Cyrill Gutsch: Plastik ist ein Designfehler

Der Designer Cyrill Gutsch will die Weltmeere vom Plastikmüll befreien. Warum wir uns aus einem der größten Umweltprobleme unserer Zeit herauserfinden können und wie das geht, erklärt er im Gespräch.

Cyrill Gutsch ist ein in Freiburg geborener Designer und Kreativ­unternehmer. Mit seiner Firma Cookies for all war er Berater und Stratege für Marken wie Coca-Cola und Levi’s – bis er dem Umweltaktivisten „Captain“ Paul Watson begegnete und beschloss, seine Energie neu zu investieren. Er gründete Parley for the Oceans, eine Organisation, die sich nichts weniger vorgenommen hat als die Rettung der Weltmeere. Gutsch lebt und arbeitet in New York.

Herr Gutsch, Sie haben als Grafikdesigner für die größten Marken der Welt gearbeitet, damit diese ihre Produkte besser verkaufen können. Dann kam eine 180-Grad-Wende – und Sie setzen sich heute mit voller Kraft dafür ein, die Weltmeere von Plastikmüll zu befreien. Was ist passiert?

Ich bin vor vier Jahren dem Aktivisten Paul Watson begegnet, der mit seiner Organisation Sea Shepherd Conservation Society versucht, die Weltmeere zu schützen. Das war beeindruckend, aber ich fragte ihn, warum er seine Energie für etwas einsetzt, das doch völlig hoffnungslos ist. Und er sagte: Die hoffnungslosen Fälle sind die einzigen, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Und das hat Sie inspiriert?

Ja. Bevor ich Watson getroffen habe, war ich mir sicher, dass die Welt den Bach runtergeht. Dabei denke ich mir in meiner Arbeit doch gern aus, wie es weitergehen kann, wenn etwas kaputtgeht. Mir wurde bewusst, dass man sich auch aus dieser Krise herauserfinden kann.

Herauserfinden?

Ja, das war allerdings ein längerer Prozess. Als ich 2012 mit meiner Partnerin die Organisation Parley for the Oceans gegründet habe, waren wir überzeugt, dass wir nur die richtigen Leute an einen Tisch bringen müssen, damit sich etwas bewegt. Schließlich war die Notlage der Meere jedem bewusst: Überfischung, Übersäuerung und Verschmutzung durch Plastikmüll – das waren Tatsachen, von denen jeder wusste.

Sie haben Ihr persönliches Netzwerk in New York genutzt und zu einem Vortrag von Paul Watson prominente Gäste wie den Filmemacher Steven Soderbergh, den Schauspieler Leonardo DiCaprio und die Künstlerin Laurie Anderson eingeladen. Ihr Ziel war ein Brainstorming, an dessen Ende die konkrete Unterstützung der Kreativen für die Sea Shepherd Conservation Society stehen sollte. Hat das funktioniert?

Für mich war es eine Lernerkenntnis der besonderen Art: Nachdem die Gäste nämlich Paul Watson zugehört hatten, der über die dramatische Situation der Ozeane berichtete, fiel ihnen nichts Besseres ein, als unser Treffen in ein Restaurant zu verlegen – ein Sushi-Restaurant, ausgerechnet! Ich war wie vor den Kopf geschlagen: Hatten die denn gar nichts kapiert? Und dann ging mir auf, dass der Erhalt der Meere zwar ein Konsensthema ist, aber eben keines, das die Menschen persönlich berührt. Sie bestellen trotzdem ihr Thunfisch-Nigiri in aller Unschuld.

Und wie haben Sie sich aus dieser Erkenntnis herauserfunden?

Was wir gelernt haben, ist: Wenn du es nicht schaffst, eine Problemlösung zu finden, dann interessiert es niemanden. Die Leute sind frustriert. Sie denken sich: ‚Warum soll ich über etwas nachdenken, was ich nicht bewältigen kann? Das versaut mir nur den Tag.‘

Also haben Sie mit Parley for the Oceans ein konkretes Produkt entwickelt.

Wir haben zuerst ein spezielles Problem in den Blick genommen – die Plastikverschmutzung. Dafür haben wir den verständlichen Begriff ‚ocean plastic‘ geprägt. Er birgt in sich eine Problem­beschreibung und ein mögliches Produkt – nämlich ein Material. Der nächste Schritt war dann, aus dem Material ein Produkt zu entwickeln, das so genannte Bionic Yarn. Dafür haben wir mit der niederländischen Jeansmarke G-Star zusammengearbeitet und eine Kollektion von Oberteilen und Jeanshosen entwickelt, die aus einem Mischgewebe aus Baumwolle und Bionic Yarn gefertigt wurden. Das Design hat der Musiker Pharrell Williams übernommen – der dann mit seinen Liedern ‚Happy‘ und ‚Lucky‘ großen Erfolg hatte. Die Aufmerksamkeit, die wir erzeugten, war noch größer als erwartet.

Profitierte Parley for the Oceans auch vom Verkauf der Produkte?

Ja, mit jedem verkauften Teil wurden Parley und unsere Entwicklungsprojekte unterstützt. Sprich, wir konnten dafür sorgen, dass an immer mehr Orten immer mehr Menschen Plastik aus dem Meer holen.

Wie funktioniert das genau? Räumen Sie und Ihre Mitarbeiter persönlich die Strände auf?

Der Ansatz von Parley ist immer ein kollaborativer gewesen. Unsere Stärke ist, die richtigen Menschen zusammenzubringen.
Für das Einsammeln von Plastik arbeiten wir mit Partnerorganisationen zusammen, die das zum Teil seit 15 bis 20 Jahren machen. Früher haben sie das gesammelte Plastik auf den Müll geworfen, jetzt fangen wir es ab. Wir haben das ‚Parley Cleanup Network‘ aufgebaut und eine Zertifizierung entwickelt, wie wir Plastik sammeln – unter welchen Bedingungen, wie wir die Menschen dafür bezahlen, wie das Material sortiert, komprimiert und verschickt wird.

Sie haben aus dem Müll eine Ressource gemacht.

So ist es. Allerdings geht es dabei nicht nur um Wertschöpfung. Der Materialwert des Plastiks ist viel zu gering, besonders jetzt, da der Ölpreis so niedrig ist. Wenn wir unseren Partnern den Wert des Plastiks zahlen würden, hätten sie kaum etwas davon. Stattdessen unterstützen wir sie im Management, mit Ausrüstung, Material und auch Geld. Inzwischen haben wir weltweit 1.800 Partner, die lokal Plastik sammeln. In Europa, Amerika, den Malediven, Mali und Jamaika. Durch ihren Einsatz können wir Daten sammeln: Welches Plastik und wie viel davon gibt es wo? Außerdem erzeugen wir mit ihrer Hilfe Aufmerksamkeit für das Thema. Und da vor Ort auch immer die Medien und die Regierung eingebunden werden, ist das Plastiksammeln auch ein Werkzeug zur Lobbyarbeit.

Was kann das verändern?

Ein Aspekt unserer Arbeit ist es, altes Plastik zu recyceln und als Ressource zu nutzen. Ein anderer ist, Menschen davon zu überzeugen, kein Plastik mehr zu benutzen.

Sie arbeiten seit dem letzten April mit Adidas zusammen. Einem Sportartikelhersteller, dessen Schuhe geschätzt zu 90 Prozent aus Kunststoff, also Plastik, bestehen. Wie passt das zusammen?

Wir haben mit Adidas einen Vertrag über fünf Jahre geschlossen, in dem sie sich verpflichten, Parley zu unterstützen. Bestandteil dieses Vertrags ist auch, dass Adidas in seinen Standorten weltweit aufhört, Plastik zu benutzen. Seit letztem Jahr gibt es in keiner Kantine von Adidas mehr Plastikflaschen oder Plastikstrohhalme. In den Kosmetikartikeln werden seit letztem Jahr keine Nanopartikel mehr verwendet und im Laufe dieses Jahres wird Adidas weltweit auf die Verwendung von Plastiktüten verzichten.

Und wie sieht es mit den Sportschuhen aus?

Auch da verfolgt Adidas ehrgeizige Ziele. Im letzten Jahr haben wir die so genannte Futurecraft‘-Mittelsohle entwickelt – sie wird mit einem 3D-Drucker aus Ozeanplastik hergestellt. Für die massenhafte Fertigung muss sie noch optimiert werden, aber es geht um mehr, als ein Vorzeigeprodukt herzustellen.

Nämlich?

Neben unterschiedlichen Produkten, die aus unserer Zusammenarbeit entstehen und mit recyceltem Plastikmüll arbeiten,
finanziert Adidas uns ein Rechercheprojekt zum Thema ‚End of Life‘. Was passiert mit alten Schuhen, die nicht mehr getragen werden?

Stichwort zirkuläres Wirtschaften. Altes Material wird zurückgenommen, recycelt und zu neuen Produkten verarbeitet?

Zum Beispiel. Für Rücknahmesysteme gibt es bereits Pilot­projekte. Die Idee ist, alte Schuhe als Ressource zu begreifen. Vielleicht können wir in Zukunft unsere Schuhe einschmelzen und neue Modelle drucken? Wir setzen gemeinsam mit Adidas die AIR-Strategie um, die wir mit Parley entwickelt haben – AIR, das steht für avoid, intercept, redesign. Dieser Dreiklang bedeutet erstens: Vermeide es, Plastik zu nutzen, wo immer du kannst, und verwende recyceltes Plastik, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Gib deinen Kunden die Möglichkeit, das Gleiche  zu tun, entlang der gesamten Lieferkette. Zweitens: Unterbrich die Plastikproduktion, indem du Plastikmüll sammelst, recycelst, und sorge mit möglichst geschlossenen Produktionskreisläufen dafür, dass kein neues ‚virgin plastic‘ hergestellt werden muss. Drittens: Wir redesignen Produkte ökologisch sinnvoll und steigern so die Attraktivität von Recyclingprodukten. Und wir arbeiten daran, Plastik abzuschaffen und durch neue Materialien zu ersetzen. Konkret werden wir mit Adidas noch in diesem Jahr weitere Produkte lancieren, darüber hinaus forschen wir an der Produktion neuer Produkte, Materialien und auch Klebstoffe, alle aus recyceltem Plastik.

Sie wollen Plastik abschaffen?

Plastik ist ein Designfehler. Einmal produziert lässt es sich aus der Umwelt nicht mehr entfernen. Auf recyceltes Plastik umzu­steigen, kann nur ein Zwischenschritt sein. Mit Parley ist es unser Ziel, neue Lösungen zu finden. Nimm beispielsweise die Plastikflasche. Vielleicht kann man die nicht sinnvoll neu erfinden. Vielleicht muss in Zukunft alles Wasser Leitungs­wasser sein, das mithilfe von Technologie den guten Geschmack eines San-Pellegrino-Wassers erhält. Und vielleicht verdient San Pelle­grino Geld damit, die Software zu besitzen, die diesen Geschmack produziert.

Abgesehen von der Partnerschaft mit Adidas – wie ist denn Ihr Plan für die kommenden fünf Jahre?

Mein Ziel ist es, in jeder Branche einen Partner wie Adidas zu finden. Noch in diesem Jahr beginnen wir eine Kooperation mit der NASA, im Sport konnten wir die Organisation Surfers Against Sewage für uns gewinnen, ich verhandele mit der Automobil- und der Modebranche. Und ich will eine Konsumentenbewegung schaffen. Für die Lufthansa habe ich in meiner Zeit als Werber Payback entwickelt – ein System, mit dem die Kunden durch ihre Einkäufe Punkte sammeln konnten, die ihnen Vergünstigungen bei der Flugbuchung einbrachten. So ein System braucht man für die Umweltbewegung auch. Schließlich handeln die Leute, wenn sie einen persönlichen Vorteil erhalten. Wenn man sich also eine Belohnung verdient, indem man beispielsweise Starbucks oder McDonalds überzeugt, nicht länger Plastikstrohhalme zu verwenden, dann ist es den Einsatz wert. Wir brauchen eine Bewegung aus Unternehmern, kreativen Industrien und Konsumenten. Mag sein, dass es zehn Jahre dauert, bis es sie gibt, aber ich bin guter Dinge.

INTERVIEW Alex Bohn | FOTO Lars Borges

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