Neues aus der Trenntforschung – Im Interview: Sonja Windmüller

„Mich fasziniert das Brüchige und Randständige.“

Sonja Windmüller, Professorin für Volkskunde und Kulturanthropologie an der Universität Hamburg, hat sich einem schmutzigen Thema gewidmet. 
In ihrem Buch „Die Kehrseite der Dinge“ (Lit Verlag, 2004) betrachtet sie Müll, Abfall und Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem.

Frau Windmüller, was ist Abfall in den Augen einer Volkskundlerin?
Grundsätzlich ist Abfall keine in den Dingen liegende „Qualität“, sondern eine von außen auf Gegenstände, aber auch auf Ideen und sogar Menschen gerichtete (Un-)Wertkategorie. Müll ist also nicht von sich aus Müll, er wird zu solchem erklärt. Die Vorstellungen darüber, was wertvoll ist und was wertlos, können dabei von Kultur zu Kultur andere sein und sich auch historisch verändern. Mitunter sogar sehr schnell. So wurden z.B. die DDR-Banknoten nach der Währungsunion 1990 erst in einem Stollen eingelagert und dann – vermischt mit Hausmüll – in einer Müllverbrennungsanlage vernichtet.

Wie sind Sie persönlich zum Thema Abfall gekommen?
Mich hat die kulturelle Dimension interessiert. Dass ich meine Dissertation über die „Kehrseite der Dinge“, den Müll, geschrieben habe, lag aber auch daran, dass mich das Brüchige und Randständige schon immer mehr fasziniert hat als das Perfekte und „Nur-Schöne“. Es gab da auch eine Forschungslücke: Es war zwar viel zu Herstellung, Aneignung und Gebrauch von Dingen geforscht worden – aber fast gar nicht zu den Praktiken des Aussonderns und Loswerdens.

Was fasziniert Sie an Abfall?
Dass er uns so nahe ist, so viel über uns aussagt und offensichtlich starke Emotionen auslösen und zum Nachdenken
anregen kann – nicht zuletzt über die eigene Endlichkeit.

Können Sie die wichtigsten 3 Forschungsergebnisse Ihrer Wissenschafts-Disziplin zum Thema Abfall und Abfalltrennung zusammenfassen?
1. Müll ist nicht nur ein technisch-organisatorisches und ökologisches Problem, sondern gibt auch Auskunft über Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Das zeigt sich zum Beispiel an der Müllverbrennung. Die Idee, dem Abfall eine „reinigende Flamme“ entgegenzusetzen, ist auch Ausdruck des Bedürfnisses, das „Schmutzige“, den „Unrat“ einem „Läuterungsprozess“ zu unterziehen. Das wird deutlich, wenn man sich in historischen Quellen die ersten Diskussionen zur Müllverbrennung anschaut.

2. Abfalltrennung hat über ihre ökologische Dimension hinaus eine die Gesellschaft ordnende und stabilisierende Funktion.

3. Die „Abfallarbeit“ zuhause ist nicht nur eine – hauptsächlich immer noch von den Frauen erledigte – Zusatzbelastung, sie wird auch zur sozialen Selbstpositionierung genutzt. Etwa wenn jemand seine Mülltonnen auswäscht, um in einer Gegend, wo das „so üblich“ ist, dazuzugehören.

Was waren Ihre verblüffendsten Erkenntnisse?
Dass Abfall durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihm eine Tendenz bekommt, sich zu verflüchtigen. Sobald ich ihm als Untersuchungsgegenstand einen Wert gebe, geht er in seiner Abfall-Qualität verloren.

Eine lustige Anekdote aus Ihrer Forschung bitte.
Zwei Journalisten eines „überregional bekannten Nachrichtenmagazins“, die an meiner Forschung interessiert waren, wollten mich interviewen. Der Atmosphäre wegen auf einem kommunalen Recyclinghof. Leider hatten sie vergessen, da eine Genehmigung einzuholen. Mitten im Interview kam der Leiter der Anlage und wollte wissen, was wir da machen. Der Hinweis der Interviewer, dass sie für dieses „angesehene Nachrichtenmagazin“ arbeiten, hatte nicht den erhofften Effekt: Wir mussten umgehend den Hof verlassen.

Gibt es auch eine peinliche Anekdote?
Wenn ja, würde ich sie nicht erzählen…

Hat die Abfall-Forschung Ihr Privatleben beeinflusst?
Aufgefallen ist mir, dass ich jetzt oft privat als Expertin für „richtiges Mülltrennen“ befragt werde. Auf Reisen gehören Abfallbeseitigungsanlagen zu meinen Sightseeing-Zielen. Und ein beachtlicher Teil meiner Urlaubsfotos zeigt Abfall-Stillleben.

Was werden wir Ihrer Meinung nach in 50 Jahren anders machen mit unserem Abfall?
Vielleicht gar nicht so viel. Die heute üblichen Dinge wie kommunale Abfuhr, Deponierung, Verbringung an möglichst abgelegene Orte, Verbrennung, industriell organisierte Sortierung (auch schon mit getrennter Sammlung in den Haushalten) und Aufbereitung wurden ja schon vor über hundert Jahren diskutiert und erprobt. Daher bin ich gespannt, ob es in fünfzig Jahren grundlegend neue Ideen geben wird oder, was ich für wahrscheinlicher halte, ob einfach unser heutiger Umgang mit dem Abfall weiter ausgebaut wird.

Kennen Sie einen guten Witz, in dem es um Abfall geht?
Der Klassiker von den Marx Brothers ist immer noch unschlagbar: „Der Müllmann steht vor der Tür. – Sag ihm, wir brauchen nichts!“

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