Professor Unrat – Im Interview: Bernd Bilitewski

Der Abfallforscher Bernd Bilitewski beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Müll. Ein Gespräch über verräterische Tonnen, vorbildliche Lehrerhaushalte und die Sache mit den Kronkorken.

Herr Bilitewski, Sie beschäftigen sich seit 36 Jahren mit dem Thema Müll. Wenn Sie heute in eine Mülltonne schauen: Was können Sie da lesen?
Dazu müsste ich erst mal wissen, in welche ich schaue. In vielen Häusern teilen sich ja mehrere Mietparteien eine Tonne. Würde ich in die Müllbeutel der Mieter schauen, könnte ich schon etwas erkennen.

Und was?
Ich könnte an den Flaschen erkennen, ob er Wein- oder Biertrinker ist. Oder welche Zeitungen er liest. Ob er viel Gemüse isst oder viele Lebensmittel in Dosen kauft. Am Ort der Müll­entstehung lässt sich genau erkennen, welches Verhalten der einzelne Bürger hat.

Haben Sie da unterschiedliche Typen im Kopf?
Im Prinzip ja. Man kann sehr genau unterscheiden, welchen Müll zum Beispiel ältere Menschen produzieren. Ältere haben in der Regel eher kleinere Verpackungen. Außerdem haben sie weniger Hausmüll, weil sie meistens recht gut trennen. In einer Studentenwohnung werden Sie das Gegenteil finden – die trennen ziemlich schlecht oder gar nicht.

Warum ist das so?
Mein Eindruck ist, dass ältere Leute eher bereit sind, einen Einsatz für die Gesellschaft zu bringen. Ich sage immer zu meinen Studenten: Ihr wollt die Welt verbessern mit euren Ideen, aber fangt noch nicht mal bei eurer eigenen Mülltonne an.

Wie sieht der ideale Haushalt aus?
Wir haben das mal untersucht: Am besten funktioniert die Mülltrennung in einem Lehrerhaushalt, wo der Mann arbeiten geht und die Frau zuhause bleibt, kocht und die Kinder zum richtigen Wegwerfen anleitet. Das funktioniert am besten – natürlich nur nach Abfallgesichtspunkten, nicht dass Sie denken, ich bin sexistisch.

Und wie wohnt die ideale Familie? 
Stadt, Land, Wohnung oder Haus?
In Einzelhaushalten ist die Recyclingquote hoch, weil derjenige, der den Müll rausbringt, auch die Rechnung dafür bekommt. Er hat also einen Anreiz, die Hausmüllmenge zu reduzieren, besser zu trennen und damit Geld zu sparen. In großen Wohnblocks sieht das anders aus. Wenn ich als älterer Herr gut recycle und neben mir eine WG mit Studenten wohnt, wird das gar nicht wirksam.

Wir sprechen über das artige Trennen und Recyceln von Müll. Stimmt es denn, dass wir Deutsche vorbildlich sind?
Die Behauptung, dass wir Weltmeister im Trennen sind, ist schon lange nicht mehr der Fall. Die Dänen, Schweden und Holländer sind hervorragend. Selbst die Spanier machen in verschiedenen Gebieten toll mit. Es hat sich sogar gezeigt, dass sich auch in Städten in Vietnam oder Indien 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung davon überzeugen lassen, ihren Müll zu trennen. Man muss sie nur gut aufklären, welchen Nutzen sie oder die Allgemeinheit davon haben.

Und welche Argumente überzeugen besser: finanzielle oder ökologische?
Wir haben in den 80er-Jahren Versuche gemacht, um zu gucken, wie sich ein Recyclingsystem starten lässt. Im Hamburger Stadtteil Bergedorf haben wir probeweise Kunststoff sammeln lassen und dabei ganz schnell 30 Prozent der Bevölkerung davon überzeugen können mitzumachen – ohne dass sie einen finanziellen Vorteil davon hatten. Das heißt, da ist auf jeden Fall immer auch ein altruistischer Faktor dabei.

Wie sieht das heute aus?
Etwa 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung haben sich so eine Art zweite Haut zugelegt und trennen ganz konsequent und sauber. In Dörfern können das sogar bis zu 80 Prozent sein. Und dann gibt es einen großen Teil von 35 Prozent, der das mal weniger gut und weniger schlecht macht: Der sagt: „Ach die Tonne ist voll – da werfe ich das mal in die andere rein.“ Und da sind Sie schon fast an den 100 Prozent dran.

Was ist mit den restlichen paar Prozenten?
Die sind absolut resistent und werden von Argumenten des Umweltschutzes nie erreicht. Die kapieren auch nicht, dass sie sogar Geld sparen können.

Was haben Sie in den vielen Jahren als Abfallforscher über Menschen gelernt? 
Es gibt bei den meisten Menschen einen Irrglauben. Wenn sie zum Beispiel einen Kronkorken in die Landschaft schmeißen, glauben sie, dass dieser eine Kron­­korken schon nicht die Umwelt ruinieren wird. Aber wenn das 80 Millionen glauben, dann wird es zum Problem. Dann liegen 80 Millionen Kronkorken rum. Das muss man den Menschen immer wieder klarmachen, sonst begreifen sie es einfach nicht.

Hat es Ihnen Hoffnung gegeben, dass Ihr Thema in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist?
Aber natürlich. Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema  auseinanderzusetzen, bin ich direkt aus dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an die TU Berlin gegangen und habe als Assistent das Institut für Abfallwirtschaft als Erstes mit aufgebaut. Viele meiner Studienkollegen haben gesagt: Jetzt hast du dir doch schon die Karriere versaut, bevor du überhaupt losgelegt hast. Das wird doch nie was! Man konnte nicht ahnen, dass das so einen Aufschwung nimmt. Wir haben in den 70er-Jahren zum Beispiel über Batterierücknahme als eine Vision geredet, die vielleicht im nächsten Jahrtausend wahr werden könnte. Und da sind wir schneller vorangekommen, als wir das damals gedacht haben.

Eine gute Bilanz, oder?
Das finde ich auch. Es gibt aber immer noch viel zu tun. Die Materialforschung entwickelt immer was ganz Tolles wie Glasfaserkabel oder Nanopartikel und vergisst dann meistens, dass es auch entsorgt werden muss. Die rufen dann bei uns an und sagen: Ach ja, Recycling – daran haben wir ja gar nicht gedacht!

Prof. Dr. Dr. Bernd Bilitewski, Wirtschaftsingenieur, hat eine Professur für Abfallwirtschaft am gleichnamigen Institut der TU Dresden. Er ist vielfach ausgezeichneter, allseits geschätzter Spezialist seines Fachs, Mitherausgeber des Standardwerks Müll-Handbuch und international gefragter Lehrender und Sachverständiger.

INTERVIEW Clara Bergmann | FOTO Christoph Busse

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