Ein beschriebenes Blatt

Natürlich wünschen wir uns, dass das TrenntMagazin ein ewiges Leben in liebevollen Zeitungsständern hat. Aber ein Blick in die Blaue Tonne der Redaktion verrät: Auch ein Recycling-Heft muss einmal sterben. Unsere Autorin Clara Bergmann hat das TrenntMagazin auf seiner Reise in den Papierhimmel begleitet. Und erfahren, als was es wieder auferstanden ist.

Es ist ein guter Tag zum Sterben. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen über Berlin-Friedrichshain, als ich mit meinem TrenntMagazin in der Hand auf einer Pflasterstraße im Kiez stehe. Es ist mild und trocken und einige Vögel beginnen
gerade, ihr immerfröhliches Lobeslied auf den neuen Tag anzustimmen, als ein weiß-orange-kariertes Sammelfahrzeug um die Ecke biegt. Mit Schwung fährt es auf mich zu, als ich einen Schritt auf die Straße wage. Die hellen Lichter blenden meine Augen. Jetzt oder nie. Ich hebe die Hand, lächele und schwenke das TrenntMagazin. Da bremst der Fahrer ab und hält an.

„Ich will mein TrenntMagazin in ein neues Leben begleiten“, erkläre ich feierlich. In einem Halbkreis stehen der Fahrer des Müllfahrzeugs, Rico Schneider, der Läufer Sven Strietholt, der Fotograf und ich um die Öffnung herum. Dann werfe ich das Heft in die ewigen Blattgründe des Müllfahrzeugs. „Los geht’s“, sagt Rico Schneider. Der 34-Jährige sammelt seit elf Jahren für die Berlin Recycling das Papier in den Blauen Tonnen ein. Seine orangefarbene Kapuzenjacke sitzt locker am schlanken Körper, unter einem blonden Kurzhaarschnitt ruhen dunkle Augen. Meistens führt ihn die Tour durch enge Straßen mit Mehrfamilienhäusern. Das heißt: Länger als eine halbe bis eine Minute sitzt Schneider nie auf seinem Sitz. Dann muss er schon wieder die LKW-Tür aufdrücken, rausspringen und die Tonnen auf die Rampe ziehen. „Friedrichshain ist Häuserkampf“, sagt er, „immer rin, raus, rin, raus, rin, raus.“

Während die zwei einem Anwohner helfen, der gerade einen schweren Pappkarton zu ihnen balanciert, stolpert und den Zeitungsunrat auf der Straße verteilt, klettere ich in die Fahrerkabine. Dort wärmt eine Sitzheizung Po und Lenden, unter­tassengroße Schlüsselringe liegen auf dem mittleren Sitz und ein blauer Ordner verrät, welche Straßen samt Hausnummern wir heute noch anfahren. Ich bekomme aus Schneiders Thermoskanne schwarzen Kaffee, höre den Berliner Dudelfunk und beobachte, wie die Stadt erwacht. Mütter mit Kindern auf dem Fahrradsitz radeln vorbei, eine Rentnerin steht im Hauseingang, Autofahrer fluchen, die am Müllfahrzeug nicht vorbeikommen. Der Wagen hält vor einem Elektro-Muskel-Stimulations-Studio, wo man den Körper durch Stromstöße trainieren kann. „So wat brauch ick nich“, sagt Rico Schneider. „Ick spüre auch so am Ende des Tages jeden Muskel.“

Wie die Königin der Straße throne ich auf dem mittleren Sitz, der sogar höher als die anderen beiden liegt, und sehe, wie wir die Stadt hinter uns lassen. Es ist jetzt hell und wir haben etwa fünf Tonnen Papier eingesammelt, die wir in die Papiersortieranlage von ALBA in Mahlsdorf bringen. Rico Schneider fährt auf die Waage, die wie eine lose Platte im Asphalt aussieht, Sven Strietholt gibt den Tourenschein ab. Als wir in der Annahmehalle sind , steige ich schnell aus. Ich will versuchen, ob ich mein TrenntMagazin beim Abkippen noch einmal sehe.

Aber auf Knopfdruck speit der Laster hunderte Zeitungen, Illustrierte, Werbeprospekte, Briefe, Papiere und Pralinenschachteln aus, die sich in der Halle verteilen. Unmöglich, darunter mein Heft zu entdecken. 55,2 Kilogramm Papier sammelt jeder Berliner im Jahr an Papier und Pappe und wirft sie in die Blaue Tonne. Und manche sogar noch mehr. „Ich hab hier schon Fernseher, Matratzen und tote Viecher rausgezogen“, sagt der Fahrer des Radladers, der den Papierberg aus der Halle mit seiner gewaltigen Schaufel auf ein Laufband befördert. So was gehört da natürlich nicht rein und muss oft mit den Händen herausgesucht werden.

„Hey, Sie dürfen hier doch nicht einfach so auf dem Gelände herumspazieren“, höre ich eine ermahnende Stimme. Es ist Karlheinz Giese, der Leiter der ALBA-Papiersortieranlage. Er hält grüne Warnwesten in seinen Händen und winkt mich zu sich. Ich bin froh, jetzt in seiner Obhut zu sein, denn der Fahrer des Radladers hat wieder seinen Sitz erklommen und saust von Berg zu Band. Da habe ich lieber jemanden an meiner Seite, der weiß, wo ich wann wie stehen kann. Giese – rotes Cappi, Blaumann – ist nach eigener Auskunft ein „Urgestein“ der Papiersortierung. Er widmet sich seit mehr als 20 Jahren dem Trennen von Papier und Pappe. Denn das ist letztlich das Ziel der Sortierung: Altpapier von Kartons und Pappe zu trennen. „Eine Papierfaser können Sie höchstens sechs- bis achtmal recyceln, dann ist sie zu kurz, um sie wiederzuverwenden“, sagt Giese, „aber ein Pappkarton hat viel längere Fasern und schafft es theoretisch bis zu zwanzigmal.“

Wenn Papier recycelt wird, schont das die Umwelt. Das haben Studien des Umweltbundesamtes und des unabhängigen Heidel­berger Instituts für Energie- und Umweltforschung ergeben. Dabei werden nicht nur die Wälder geschont, sondern auch erheblich weniger Energie und Wasser verbraucht, als wenn Papier aus frischen Holzfasern gewonnen wird. Es wird weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre ausgestoßen – auch weil das Altpapier, anders als Zellstoff, meist nicht importiert wird.

Wir gehen in die Halle, in der die Fließbänder röhren, die Anlagen brummen und zischen. Ein leichter Staubfilm liegt auf dem Boden und den Maschinen. Papier ist offenbar eine trockene Materie. „Nach jeder Schicht wird durchgereinigt“, sagt Giese, der gesehen hat, wie ich meinen Finger über eine Anlage fahren lasse. Irgendwo auf einem der grauen Fließbänder, die das Altpapier in luftige Höhen tragen, muss auch mein TrenntMagazin sein. Es wird nun von einer Maschine in die nächste gefahren, in der es immer nur um das eine geht: die Pappe herauszufiltern. Zuerst muss mein Magazin über Gummi­walzen wandern, die das rutschige Papier nach unten strudeln und Kartons oben lassen. Dann reitet es im Papierstrom weiter über Wellen, die Karlheinz Giese Ballistik-Seperator nennt und die auch wieder Kartons nach oben schubsen und Papier auf ein anderes Laufband nach unten zwingen. Das arme Heft muss sich noch an gefährlichen Spikes vorbeizwängen, die die verbleibenden Kartons aufspießen und sich schließlich von Infrarot-Scannern durchleuchten lassen, die graue und braune Pappe mit einem gefährlichen Zischen in den Kartonbunker schicken.

Als Karlheinz Giese und ich in der „händischen Kontrolle“ stehen, greift er genau wie seine Mitarbeiter in den fließenden Papierfluss. „Das hier ist das Schlimmste überhaupt“, sagt er, als er ein eigentlich recht schönes rotes Seiden-Geschenkpapier heraus­gefischt hat. „Es ist komplett durchgefärbt, das bedeutet, die Papierfabrik kann später nicht wie bei Ihrem TrenntMagazin einfach die Druckfarbe abwaschen. Kommt so was in die Papieraufbereitung, macht es riesige rote Kleckse auf dem weißen Papier.“ Ob ein buntes Papier nur bedruckt oder durchgefärbt ist, findet er heraus, indem er es einreißt. Ist es innen weiß, lässt es sich recyceln. Wenn nicht, muss es weg.

Aber auch die rein sortierten Altpapier-Ballen müssen irgendwann weg: in ihr neues Leben als unbeschriebenes Blatt. Zu 500-Kilo-Ballen gepresst und verdrahtet, stehen die bunten Würfel auf dem Hof der Papiersortieranlage. Sie ist von Resten der Berliner Mauer umgrenzt. Viele der Ballen, die hier stehen, werden noch eine andere historische Mauer überwinden. Die Volksrepublik China entwickelt seit der Jahrtausendwende einen wachsenden Bedarf nach Sekundärrohstoffen, die besonders in Deutschland so sorgfältig getrennt werden. Ich folge allerdings nicht den Papierballen nach Fernost, sondern in den näheren Osten: an die polnische Grenze nach Schwedt.
Dort regnet es in Strömen. Der graue Himmel und die grau verkleideten Werkshallen der Leipa Papierfabrik gehen ineinander über. Ich spanne meinen Schirm auf, verfluche meine Lederstiefel und treffe einen überraschend gut gelaunten Sebastian Stockfisch. Der 28-Jährige hat sich die Kapuze seines Windbreakers über das dichte Haar gezogen und führt mich durch einen Modder aus Regenwasser und Zeitungspapier zum Ballen­lager mit der so genannten „Deinking-Ware“, also jenem Altpapier, von dem die Druckfarbe abgelöst werden muss, bevor daraus ein neues Papier entstehen kann. Jeden Tag werden hier 3.000 Tonnen Papier angeliefert – ich spare mir es, suchend um die Ballen herumzuschleichen und nach dem TrenntMagazin Ausschau zu halten. Dafür ist es mir sowieso zu nass. Es gibt aber Qualitätskontrolleure, die schauen sich bei jedem Wetter genau an, was da auf den Hof kommt. „Das Papier sollte nicht älter als sechs Monate sein, sonst lässt sich die Druckfarbe nicht mehr so gut ablösen und die Zeitungen sind bereits vergilbt“, sagt Stockfisch. Außerdem dürften nicht mehr als drei Prozent Störstoffe wie Müll oder Pappe dazwischen sein.

Sebastian Stockfisch und ich waten über den Hof bis in einen Bunker, in dem fünf Fußballfelder nebeneinander mit Altpapier vollgeschüttet sind. Von dort kippt ein Radlager das Material auf ein Fließband, über dem eine Digitalanzeige die Zahl 50,5 zeigt. „Das sagt uns, wie weiß das Papier ist“, erklärt Stockfisch. Am Ende wird es einen Weißegrad von 70 Prozent haben, also um ein Fünftel heller sein. Aber wie geht das? Wie wird ein bunter Bogen wieder jungfräulich?

In der Anlagenhalle herrscht ein wüstenähnliches Klima. Es sind etwa 40 Grad, es weht ein leichter Wind, alles ist fast gleißend hell. Ich schaue mich um und sehe zwei Zylinder, die so groß sind wie Güterwagons. In ihnen wird das Papier wie in einer Waschmaschine erst einmal 20 Minuten ordentlich mit Natronlauge, Wasserglas und Peroxid durchgewaschen und aufgeweicht. Die Chemikalien werden danach aufbereitet und später im Kreislauf wiederverwendet. Aus den vormals trockenen Blättern wird ein krümelig-feuchter Brei, der an grauen Hafer­schleim erinnert. Er muss noch viel flüssiger werden, weswegen im Verlauf der Reinigung so lange Wasser zugeführt wird, bis zum Schluss nur noch ein Prozent Papier in der Suppe schwimmt. Durch Zentrifugalkräfte und Siebe werden CDs, Büro­klammern, Tackernadeln und Styropor entfernt. Wenn das Papier vom Dreck gereinigt ist, müssen auch die Druckfarben
weichen. Hier passiert nun also das so genannte Deinking.

Sebastian Stockfisch führt mich zu einer Röhre, die viele kleine Fensterklappen hat. Er öffnet eine und greift in einen grauen, schmierigen Schaum. Dem Papierwasser wurde Luft und eine eigens angemischte Seife aus Natronlauge und Fett zugeführt, in der sich die Druckpartikel und Feinstoffe lösen. Auf seiner Hand zerplatzen die Blasen und lassen kleine dunkle Punkte zurück. Die sauberen Papierfasern werden durch Filter und Pressen getrocknet und ausgewrungen, müssen sich durch ineinander verkeilte Zähne schlängeln, um auch die letzten Dreckpunkte abgerubbelt zu bekommen. Ich stehe schwitzend an der Metallleiter und fühle mich so glatt wie eine Papierfaser, da sagt Sebastian Stockfisch mit diabolischem Lächeln: „Und das geht jetzt noch mal von vorn los“ – glücklicherweise nur für das Papier. Wir gucken uns jetzt an, was mit dem fertig gereinigten, gebleichten, entfärbten Papierbrei passiert.

Die Papiermaschine ist so groß, dass ich meinen Kopf in den Nacken legen muss, um sie in ihrer ganzen Höhe anschauen zu können. Ich habe grüne Stöpsel in den Ohren und wandere das Monstrum aus Walzen ab. Zuerst wird das ganz flüssige
Papierwasser von einer feinen Düse auf zwei Siebe gespritzt. Wie beim handgemachten Papierschöpfen ist das der Moment, in dem sich die Papierfasern finden, ineinandergreifen und ein Blatt bilden. Der Rest ist im Grunde nur Trocknen. Dazu wird die Papierbahn zuerst auf einen grünen Fließ gedrückt, der sie zu einer Presse führt, die das Wasser herauspresst. Das reicht aber nicht, weswegen das riesige Blatt über viele, viele Zylinder wandert und mit Wärme getrocknet wird. Das ist so heiß, dass der Bereich extra verkleidet ist und ich meine Hand nur wenige Sekunden hineinhalten mag, als Sebastian Stockfisch eine kleine Tür öffnet.

Auf das getrocknete Papier kommt dann der so genannte „Strich“. Das bedeutet, das Papier wird hauptsächlich mit Kaolin, das auch bei der Porzellanherstellung verwendet wird, schlichtweg angepinselt. Wenn die Farbe trocken ist, wird das Papier noch so lange von fünf heißen Walzen gebügelt, bis es richtig glänzt. Dieser komplexe Vorgang hat gerade einmal wenige Sekunden gedauert. Dann ist das fertige Papier auf einer besonders dicken „Mutterrolle“ oder Tambour-Rolle aufgewickelt und muss nur noch zurechtgeschnitten werden. Und dann? Kommt endlich neues Leben aufs Papier?

„So einfach ist das nicht“, sagt Jerome Wallach. Es ist ein neuer Tag, die Sonne scheint wieder und vor mir steht der Papier­berater des Großhändlers E. Michaelis & Co. an einem Flipchart. Mit schwarzem Filzstift zeichnet Wallach den Kreislauf eines Papierblattes auf. Verbraucher, Entsorger, Recycler, Papier­hersteller, Großhandel, Druckereien. „Wir sind die Schnittstelle“, sagt er. „Ohne uns geht es nicht.“ Die Schnittstelle von E. Michaelis & Co., einem Mitglied der IGEPA group, ist eine Lager­halle, in der zwei Fußballfelder Platz fänden. Gabel­stapler fahren durch die sechs Stockwerke hohen Regale und holen Paletten mit sorgfältig verpacktem Papier mit dem grünen IGEPA-Logo heraus. Obwohl Recyclingpapier wegen der aufwändigen Herstellung etwa um ein Fünftel teurer ist als Papier aus Frischfasern, ist die Nachfrage in den vergangenen drei Jahren stark angestiegen. „Das ist kein bloßer Trend mehr“, sagt Wallach, „da hat ein langfristiges Umdenken eingesetzt.“ Jeden Tag beliefert der Großhändler etwa 250 Kunden, wie Weiterverarbeiter und Druckereien, in und um Berlin. Eine, an die auch Recyclingpapier geliefert wird, schaue ich mir genauer an.

In der Druckerei Schlesener steht gleich im Flur eine wuchtige grüne Druckmaschine aus vergangenen Zeiten. Aus ihr heraus wuchern Zweige einer Zimmerpflanze. So kann Recycling also auch aussehen, denke ich. „Sie wollen das neue Leben Ihres Magazins kennen lernen?“, fragt der Geschäftsführer Wolfgang Schulz-Heidorf und schmunzelt. „Na dann kommen Sie mal mit.“

Wir gehen in eine helle Halle, in der die Druckmaschinen anders aussehen als die mit der Zimmerpflanze. Eine Mitarbeiterin legt einen Stapel Recyclingpapier in das Papierfach. Saugnäpfe heben die Blätter einzeln an und schicken sie in die Druck­maschine, auf der vier Farbbehälter stehen: Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Die Farben werden über ein Gummituch von den Druckplatten auf das weiße Papier gebracht. Die lichtempfindlichen Platten werden zuvor in einem anderen Raum vorbereitet: Ein Laser schießt Bildinformationen auf Aluminium­platten. Wo die Dioden aufschlagen, kristallisiert die Ober­fläche und wird hart. Der weiche Rest wird abgespült – und die Buchstaben und Bilder werden sichtbar.

Das passiert viermal – für jede Farbe eine Platte. Am Ende der Maschine kommt das bunt bedruckte Papier herausgeschnippt. Wolfgang Schulz-Heidorf guckt mich erwartungsvoll an. Ich bin erleichtert: Aus meinem Magazin ist auch im zweiten Leben etwas Anständiges geworden – ein neues TrenntMagazin.

TEXT Clara Bergmann | FOTOS Stephan Pramme