Schrumpf Dich glücklich

Die Wirtschaft muss wachsen, wachsen, wachsen, sagen Politiker. Der Ökonom Niko Paech dagegen hält ein ständiges Plus für einen Irrweg. Im Interview erklärt er, warum wir dringend eine Kultur des Weniger brauchen, warum wir Knöpfe wieder selber annähen und unsere Fahrräder wieder eigenhändig flicken sollten.

Herr Paech, wenn wir über Kreisläufe reden: Sprechen Sie da als Befürworter oder als Gegner?
Sowohl – als auch. Dass Kreisläufe wie in der Natur zum Vorbild werden für eine Welt ohne Müll, halte ich für eine gute Idee. Was mich nervt, ist der Hype, der darum gemacht wird. Kreisläufe werden vermarktet wie ein Heilsversprechen. Sie werden aber unsere Probleme nicht lösen.

Warum nicht?
Wenn wir Kreisläufe konsequent umsetzen würden, müssten wir uns von unserem Wohlstandsmodell verabschieden. Beide sind nicht miteinander vereinbar. Unser Wirtschaftssystem beruht ja gerade darauf, das Kreislaufprinzip nicht einzuhalten.

Wird Nachhaltigkeit beim Thema Kreisläufe also zu sehr auf ein rein technisches Problem reduziert?
Oh ja. Nehmen wir das Beispiel Verpackungen. Da kommen die Kreislaufjünger und erzählen uns: Nicht wer wegwirft, ist das Umweltproblem, sondern wer Verpackungen so konstruiert, dass sie nicht weggeworfen werden können.

Aber was ist falsch daran, Dinge endlich nicht mehr aus Materialien zu produzieren, die für Jahrtausende zum Problemstoff werden?
Nichts. Aber das heißt eben nicht, dass wir dann keine ökologischen Schäden mehr verursachen. Was ist mit dem Aufwand für Produktion, Transport und Recycling? Ich finde es toll, wenn T-Shirts kompostierbar und hautfreundlich sind. Aber haben Sie mal über die Baumwolle nachgedacht, die dafür aus Indien herangekarrt werden muss? Mich stört an dem Kreislauf-Gerede, dass unser Konsumverhalten und unser Rohstoff- und Energieverbrauch überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Was nützen uns denn essbare Sitzbezüge in der First Class eines Airbus A380? Wir brauchen weniger Flugzeuge, weniger Flüge.

Die Kreislauf-Idee ist also nicht radikal genug?
Sie macht uns weis, wir könnten einfach so weiterleben wie bisher. Und wir, wir wollen das natürlich gerne glauben. Dass es aber vermutlich für die meisten Produkte keine Kreislauf-Lösungen gibt, die ökologisch wirklich was bringen, ignorieren wir einfach. Sonst müssten wir unser Wirtschaftssystem in Frage stellen.

Dass sich der in den vergangenen 30 Jahren geschaffene globale Kapitalismus in einer tiefen Krise befindet, haben aber doch mittlerweile wirklich alle verstanden.
Dass die Kritik am Kapitalismus noch nie so bunt blühte wie heute, sollte niemand verblüffen. Er liefert seinen Gegnern die Argumente frei Haus. Aber hat sich etwas geändert? Nein, und das kann es auch gar nicht, solange alle Alternativen unter dem Vorbehalt diskutiert werden, dass am Wohlstandsmodell nicht zu rütteln ist.

Ihnen da jetzt mit der Binsenweisheit zu kommen, dass ein Problem zu lösen mit der Erkenntnis anfängt, dass es eins gibt, bringt uns wahrscheinlich nicht sonderlich weiter, oder?
Jedenfalls doktern Kreislaufkonzepte nur an den Symptomen herum. Und bergen die Gefahr, zum Alibi zu werden.

Ein Alibi für wen?
Für uns. Damit wir nichts ändern müssen. Es immunisiert unseren Lebensstil gegen jede Mäßigung. Wir fliegen einfach weiter viel herum, besorgen uns aber das Gemüse immer hübsch von einer Dachfarm, tragen recycelbare Schuhe und schwenken dazu eine Bionade-Flasche im Takt. Eine Art ökologischer Ablasshandel? Genau. Aber nicht nur das. Kreisläufe könnten auch ein prima Alibi für Hersteller werden, die Lebensdauer ihrer Produkte noch weiter absichtlich zu verkürzen. Nach der Logik: Was früher kaputt ist, muss schneller nachgekauft werden. Diese Strategie zur Renditemaximierung sieht mit dem Kreislauf-Etikett für Verbraucher dann ökologisch völlig okay aus, weil in einem geschlossenen Kreislauf jedes Produkt wieder zum Rohstoff für neue Produkte wird.

So gesehen wäre das Grünfärberei.
Statt Herstellern künftig also noch ein ökologisches Argument dafür zu liefern, ihre Geräte so zu bauen, dass sie just dann kaputtgehen, wenn die Garantie abläuft, sollten wir sie lieber dazu bringen, in Langlebigkeit zu investieren und in die Austauschbarkeit von Einzelteilen. Reparieren sollte wieder in Mode kommen.

Das klingt auch nach einer neuen Bescheidenheit.
Fangen wir an, unser Leben zu entrümpeln und zu entschleunigen. Verzichten wir auf Fernreisen. Kaufen wir mehr Produkte aus der Region, weil die nicht so hohe Transportkosten verursachen. Nutzen wir Produkte länger, pflegen und reparieren sie – und besorgen sie uns lieber gebraucht als neu oder versuchen gleich, sie mit anderen zu teilen. Nähen wir Knöpfe wieder selber an, flicken wir unsere Fahrräder wieder eigenhändig.

Aber auch das ist kein Allheilmittel. Denn damit blenden Sie aus, dass Menschen weder tumbe Konsumtrottel noch verzichtbereite Öko-Heilige sind.
Indem wir den ganzen Wohlstandsballast abwerfen, der unser Leben verstopft, Geld kostet und die Umwelt zerstört, holen wir uns auch ein Stück Souveränität zurück. Wir sehen doch, dass noch mehr materieller Wohlstand nicht dazu führt, dass wir glücklicher werden.

Wenn Menschen mangels Wachstum keine Arbeit finden, werden sie allerdings auch nicht glücklicher.
Wenn wir ohne Wachstum auskommen wollen, müssen wir Arbeit ganz anders organisieren, sodass nicht manche mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten und andere null. Warum arbeiten wir nicht nur 20 Stunden pro Woche für Geld und verwenden die anderen 20 Stunden dafür, das geringere Einkommen durch moderne Formen der Selbstversorgung zu ergänzen?

Klingt, als ob wir nur ein bisschen Mut bräuchten. Praktisch aber weiß niemand, wie unser System aussähe, wenn ihm der Wachstumsdrang ausgetrieben ist?
Aber ich kenne dazu keine Alternative. Die ökologischen Wachs­tumsgrenzen haben wir bereits überschritten, die ökonomischen zeigen sich immer deutlicher. Denken wir nur an die grassierende Verschuldung und die immer knapperen Ressourcen.

In Griechenland und Spanien lässt sich gerade besichtigen, was eine schrumpfende Volkswirtschaft bedeutet. Sehen Sie darin wirklich ein Modell für die Zukunft?
Diese Länder liefern Argumente für und nicht gegen einen Abschied vom Wachstum. Sie sind nicht Prototyp einer Post­wachs­tumsökonomie, sondern Ausdruck des Scheiterns einer auf Wachstum beruhenden Konsumgesellschaft – die ist dort unkontrolliert zusammengebrochen. Eine Wirtschaft ohne Wachstum ist keine Utopie. Die nächsten Finanz- und Ressourcenkrisen werden uns das lehren.

Vielleicht neigen wir aber auch dazu, die gegenwärtige Krise als Endzeit zu betrachten. Was, wenn wir sie als Gründerzeit sehen und mit grünen Technologien einen Wachstumsschub schaffen?
Das klingt verlockend, nicht? Doch die Annahme, dass sich die Spannung zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum durch vermeintlich grüne Technologien auflösen lässt, beruht auf einem Irrglauben. Auch erneuerbare Energien gibt es nicht zum ökologischen Nulltarif.

Wer glaubt, die Wirtschaft könnte ohne Umweltschädigung weiter wachsen, glaubt also an ein Wunder?
An zwei sogar. Erstens an die ökologische Unbedenklichkeit steigender Produktions- und Konsummengen. Und zweitens, dass die zur Neige gehenden Ressourcen bloß ersetzt werden müssen.

Bio-Lebensmittel, Öko-Strom, Car-Sharing oder Produkte, die in Kreisläufen funktionieren – alles Quatsch?
Der Logik des Ist-doch-besser-als-gar-nichts ist schwer zu widerstehen, ich weiß. Nur: Es gibt keine Produkte oder Dienstleistungen, die Resultat eines arbeitsteiligen und geldbasierten Wirtschaftens sind und deren Produktion, Nutzung und Entsorgung weder Fläche noch Energie noch andere Ressourcen verbraucht. Eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und ökologischen Schäden halte ich für undenkbar.

Verzichtsdiktatur statt Wachstumsfuror – kann ökonomische Stagnation wirklich ein Beitrag zur Lösung von Umweltproblemen sein?
Ich schlage fünf Stationen vor. Erstens geht es – wie schon gesagt – darum, unser Leben zu entrümpeln. Fragen wir uns doch jeder für sich und auch als Gesellschaft: Von welchen Energie­sklaven, Konsum- und Komfortkrücken können wir uns befreien? Werfen wir den Ballast ab, der Zeit, Geld, Raum und ökologische Ressourcen beansprucht, uns aber nicht glücklicher macht.

Und zweitens?
Alles, was wir kaufen müssen, macht uns zu potenziellen Globalisierungsopfern. Wir brauchen also eine Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung. Soll heißen: Verkürzung der Arbeitszeit zur Steigerung der Eigenversorgung, Community-Gärten, Tauschringe, Nachbarschaftshilfe, Verschenkmärkte, Gemeinschaftsnutzung von Geräten. All das führt zu einer graduellen Unabhängigkeit von Geld und verbraucht weniger Energie und Ressourcen. Daran knüpft Punkt drei an, eine stärkere Regionalökonomie.

Regionale Märkte beispielsweise.
Ja genau, aber auch Formen der solidarischen Landwirtschaft. Und für die Konsumansprüche, die dann noch übrig bleiben, müssen wir viertens die stark reduzierte konventionelle Wirtschaft so umbauen, dass Produkte viel länger oder intensiver genutzt werden können.

Bleibt noch fünftens.
Wir brauchen neue Regeln für das Geldsystem und neue Eigen­tumsrechte. Die wurden zu einer Zeit geschaffen, als es allein um Wachstum ging. Wenn wir ernsthaft eine nachhaltige Entwicklung mit einer absoluten Reduktion des Ressourcenverbrauchs anstreben, müssen wir diese Wachstumszwänge durch institutionelle Reformen bändigen.

Ist das eine Absage an die Idee einer Kreislaufwirtschaft?
Nein. Kreisläufe können Umweltschäden in manchen Fällen reduzieren, aber eben nicht vollständig abschaffen. Deshalb müssen sie eingebettet sein in ein viel größeres Konzept – und zwar eines, das dem Wachstum eine radikale Absage erteilt. So wie wir Kreisläufe derzeit umsetzen, drohen sie bloß zum Versuch zu werden, unser Wachstumsmodell zu retten. Die Zeit des Wachstums ist aber vorbei.

Niko Paech ist Professor an der Universität Oldenburg. Dort vertritt er seit 2008 den Lehrstuhl für Produktionswirtschaft und Umwelt. Seit seinem Buch „Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ gilt der 52-Jährige als Deutschlands radikalster Wachstumskritiker. Seine Grundannahme ist so trivial wie unbestreitbar: In einer endlichen Welt kann die Wirtschaft nicht unendlich wachsen. Er selbst lebt vor, was er in seinen zahllosen Vorträgen predigt: umwelt­schonenden Verzicht. Von allen, die über Nachhaltigkeit reden, will er wissen, wie oft sie fliegen.

www.postwachstumsoekonomie.org

INTERVIEW Max Gehry | FOTOS Barbara Dietl

Illustration im Bildhintergrund
Michael Zander | www.herr-zander.de & Katalin Pöge | www.kombigator.de