50 Euro statt 7 Euro für eine Holzpalette. Die ökologische Komponente war für Sommer letztlich entscheidend, darauf ist er besonders stolz: „Wir können rohstoffunabhängig produzieren“, sagt er. Sein Produkt besteht zu 92 Prozent aus recyceltem Papier, der Rest ist Frischfaser.

Im Jahr kann die Cone Pal GmbH 750.000 Paletten ausliefern, Rücknahme und Wiederverschickung eingerechnet. In Europa sind allerdings über 600 Millionen Paletten im Umlauf. „Noch fehlt uns die Durchschlagskraft“, sagt der gelernte Informatiker und Logistiker, der 17 Mitarbeiter beschäftigt. „Wir suchen nach einem fairen Partner. Wir müssen unser Baby wohl teilen, um die Sache voranzubringen.“ Sommer ist anzumerken, dass ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken ist, er hat die Dinge gern komplett selbst in der Hand.

Keine Angst vorm Teilen hat dagegen der Niederländer Dave Hakkens. Im Gegenteil: Je mehr Menschen sich einbringen, umso besser findet er es. Darum stellte er seine Idee für ein Mobil­telefon zum Selbstzusammenstecken auch direkt mit allen Plänen ins Internet. In rasantem Tempo kamen weitere Ideen aus der Community, Hakkens bekam Mails und Anrufe aus aller Welt, auch von Herstellerfirmen, die mit ihm zusammen­arbeiten wollen. So entstand „Phonebloks“.

Als Hakkens 2012 feststellte, dass seine geliebte Digitalkamera kaputt war, und er sie reparieren wollte, fand er heraus, dass ein winziges Teil schuld war, das es nirgends nachzukaufen gab. Überall hörte er: „Sie müssen sich eine neue Kamera kaufen.“ Das ärgerte den Studenten, der sich schon seit Längerem mit den Müllströmen der Elektroindustrie befasst und herausgefunden hatte, dass die Menge an Elektroschrott stetig und schnell ansteigt – weltweit auf mittlerweile 40 Millionen Tonnen im Jahr. Einer der größten Faktoren dabei sind Mobiltelefone. Deren Innovationen kommen in immer schnellerer Folge, sodass Handys von vornherein nur auf eine kurze Nutzung ausgelegt sind.

Hakkens’ Vision: ein Telefon, das aus verschiedenen Blöcken besteht, beispielsweise der Kamera, dem Speicher, der Batterie oder Lautsprechern. Diese Blöcke sind durch einfache Steckverbindungen mit einer gemeinsamen Basis verbunden und einzeln austauschbar. So ist das Telefon ganz einfach zu reparieren. Noch wird es nicht produziert, aber die Community, die die Herstellung unterstützt, wächst.

Doch auch jene Telefone, die heute im Umlauf sind, sollten eine längere Nutzungszeit haben. Dafür müssen sie aber repariert, aufgebessert, gepflegt werden. Das will das Unternehmen „Wir kaufens“ schaffen: ausrangierte Digitalgeräte wieder attraktiv machen. Die Idee kam dem Geschäftsführer Christian Wolf, damals noch bei der Telekom tätig, beim Blick in die Schublade seines Schreibtisches. Da lagen ungenutzte Mobiltelefone im Wert von knapp 1.000 Euro herum – ähnlich wie in vielen anderen Büros und Haushalten in Deutschland: 2013 wurden rund 30 Millionen Mobiltelefone gekauft. Laut einer Umfrage des Bundesverbandes für Informationstechnologie und Telekommunikation liegen in Deutschland über 100 Millionen alter Telefone in Schubladen, im Keller oder auf Speichern herum. Ungenutzte Rohstoffe, die über Recyclingverfahren wieder­gewonnen werden könnten, während neue Geräte immer mehr Rohstoffe benötigen. Vor allem seltene Erden und Metalle. Von allen in einem Periodensystem aufgeführten Elementen, von den 114 Elementen also, aus denen ausnahmslos alle Stoffe dieser Erde aufgebaut sind, sind 43 in einem Handy enthalten.
Ein Mobiltelefon zu recyceln mache aber nur Sinn, wenn es auch wirklich ausgedient hat und wirklich nicht mehr funktioniert, meint Wolf. Vor dem Wegwerfen und Recyceln
schenkt er Elektrogeräten durch „Refurbishment“, also professionelle Wiederaufbereitung, ein zweites Leben. Das funk­tioniert so: Auf der Online-Plattform „Wir kaufens“ kann jeder seine alten Handys, Laptops, Digitalkameras und Tablet-Computer anbieten. Je nach Modell und Zustand spuckt ein Algorithmus den Ankaufspreis aus. 10.000 bis 20.000 Geräte kauft Wolf jeden Monat an. Die landen in Frankfurt (Oder), wo das Unternehmen sein Lager und seine Werkstatt hat. Die Flure sind breit, die Decken tief. Der Ablauf ist immer derselbe: Wolf und seine Mitarbeiter löschen Daten, testen die Geräte, reparieren und reinigen sie mit Schraubenziehern und Pinseln, fein wie Uhrmacherwerkzeug, und fotografieren sie für den Online-Shop. Und verschicken sie schließlich an neue Kunden. Der Prozess vom Aus- bis zum Einpacken soll möglichst nicht länger als einen Tag dauern, erklärt Wolf, denn der Wertverlust sei enorm: Bei Apple-Produkten betrage er drei Prozent pro Monat. Der Verkauf läuft hauptsächlich über die bekannten Verkaufsportale eBay und Amazon. Der eigene Shop „asgood­asnew.com“ ist noch nicht bekannt genug.

Auch wenn sich viele Mobiltelefone, vor allem die einfachen Modelle, schlecht verkaufen, stimmt die Marge: im Schnitt ein Drittel pro Gerät. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen 15 Millionen Euro um, zweieinhalbmal mehr als im Jahr zuvor. „Zudem geben wir den Leuten ein gutes Gewissen“, sagt er.

Das Gewissen spielte auch für Arianna Nicoletti die entscheidende Rolle. Mitten in ihrem Modedesign-Studium in Urbino, Italien, verlor sie den Faden. Auf einmal wusste sie nicht mehr, warum sie unbedingt in dieser Branche hatte arbeiten wollen. Die oberflächliche Modewelt war ihr plötzlich zuwider, sie wollte ihr Studium abbrechen. Die letzte Chance: ein Praktikum bei der britischen Modedesignerin Orsola de Castro, die mit ihrem Label „From Somewhere“ nachhaltige High Fashion produzierte. Dort lernte sie Louise Barsch und Carina Bischof kennen, mit denen sie kurze Zeit später das Label „aluc“ gründete und den ersten „Upcycling Fashion Store“ Deutschlands eröffnete.

Eingezwängt zwischen ergrauten Fassaden der Berliner Mitte haben die drei Frauen ihren Laden ganz in Weiß gekleidet, Tischtücher hängen über der Fassade, daran festgetackert flattern blaue Blusen im Wind. Ähnlich unkonventionell geht es drinnen weiter: Eine ehemalige Stoffhose dient einer Schaufensterpuppe als Jacke, sie wurde im Schritt aufgetrennt, die ehemaligen Hosenbeine sind jetzt Ärmel. Ein Rock ist aus Socken in verschiedenen Grüntönen zusammengenäht. Das originellste Stück: ein Kapuzenpullover, der zu einer Hose umfunktioniert wurde. Alle Kleider sind limitierte Editionen oder Einzelstücke. Der Preis ist dementsprechend hoch. Der Socken-Rock kostet 150 Euro.
Neben dem Preisschild informiert ein Zettel, der an dem Kleidungsstück baumelt, dass die Designerin fünf Stunden daran genäht hat.

Gebrauchte Kleidung für so viel Geld, funktioniert das? „Unsere Kunden kaufen bewusst bei uns“, sagt Louise Barsch. „Sie kaufen sich vielleicht weniger Stücke, dafür aber exklusive Mode.“ Sie selbst hat seit fünf Jahren kein Geld für neue Kleidung ausgegeben, stattdessen kauft sie Secondhand-Sachen oder näht selbst, genau wie ihre Kolleginnen. Praktischerweise wohnen die auch zusammen und teilen sich einen Kleiderschrank.

Der Laden, vor zwei Jahren eröffnet, läuft mittlerweile fast von selbst. „Wir haben schnell gemerkt, dass es ein großes Problem gibt: die Materialbeschaffung“, sagt Barsch. Viele Upcycling-Designer suchen mühsam auf Flohmärkten, in der Altkleidersammlung und in Secondhandläden nach geeigneten Stoffen. Die drei Frauen machen es anders: Zwei Textilienhersteller überlassen ihnen ihre Reststoffe zur Hälfte des Einkaufspreises. „Die experimentieren mit Farben und Stoffen und schmeißen
danach alles weg“, sagt Barsch.

Seit einem Jahr arbeiten die Designerinnen zudem mit der Berliner Stadtmission zusammen, die Altkleider sammelt. Nicoletti darf dort übrig gebliebene Kleidung sortieren und sie auf ihre Verwendungsmöglichkeiten prüfen. Bis zu zwei Tonnen laufen pro Woche auf. Auch für andere Upcycling-Hersteller nimmt sie Bestellungen entgegen oder bietet Stoffe an. Sie hofft, dass es mehr wird, dass es sich herumspricht mit dem restlosen Schneidern. Vielleicht gibt es bald eine zentrale Sammelstelle, wo Textilienhersteller ihre Stoffe abliefern können, statt sie wegzuwerfen, vielleicht eine Modenschau mit grünen Sockenkleidern, vielleicht am Ende eine eigene kleine Modebranche. So jedenfalls fangen Pioniertaten an, mit Träumen und Ideen.

TEXT Bastian Henrichs | FOTOS Anne Schönharting