Die Charlottenburger Drei

Noch bevor es überhaupt das Wort Recycling gab, wurde in Preußen bereits der Müll getrennt. Peter Thaben, vom Verein „Saubere Zeiten“, erinnert an einen Pionierversuch vor 100 Jahren.

Es gibt da so ein Klischee: Wenn es um das Trennen von Müll geht, dann seien wir Deutschen unschlagbar. Als läge es uns im Blut, sortieren wir angeblich mit Akribie und Aufmerksamkeit unsere Verpackungen, mit geübtem Schwung rollen wir die bunten Tonnen vor die Tür. Das haben wir so seit den 60er Jahren gelernt, als die Öko-Bewegung in der BRD aufkam und die DDR ihre Sekundärrohstoffe in Bollerwagen sammelte. Tatsächlich ist die Idee, den Müll in unterschiedliche Eimer zu werfen, aber viel älter. Durchforstet man stadthistorische Unterlagen, dann stößt man auf ein interessantes Experiment in Charlottenburg.

Nach Berlin war Charlottenburg damals die zweitgrößte Stadt in der Provinz Preußen. 1840 lebten 7.000 Einwohner hier, 50 Jahre später 100.000 und 1913 schon 306.000. Mit der wachsenden Bevölkerungszahl wuchs auch der Müll. Er konnte nicht mehr, wie zu Dorfzeiten, einfach auf die Straße gekippt werden, wo der Regen und die frei laufenden Schweine das Problem beseitigten. Eine Polizeiverordnung von 1875 verbot es den Einheimischen, ihre Abfälle in den Rinnsteig zu spülen, weil er stank und die Kanalrohre verstopfte. Der Müll sollte stattdessen im Hof gesammelt werden, bis beauftragte Fuhrleute die Reste auf öffentliche Müllplätze karrten. Das funktionierte einige Jahre: Der Müll wurde auf Kähne verladen und zu einem Brachland bei Spreenhagen verschifft. Aber dann kam der Winter 1899/1900. Spree und Havel froren komplett zu, an Schiffstransporte nicht zu denken. Berlin und Charlottenburg saßen auf ihrem Müll. Neue Wege bei der Müllentsorgung waren gefragt. Im April 1907 beauftragte der Magistrat die „Charlottenburger Abfuhrgesellschaft m. b. H.“ (CHA) mit der Müllabfuhr der Stadt. Sie war nicht nur der billigste Anbieter, sie bot auch ein System zur Mülltrennung an, das den Müll reduzierte und sogar Gewinn beim Verwerten versprach – das „Dreiteilungssystem“.

Der Müll wurde getrennt in: 1. Küchenabfälle 2. Lumpen, Scherben, Holz, Metall 3. Asche und Kehricht

Der Charlottenburger Bürgermeister Schustehrus fand dieses Dreiteilungssystem „eine ausgezeichnete Idee, weil sie nicht nur hygienisch vortrefflich wirkt, sondern auch nationalökonomisch zweckmäßig ist, … weil neue Werte aus ihnen (den Abfällen) geschaffen werden“.

In den Haushalten wurden Sammelspinde aufgestellt. Der Spind hatte drei Einwurfschächte: Die sperrigen Abfälle kamen in das linke Fach, Küchenabfälle rechts oben und Asche und Kehricht in das Klappfach darunter. Auf den Höfen der Häuser sah es nicht viel anders aus als heute: drei Sammelbehälter für drei Abfallarten. Mit Rundschreiben an die Haushalte, Unterricht in den Schulen und organisierten Besichtigungen der Sortieranlage erklärte ein „Verein für gemeinnützige Abfallverwertung“ die Vorteile der „Dreiteilung“ und versuchte, die Bevölkerung für das Mülltrennen zu begeistern.

Was passierte mit dem dreigeteilten Müll? Asche und Kehricht wurden mit der Bahn zur Deponie Röthehof gebracht. Die anderen Abfälle kamen nach Seegefeld in eine große Sortierhalle. Dort wurden die Reste grob gereinigt und für den Verkauf sortiert. Was nicht verkauft werden konnte, verbrannte man im Kesselhaus der Sortierhalle. In Seegefeld wurden auch die Küchenabfälle als Mastfutter für 2.000 Schweine aufbereitet.

Aber so gut die Idee auch war – die Zeit war noch nicht reif dafür. Schon in den ersten Monaten kam es zu einigen Rückschlägen. 1907 wurde Seegefeld von der Schweinepest heimgesucht, in deren Folge ein großer Teil der Küchenabfallverwerter starben. Damit fiel ein wesentlicher Teil des Entsorgungsweges aus und der Gewinn aus der Schweinemästerei weg. Die Müllverlade­halle für den Bahntransport wurde nicht rechtzeitig fertig. Dadurch wurde der Transport teurer. Statt des geplanten Gewinns von 600.000 Mark verbuchte die Stadt 1908 einen Verlust von fast einer halben Million. Die Müllgebühren mussten von 1,30 Mark auf 1,80 Mark pro Haushalt und Jahr erhöht werden. Auch in den folgenden Jahren kam die „Dreiteilung“ nicht aus den roten Zahlen heraus. Nach den technischen Anfangsschwierig­keiten bereitete die mangelhafte Sortierfreude der Haushalte Verdruss. Die in die falschen Behälter geworfenen Abfälle verursachten zusätzlichen Aufwand in der Sortieranlage. Die „Dreiteilung“ wurde zur teuersten Müllentsorgung Deutschlands.

In einem Bericht des Magistrats zur Müllsituation 1913 wurden die Versäumnisse zusammengetragen, die zum Scheitern des Projekts führten. Neben zu hohen Abfuhrkosten und einer ungerechten Gebührenverteilung wurde die fehlende Mitarbeit der Bürgerschaft beim Trennen bemängelt: „Die Erfahrung hat nun gezeigt, daß es nicht möglich ist, eine großstädtische Einwohnerschaft von 300.000 Köpfen für eine Sache dauernd zu interessieren und zu freiwilliger Mitarbeit zu bewegen, welche dem Interessenkreis und auch wohl dem Verständnis des Einzelnen verhältnismäßig fern liegt.“

Das endgültige Aus für den ersten Versuch in Deutschland, den Müll im Haushalt zu trennen, kam im Ersten Weltkrieg. Die Pferde und die Müllmänner mussten an die Front. Eine ordentliche Entsorgung war nicht mehr möglich. Am 13. April 1917 stellte die Abfuhrgesellschaft ihren Betrieb ein. Die „Dreiteilung“ war am Ende. Wenn man sich das Charlottenburger Experiment heute anschaut, wird klar: Den Deutschen ist das Mülltrennen nicht angeboren. Es dauerte fast 100 Jahre, bis Recycling zum deutschen Klischee werden konnte.